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Was war. Was wird. Von Souvenir-Sabotagen und anderen Katastrophen.

Nicht nur beim unbegrenzten Rasen zeigt sich anscheinend der deutsche Übermensch, den der Irrtum des besseren Lebens sehr ärgern würde, stichelt Hal Faber.

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Mit Plauze und Holzfäller-Bart oder als Hipster mit Ganzkörper-Kondom - der sich in PS-protzenden Blechhaufen beweisende deutsche Übermensch ist nur noch als Karikatur vorstellbar. Auch hier, 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz, wiederholt sich die Geschichte nur als Farce.

(Bild: Majdanski / Shutterstock.com)

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Das mit dem Recht auf Vergessen ist kompliziert. Kaum habe ich über den außerordentlich eleganten Webauftritt von Harry und Meghan geschrieben, da ist er schon vorbei. Zwar gibt es noch die schönen Sätze, wie beide abseits vom königlichen Hof der Monarchie dienen und das Commonwealth stärken wollen, doch weist ein wichtiges Update auf die Instagram-Erklärung der Königin hin, die derlei Arbeit für die Monarchie nicht in ihrer Familie duldet. Deswegen dürfte sussexroyal.com bald vom Netz genommen werden und der nagenden Kritik der Mäuse anheimfallen.

Einöde, allüberall. Nicht nur im nicht mehr königlichen Web.

Geht nicht bei digitalen Inhalten? Dabei ist die hübsche Formulierung, mit der Karl Marx später die deutsche Ideologie bedachte, ganz aufschlussreich. Denn niemand anderes als der erzkapitalistische Economist hat sich daran gemacht, die Rolle von Prinz Harry und Meghan Markle mit dem Instrumentarium von Karl Marx zu erklären. "Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel", verwandele das königliche Paar in eine kapitalistische Warenform und Weltmarke, kehre so den Feudalismus in sein Gegenteil um, den Kapitalismus, "global statt national, virtuell statt konkret, getrieben, in seiner unausweichlichen Logik, ständig neue Trends und Moden zu erzeugen". Das alles in dieser Form aus dem Economist abgeschrieben findet sich im Kulturteil der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Zwei Seiten weiter dann die bewegende Klage über die geplante Urheberrechtsreform mit einem Leistungsschutzrecht, das die Verleger an den Bettelstab bringen wird, weil Google sich klaglos an den Texten bedienen kann.

*** Während rund um die Erdkugel auf königlichen Befehl hin die Bourgeoisie "Souvenir-Sabotage" betreibt und das offizielle Hochzeits-Porzellan von Harry und Meghan aus den Shops räumt, gibt es auch positive Nachrichten für die Briten: 36 Jahre, nachdem über 250 Erinnerungsstücke an Alan Turing in einem britischen Museum verschwanden, wurden sie von amerikanischen Polizeibeamten in Colorado wiedergefunden. Das Ganze passierte bereits 2018, wurde aber erst dieser Tage nach der Veröffentlichung von Gerichtsdokumenten bekannt. Besonders bizarr dabei, dass sich eine US-Amerikanerin vor den Behörden als offizielle Tochter des homosexuellen Alan Mathison Turing ausgeben konnte. Als angebliche Forscherin, die an einer Biographie von Turing arbeitete, hatte sie in Großbritannien Zugang zu einem Turing-Archiv erhalten und entwendete Unterlagen aus der Schulzeit und den königlichen Orden, der Turing für seine Arbeit als Codeknacker in Bletchley Park verliehen wurde. Um ein Haar wären die Materialien vergessen worden.

*** Nun kommt das große Erinnern doch nicht: Beim anstehenden Umbau des Bundespolizeigesetzes gab Bundesinnenminister Horst Seehofer in Zagreb bei der Konferenz der EU-Innenminister bekannt, dass die umstrittene Gesichtserkennung nicht in das Gesetz gepackt wird, an dem das Ministerium seit drei Jahren arbeitet. Er habe da noch Fragebedarf, schließlich sei automatische Gesichtserkennung "keine ganz nebensächliche Angelegenheit", wird Seehofer zitiert. Vielleicht gehört zu den Fragen die bisher nicht geklärte Frage, wie gut die drei Gesichtserkennungssysteme beim Test am Bahnhof Südkreuz eigentlich abgeschnitten haben. Bekannt ist nur die Trefferrate eines "logischen Gesamtsystems", obwohl drei verschiedene Software-Systeme zum Einsatz kamen. Weder Elbex noch Herta oder Idemia rühmen sich, beim Mitte 2018 abgeschlossenen Test so etwas wie Testsieger zu sein oder die Software für die Bahnhöfe und Flughäfen zu liefern.

*** Damit geht der Blick wieder ab auf die Insel, denn Londons Metropolitan Police will die Gesichtserkennung, geliefert von NEC Global, einführen. Auch hier sind die Zahlen kurios: Während NEC Global von einer Trefferrate um 70 Prozent ausgeht, sollen Tests der Londoner Polizei eine Fehlerkennungsrate von 98 Prozent festgestellt haben. Dennoch ist von einem fantastischen Werkzeug die Rede. Anders als am Bahnhof Südkreuz sollen Kameras, Computer und Software in Lieferwagen eingebaut werden, damit mobile Suchtrupps auf Verbrecherjagd gehen können. Der Testlauf der Metropolitan Police im Jahre 2018 wurde übrigens von Wissenschaftlern der Universität Essex begleitet und evaluiert, die schwere Bedenken äußerten, ob die Gesichtserkennung grundrechtskonform eingesetzt werden kann. GRundrEchtsKonfOrm?

*** Nach SARS im Jahre 2002 und MERS im Jahre 2012 ist ein neuer Virus aus der Familie der Coronaviren aufgetaucht. In China wurden darum ganze Städte unter Quarantäne gestellt und die Reisewelle zum dortigen Neujahrsfest ausgebremst. Das Gemisch aus drastischen Maßnahmen und unzureichenden Informationen durch die chinesischen Behörden wird kritisiert, deswegen sei daran erinnert, dass durchaus ähnliche Denkweisen auch in Europa anzutreffen waren: Mit der Entdeckung von Aids wollte man 1987 in Bayern als Teil des europäischen Hygienekreises die Kranken in "speziellen Heimen" konzentrieren. Die Panik erreichte auch die Gefängnisse, in denen Zwangstests durchgeführt werden sollten. Wer sich weigerte, sollte in Einzelhaft. Mit dem Vorschlag, die "Entartung" Homosexualität zu bekämpfen, gab es noch eins obendrauf.

*** Huch, da sind wieder einmal die Diskussionen der Foristen losgegangen, bei der Meldung, dass selbst der ADAC nicht grundsätzlich gegen ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen ist. Die beste Reaktion muss aber noch nachgetragen werden: Hier ist hinter der Paywall vom Verrat des ADAC die Rede. Hier finden wir eine bezaubernde Aussicht: "Das Tempolimit wird kommen, so wie eine grüne Regierungsbeteiligung. Beides wird das Land nicht sicherer oder gar schöner machen, sondern öder und gleicher." Wie geistig verödet muss man sein, um das schreiben zu können? Verwirklicht sich im Rasen auf der linken Spur die Überlegenheit eines Menschen über einen anderen, während eine Geschwindigkeitsbegrenzung für alle als Gleichmacherei empfunden wird? Ganz abgesehen von dem üblichen haltlosen Gezeter über die grünen Teufel. Wie war das noch in den Känguru-Chroniken? "Ja, wir könnten jetzt was gegen den Klimawandel tun, aber wenn wir dann in 50 Jahren feststellen würden, dass sich alle Wissenschaftler doch vertan haben und es gar keine Klimaerwärmung gibt, dann hätten wir völlig ohne Grund dafür gesorgt, dass man selbst in den Städten die Luft wieder atmen kann, dass die Flüsse nicht mehr giftig sind, dass Autos weder Krach machen noch stinken und dass wir nicht mehr abhängig sind von Diktatoren und deren Ölvorkommen. Da würden wir uns schön ärgern."

Der Sozialdemokrat Sigmar Gabriel hielt im Jahre 2009 bei seinem Aufstieg zum Parteichef eine Rede, in der er die Delegierten dazu aufrief, dorthin zu gehen, "wo es brodelt; da, wo es manchmal riecht, gelegentlich auch stinkt". 2020 ist es soweit und Gabriel wird Aufsichtsrat der Deutschen Bank, auf Wunsch des Emirates Katar. Er ist da angekommen, wo es richtig stinkt, bei der Hausbank von Donald Trump. Er soll "als Transatlantiker" die Bank in Fragen deutsch-amerikanischer Beziehung beraten. Für den driftenden Gabriel ist es prompt eine große Ehre, die neue "nun klare Strategie" der Bank zu beraten. Vergessen seine Tiraden über die hohen Bonuszahlungen der Investmentbanker dieser Bank oder die Forderung nach Zerschlagung, "weil sie sich im Investmentbanking verzockt hat". Das waren Sätze, die zur Sozialdemokratie passten, das ist jetzt perdu, jetzt wird genossen. Vergessen die schönen Vorhaben, eine weitere Frau oder wenigstens einen Informatiker in den Aufsichtsrat zu holen, der in Sachen neue Geschäftsmodelle und der damit zusammenhängenden Digitalisierungsstrategie Durchblick hat.

Die Ukraine auf der Wikipedia-Landkarte

Es muss das eine seltsame Weltkarte sein, auf der man Bangladesh und die Ukraine verwechseln kann, wie es US-Außenminister Mike Pompeo behauptet. Am Montag wird er bei den Feierlichkeiten zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz erwartet, danach geht es weiter in die Ukraine. Ein Interview mit Fragen zur Ukraine hat er bereits hinter sich. Es lief nicht besonders gut. Vielleicht sollte Pompeo zur Beruhigung mal Auschwitz oder Treblinka auf der Karte suchen, es wäre eine gute Vorbereitung auf das, was ihn erwartet. (jk)