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Was war. Was wird. Von Vorbildern und Vordenkern

Der Kampf geht weiter? Fragt sich nur welcher, und wohin er denn so geht, grübelt Hal Faber und schaudert angesichts mancher Kampfaufrufe.

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So kann man's natürlich auch machen.

(Bild: Baskoproducties / shutterstock.com)

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Das waren noch Zeiten, als die Freiheit das Volk führte.

(Bild: Eugene Delacroix, La Liberté guidant le peuple)

*** Wie gut ist es doch, wenn man Vorbilder hat, große Vorbilder, ruhmreiche Vordenker und Vortexter. Die französische Nationalversammlung hat in dieser Woche ein Gesetz gegen den Hass im Internet verabschiedet, das sich ausdrücklich am deutschen Netzwerk-Durchsetzungsgesetz orientiert, aber in einigen Punkten weit über das hiesige Gesetz hinausgeht. Neben allen rassistischen, sexistischen und religionskritischen Äußerungen, die Menschen in ihrer Würde verletzten, fallen Inhalte wie das Verherrlichen von Attentaten und Kriegsverbrechen unter das Gesetz. Zudem gelten die "lois mémorielles", die Erinnerungsgesetze wie etwa das Leugnen von Gaskammern und Konzentrationslagern oder das Leugnen des Völkermordes an den Armeniern nun auch im Internet. Ob das Gesetz, dass noch vom Senat verabschiedet werden muss, so fantastisch funktioniert wie in Deutschland, soll ein "Observatorium zur Beobachtung des Online-Hasses" untersuchen. Doch damit nicht genug. Cédric O, Macrons Minister für Digitalisierung, hat die Journalisten-Verbände aufgefordert, eine Journalistenkammer nach dem Vorbild der Anwaltskammer einzurichten, die Berufsverbote aussprechen kann, wenn Journalisten Hass verbreiten. Sie soll außerdem bei dem Gesetz gegen Fake News aktiv werden und Journalisten bestrafen, die Fake News verbreiten. Journalisten und Juristen sehen in dem Vorschlag von O einen Angriff auf die Pressefreiheit, doch den kümmert das nicht. Notfalls will sein Digitalministerium eine solche Journalistenkammer gründen: Was im Internet gilt, muss auch in der Realität gelten, wird ein sattsam bekanntes Argument einfach umgedreht. Wobei das Gesetz gegen Fake News sich als ziemlich wirkungslos erwiesen hat, als Frankreichs Innenminister Christophe Castaner ungeniert Fake News vom Angriff der Gelbwesten auf die Intensivstation eines Krankenhauses twitterte und nach einer halben Entschuldigung ungestraft davonkam. Dazu passt, dass die le Monde-Journalistin Ariane Chemin und ihr Chef Louis Dreyfus vom französischen Inlands-Geheimdienst DGSI verhört wurden. Nein, Frankreich sollte da kein Vorbild sein; dass man das ausgerechnet am 14. Juli und ausnahmsweise betonen muss...

*** Hans-Georg Maaßen war einmal der Chef des deutschen Inlands-Geheimdienstes, der Verfassungsschutz genannt wird. Nunmehr entlassen, irrlichtert er mit Auftritten und Anmerkungen, die auch ein Licht auf den Verfassungsschutz werfen. In dieser Woche hat er einen Artikel der Neuen Zürcher Zeitung gelobt, in dem das Ende der deutschen Mehrheitsgesellschaft beschworen wird. Frankfurt als Vorhölle, schrieb die NZZ auf Basis statistischer Daten, doch auf den Irrtum setzte Maßen den Irrsin, als er die Berichterstattung der nach rechts abgedrifteten NZZ als Westfernsehen bezeichnete. Was selbst bei der NZZ nicht besonders gut ankam. Der historisch gedachte Vergleich weist darauf hin, dass Maaßen eine Meinung von der deutschen Presse hat, die nahe an dem rechten Spektrum ist, wo man gerne von Haltungsmedien redet. Natürlich könnte man das auch anders deuten: Wer meint, dass die deutsche Presse wie zu DDR-Zeiten gelenkt wird, könnte den Verfassungsschutz auch mit dem Staatssicherheitsdienst gleichsetzen. Wie sagte es der Journalist Eckart Spoo in seinen Bemerkungen über Joseph Goebbels, der das "Ministerium für Aufklärung und Propaganda" leitete: "Es kommt auf das richtige Wort an. Richtiger gesagt: auf das falsche. Das richtig falsche. So funktioniert Propaganda: verwirrend. Propaganda muss ihre Adressaten verwirren, das ist ihr Auftrag. Sie muss das Offensichtliche vernebeln und uns zu blindem Glauben und Gehorsam erziehen – zu dem Glauben, das Unwahre sei wahr, das Richtige falsch, das Gute böse, das Böse gut." Bitte weitergehen, hier gibt es kein Vorbild zu sehen.

*** Keine Lust auf Demokratie? Wie wäre es dann mit einer Monarchie? Kaum haben die Hohenzollern einen neuen Chef, legt dieser los und will Gemälde und Schlösser haben, eine ordentliche Entschädigung und Mitsprache und Interventionsrecht bei allen Ausstellungen, die die Geschichte von Preußen zum Thema haben. Schließlich war die Fürstenenteignung von 1926 ganz und gar unrechtmäßig. So soll im Schloss Charlottenburg "auf Kosten des Bundes" ein dynastisches Museum errichtet werden, in dem jegliche Änderung der Ausstellung durch das Haus Hohenzollern genehmigt werden muss und nicht der kleinste historische Schmutzfleck auf der reinen Weste strahlender Herrscher und Vorbilder prangen darf. Bis hin zum unbegrenzten Parkplatzrecht für Adelige im Auto ist alles im besten Juristendeutsch geregelt. Wie sagte es noch Wilhelm II: "Jetzt wolln wir sie dreschen!" Zurück in güldene Zeiten, als es noch Vordrescher gab? Lieber nicht. Dann doch lieber mehr Europa wagen. Manfred, der Kampf geht weiter.

*** Die IT-Welt verabschiedet sich derweil vom Turing-Preisträger und Multiuser-Vordenker Corby Corbató, dem Mitentwickler des Compatible Time-Sharing System. Später leitete er am Massachussetts Institute of Technology die Entwicklung von Multics, dem Vorläufer von Unix und startete zusammen mit Robert Fano das Project MAC als Multics-Anwendung, eine Multiuser-System mit 100 Terminals und ca. 1000 Nutzern. An diesem modifizierten IBM-Computer arbeiteten so unterschiedliche Leute wie Marvin Minsky und Joe Weizenbaum an ihren Projekten. Corbató erfand das, was damals "access isolation mechanism" genannt wurde und heute halt das Login mit Nutzername und Passwort ist. Der Vater des Passwortes loggte sich im Alter von 93 Jahren aus. Den Passwort-"Schutz" hielt er schon in den 90ern für ausgemachten Blödsinn. Neben dem Wissen sollte seiner Meinung nach die Komponente "Besitz" etwa als Smartcard mit elektronischer ID zum Einsatz kommen.

Angeblich ist die Mondlandung der größte Moment der Fernsehgeschichte gewesen, doch soweit ich mich erinnern kann, war das Fernsehbild ziemlich verwaschen und der Ton grauenvoll. Mit meinen Eltern sah ich das Geschehen in einem Genfer Hotel auf dem Rückweg von Andorra. In etlichen Zeitungen, Zeitschriften und werbenden Beilagen wirft das Ereignis 50 Jahre später seinen Schatten voraus, nicht nur als schnöde #Moonwatch. So lesen wir gerührt von der treuen Sekretärin des adeligen Westpreußen Wernher von Braun, die ihm in Peenemünde diente und später in Fort Bliss und noch später in Huntsville, als sie Hausfrau und als Privatsekretärin für die deutsche Korrespondenz zuständig war. Alles war ja so unpolitisch und nett und der stets schick gekleidete Herr von Braun zog seine Uniform doch nur an, wenn Besuch aus Berlin kam, das war schon Widerstand. Von Zwangsarbeitern soll ja nichts zu sehen gewesen sein und niemand wollte mit der V2 nach London, denn alle wollten ja nur die reine, edle Raumfahrt oder den schnellsten Flieger wie der Herr Dornberger oder eben die Saturn V-Rakete wie Herr Rudolph, der schon 1931 in die NSDAP eingetreten war.

Wer redet da schon vom Konzentrationslager Mittelbau, in dem die Vernichtung durch Fortschritt stattfand, nachdem die Air Force 1943 Peenemünde bombardiert hatte? 20.000 KZ-Häftlinge starben dabei, nur wenige überlebten die Schufterei, wie Stephane Hessel, dessen Empört Euch! eine altersweise Fassung dessen ist, was zeitgenössische Schnösel als Gretinismus verspotten. Damit schalten wir zu einer anderen französischen Stimme, dem ersten Countdown der Geschichte zu einem großen Wumms, der dank eines kleinen Rechnerfehlers nur zu einem Knällchen wurde – damals hatte man ja in der Phantasie von Jules Verne den Mond schon längst erreicht.

Apropos Berechnungen, das bringt uns zurück zur Abschluss-Frage in der letzten Wochenschau: Koschetschka, die auf einem BESM-4 Computer errechnete Bewegungssimulation eines Kätzchens, geschrieben 1968 von den Programmierern Nikolai Konstantinow, Viktor Minachkin und Wladidmir Ponomarenko, konnte damals nur entstehen, weil die Computer unbenutzt herumstanden. Mit dem Brief99 hatten 99 Mathematiker und Kybernetiker gegen die Inhaftierung des Mathematikers Alexander Jessenin-Wolpin protestiert. Sie wurden ihrerseits verhaftet und anschließend in psychiatrische Anstalten gesteckt, eine Methode, die seit der Stalinzeit nicht mehr praktiziert wurde.

Das war noch vor der Mondlandung, aber lange nach der V2: Erdaufgang über dem Mond, aufgenommen von William Anders an Bord von Apollo 8.

(Bild: NASA)

Dies betraf auch die Programmierer, die die Flugbahn von Luna 15 berechneten, die dem Apollo-11 Projekt ein Schnippchen schlagen und vor den US-Amerikaner Mondgestein zur Erde bringen sollte. Sonde und Rakete schlugen hart auf, das Mondrennen war gelaufen. Sollte ich nicht ganz falsch gerechnet haben, startet das Sommerrätsel am nächsten Sonntag mit den Fragen zur Wetware, Hardware und Software und das im Zeichen eines ganz anderen Geburtstages: Das Internet ist irgendwie 50 Jahre alt geworden. (jk)