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Was war. Was wird. Von Rahmen und anderen Heimaten.

Manchmal wünscht man sich, die Außerirdischen griffen endlich an. Schluss mit all diesen Unsinnsdiskussionen in diesem unseren Heimatlande, grummelt Hal Faber.

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Was war. Was wird. Von Rahmen und anderen Heimaten.

Auch jemandes Heimat.

(Bild: Anton Petrus / shutterstock.com)

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Eine VW-Werbung, anno 68

*** Die Framing-Debatte ist wie ein Volkswagen. Sie läuft und läuft und läuft. Was da an stickigen und gasigen Gedanken erzeugt wird, misst niemand. Bestes Beispiel: Der Heimatlandtag der ARD mit einer anschließenden Diskussion der Heimat und der angeborenen Bringschuld von Migranten, eben diese unsere Heimat zu akzeptieren. Was natürlich auch ein Frame ist, man nehme nur die Debatte zum Einsatz der Bodycams bei der Bundespolizei, bei dem die Bilder der Bürger bis auf weiteres in einer vom BSI zertifizierten deutschen Cloud von Amazon in Frankfurt gespeichert werden. Damit unterliegen sie deutschem Recht und sind alles andere als "heimatlos".

*** Der kanadische Soziologe Erving Goffman entwickelte seine Theorie des Framing zu einer Zeit, als bei uns in Deutschland über Space Invaders diskutiert wurde. Natürlich wurde nicht über Space Invaders oder über Angriffe der Außerirdischen diskutiert, sondern über Killerspiele. Noch schlimmer: Geredet wurde über Killerspielautomaten, die in Killerspielautomatenhallen standen, in denen junge Menschen zu eiskalten Killern abgerichtet wurden und die nach stundenlangem Daddeln als Zombies auf die Straße torkelten. So geht Framing, da braucht man kein Berkeley Institute of Framing.

*** Natürlich gibt es auch in der IT genügend Ansätze zum Framing. Aktuell dokumentiert via First Monday ist der Fall, die Cybersicherheit als elektronisches Pearl Harbour oder "Cyber Pearl Harbour" zu beschreiben und zu framen. Erstmals in dem Buch Information Warfare: Chaos on the Electronic Superhighway dokumentiert, gelangte der Begriff durch einen Artikel von John Markoff zu großer Popularität, als dieser in der New York Times von einem elektronischen Schlachtfeld sprach, auf dem sich Staaten bekämpfen und versuchen, einander zu paralysieren, ohne dass dabei ein einziger Schuss fällt. Die Warnungen vor einem Cyber Pearl Harbour, einem Kalten Cyberkrieg oder einem digitalen 11. September klingen umso dramatischer, je mehr Einfallstore für Cyberattacken genannt werden. So eskaliert der Cyberkrieg vom Bundestag bis zum Staudamm. Wobei auch Soldaten angegriffen werden können, wie Bruce Schneier schreibt, der seit Jahren den Unfug anprangert, einen Cyberangriff mit Pearl Harbour zu vergleichen.

*** Ist es schon Framing oder einfach nur Dummheit? Während die Demonstrationen zur EU-Urheberrechtsreform laufen und dem lausigen Wetter trotzen, macht die Behauptung die Runde, dass es sich im Kern um eine US-gesteuerte Kampagne handelt. Das behaupten zumindest der Webschauder genannte Blog des "Interessenverbandes des Video- und Medienfachhandels in Deutschland e.V." und der Geschäftsführer einer Firma für Content Protection. Zum Beweis nutzte man die offenbar das Twitter-Analysetool Talkwalker, das bei fehlenden Angaben zum Ort eines Twitterers die Sprache analysiert und alle englischen Tweets der schönen Stadt Washington zuschlägt. Zack und Bumms, schon ist klar, dass dort eine Truppe böser Bots hausen muss, deren Schöpfer wahrscheinlich von Google bezahlt werden. Ganz klar erinnert das an die Google-Frage "I am not a robot", mit der Google den Standort unserer Rechner ausspioniert.

*** Dazu passt bestens die These, dass Google und andere US-Anbieter versuchen, die EU-Urheberrechtsreform mit unglaublichem lobbyistischem Aufwand zu verhindern. Hübsch verpackt, dieses Framing der deutschen Urheberrechtslobby, wie damals, als man der Politik dieses Leistungsschutzrecht andrehte, mit dem satte Gewinne gemacht werden. Zur Absicherung des goldenen Rahmens nehme man einen Strategieberater, der die Debatte und den Protest als hysterisch abkanzelt, installiert von Rechtsanwälten, deren Geschäftsmodell es sein soll, Abmahn-Opfer zu verteidigen.

*** Noch'n Wort oder schon ein Meme? Auf alle Fälle ist Techslash ein Trend. Wer sich gegen Google, Facebook oder Amazon wendet, betreibt den Gegenschlag, den Techslash, meint der ewige Internet-Skeptiker Evgeny Morozov, seines Zeichens immerhin der wichtigste Kritikaster seinerzeit. Techslash ist ein von Monat zu Monat zunehmendes böses Erwachen und Staunen über die gigantische Macht von Google und Facebook, oder so. Dagegen fordern Marktliberale einen Anteil an der digitalen Dividende dieser Firmen, während Ökoliberale mit den Mitteln des Kartellrechts vorgehen wollen. Dann soll es noch Anhänger einer radikalen demokratischen Transformation geben, aber sie sind für Morozov zu leise, einfach nicht greta genug.

Im Jahr 1999 schrieb Ray Kurzweil das Buch Homo S@piens, bzw. im Original das "Age of Spiritual Machines". Für 2019 sagte er nicht nur ein bedingungsloses Grundeinkommen für die, Achtung, Framing, "Unterschicht" voraus, sondern hatte eine ganz eigene Vision von den künftigen Dokumenten: "Die Menschen lesen Dokumente entweder auf tragbaren Displays oder, häufiger, in Form eines Textes, der unter Verwendung der allgegenwärtigen Retina-Displays in das stets gegenwärtige virtuelle Environment projiziert wird. Dokumente aus Papier werden nur noch selten benutzt und sind schwer zu bekommen. Die meisten interessanten Papierdokumente aus dem 20. Jahrhundert sind mittlerweile gescannt und stehen im drahtlosen Netz zur Verfügung."

Nun schreiben wir das Jahr 2019 und blicken in die USA, das Land, auf das sich Kurzweils Prognosen beziehen. Niemand anderes als die tapfere Chelsea Manning hat über ihre Anwältin ein Papierdokument ins "drahtlose Netz" gestellt, aus dem ersichtlich wird, dass Manning am 5. März vor einer geheimen tagenden Grand Jury real erscheinen und aussagen soll. Noch versucht sie, sich mit ihren Anwälten gegen die Vorladung zu wehren. Sie ist ein weiteres Indiz dafür, dass die US-Regierung unter Trump versucht, gegen Wikileaks vorzugehen und so die Aussagen vom ehemaligen Trump-Anwalt Michael Cohen zu erschüttern, der eine Verbindung zwischen Wikileaks und dem Trump-Lager anlässlich der Veröffentlichung von Mails von Clintons Wahlkampfleiter John Podesta erwähnt hatte. Was Chelsea Manning in diesem Fall aussagen könnte, ist unklar. Zum Zeitpunkt des russischen Hacks der Mailserver saß sie noch im Militärgefängnis.

Eine Hommage an den irren Kim, den passionierten Bahnfahrer

Nicht minder rätselhaft ist die Behauptung des eilig aus Vietnam zurückgekehrten US-Präsident Trump, Cohen habe noch in der Zeit als Trumps Anwalt ein Buch geschrieben, in dem er seinen Stil, die Arbeitsweise und die Deals über den grünen Klee lobte. Gut möglich, dass dies in einer virtuellen Realität passierte, in der Trump lebt und in der er gemeinsam mit seinem "guten Freund" Kim Jong Un den Friedensnobelpreis entgegennimmt. Der passionierte Zugfahrer Kim Jong Un lies indes mitteilen: "Der oberste Führer Kim Jong Un drückte seine Dankbarkeit dafür aus, dass Präsident Trump durch lange Hin- und Herreise aktive Anstrengungen für die Erfolge bei diesem Gipfeltreffen unternommen hatte, und tauschte mit ihm Abschiedsgruß aus, indem er ein neues Treffen mit ihm versprach." Auf, auf zu neuen Ufern. (jk)