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Was war. Was wird. Von angefressenen Traditionshasen und politischen Hohlkörpern

Ohne Osterhasen kein christliches Abendland, oder so? Was würde Jesus dazu sagen? Zumindest könnte er am Ende mit uns singen, konstatiert Hal Faber.

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Was war. Was wird. Von angefressenen Traditionshasen und politischen Hohlkörpern

Wenn der wüsste..

(Bild: stux)

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Ein Hase, ein Funktionshase, ein Goldhase, ein eHase. Ein Fuchs. Ein Osterfuchs. Osterhasen, Ostereier, Osterfest, Osterkarten, Osterfeuer und rote Eier.

*** Die Selbstaufgabe der deutschen Kultur im Namen der politischen Korrektheit ist etwas, das konservative Gemüter antreibt, Kritik an Warenwirtschaftssystemen zu üben. Wieder einmal zerstören Kassencomputer ein Bollwerk jüdisch christlicher Kultur und das ausgerechnet zu Pascha. Zwar sind nur die roten Eier ein altes christliches Symbol der Wiederauferstehung von Jesus, aber der Hase ist seit Albrecht Dürer Deutsch bis hinter die Löffel. Nie mehr wollen das deutsche Jungmädel Erika Steinbach und der Gutachsler Joachim Steinhöfel bei Karstadt einkaufen, weil auf einem ausgedruckten Bon nicht Osterhase, sondern der schnöde Funktionshase steht. Dabei ist Karstadt das christliche Warenhaus hierzulande, anders als Hertie und Horten nicht von jüdischer Hand gegründet. Karstadt war das erste Warenhaus mit Festpreisen und einem Gründer, der disruptiv wie ein Jeff Bezos den Zwischenhandel ausschaltete.

*** Nach christlichem Verständnis beginnt Ostern mit dem letzten Abendmahl von Jesus und seinen Jüngern, gefolgt von Kreuzigung und Wiederauferstehung. Hasen spielten keine Rolle, Genderfragen auch nicht. Jesus predigte und lehrte nichts, was mit Hasen zu tun. Insofern hat der jüdische Denker Michael Wolfssohn recht, wenn er über den geistigen Müll der Heidenrepublik Deutschland schreibt, in dem laufend vom christlichen Abendland geschwafelt wird und die Abschaffung des Osterhasens als Kotau vor Muslimen erscheint: "Wer nicht einmal weiß, weswegen Christen Weihnachten, Ostern oder Pfingsten feiern, ist unfähig, mit Angehörigen anderer Religionen den überlebenswichtigen Dialog zu führen." Aber das verstehen die stockkonservativen Rechtsaußen um Herrn Meuthen nicht, diese rückwärtsgewandten, ängstlichen Traditionshasen im Sinne von Rudolf Augstein: Angsthasen für Deutschland.

*** Im Abendland wurden nach dem Tod von Jesus Christus bisweilen schöne Gedichte geschrieben, etwa in Vindobana, in bestem Altgriechisch:

*** Ihr werdet jung bleiben, solange Ihr aufnahmebereit bleibt: Empfänglich fürs Schöne, Gute und Große, empfänglich für die Botschaften der Natur, der Mitmenschen, des Unfaßlichen. Sollte eines Tages Euer Herz geätzt werden von Pessimismus, zernagt von Zynismus, dann möge man Erbarmen haben mit Eurer Seele – der Seele eines Greises.

*** Übersetzungstechnisch könnte auch genauso von der "Seele einer Greisin" die Rede sein, doch dann wäre das ja klar diskriminierend, wie es das bekannte Gedicht von Eugen Gomringer ist, der das Künstlerpech hatte, auf eine Asta-Vorsitzende zu treffen, die mit ihrem Smartphone einmal nachschaute, was "Admirador" bedeutete. Als das Smartphone "Bewunderer" antwortete, zog sich der guten Frau der Magen zusammen. Die Groteske der Demontage dieses Gedichtes an der Alice-Salomon-Hochschule (zur Zeit hängt es am Brandenburger Tor) ist um eine Volte reicher. Zuvor hatte bereits ein ausgewiesener Gedichte-Interpretier-Fachmann über Gomringer geschrieben und sprachlich verständlich darauf hingewiesen, dass mit dem "Admirador" eine "latente Spannersituation" im Gedicht vorhanden wäre. Das geht ja gar nicht aus "sozialarbeiterischer Perspektive", wie die Asta-Vorsitzende meinte. Außerdem sei das Gedicht voller Akkusative, mit denen würden Frauen und Blumen und Straßen zu Objekten gemacht, meinte sie irrtümlich. An dieser Stelle sei auf die einzig gültige Heise-Übersetzung "Kneipen und Biere" hingewiesen, erschienen im WWWW vor einem halben Jahr.

*** Das De-Googlen und De-Facebooken ist ein brandaktuelles Thema. Wie kommt man eigentlich von der Diktatur der Daten ins Reich der Freiheit? Oder ist alles gar nicht so schlimm? In dieser Woche hat Facebook bekanntlich die Zusammenarbeit mit Datenhändlern beendet. Alles wird gut, auch wenn hin und wieder jemand stirbt, das ist ja sowas von menschlich und mitten im Leben möglich. Deswegen gleich die Zerschlagung von Facebook zu fordern, ist ja sowas von grün. Viel fieser ist da der Vorschlag, den Paul-Bernhard Kallen als Chef von Burda Media (Focus, Bunte) hinter einem Bezahlschränkchen einer Zeitung für kluge Köpfe äußert. Analog zur verdachtsunabhängigen, anlasslosen Vorratsdatenspeicherung sollen alle Inhalte und besonders die personenbezogenen Daten bei Facebook und Co nur noch 90 Tage lang gespeichert und ausgewertet werden dürfen. So werden auf einen Streich gleich zwei Fliegen geköpft, wenn das universale Digitalfallbeil fällt. Facebook und Google haben keine Datenberge mehr, die sie auswerten können und peinliche Fotos verschwinden von selbst. Ganz nebenbei wird die umstrittene Vorratsdatenspeicherung ein Stückchen weiter legitimiert, so als Maßnahme für mehr Datensparsamkeit. Noch nebenbeier sind es die Verlage mit ihren gespeicherten Artikeln, die von solch einem Vorgehen profitieren. Hach, die armen Verlage. Sonst haben sie doch nur das europoaweit weiter auszubauende Leistungsschutzrecht zum Überleben. Geht das so weiter, könnte eine Erlaubnis für den Organhandel mit den Nieren der Zeitungsausträger und der freien Journalisten folgen. Eine ist raus aus den Hunger Games: Focus-Journalistin Martina Fietz wird Regierungssprecherin.

*** George Orwell arbeitete in Katalonien als freier Journalist von Barcelona aus, sein Büro teilte er sich mit anderen Berichterstattern wie Ernest Hemingway und Andre Malraux. Später schloss er sich den Freiheitskämpfern der POUM an, nur um zu erleben, wie moskautreue Kommunisten Jagd auf POUM-Mitglieder machten und missliebige katalanische Politiker wie Lluís Companys i Jover zur Flucht nach Frankreich zwangen. All das kann in Orwells mein Katalonien nachgelesen werden. Über eben jenen Companys hat Julian Assange von der ecuadorianischen Botschaft aus getwittert, das Hitlerdeutschland den verhafteten Politiker an Francospanien auslieferte, wo er erst gefoltert und dann hingerichtet wurde. Nach dieser Einmischung kappte Ecuador den Internet-Zugang von Assange in der Londoner Botschaft. Angeblich sind sogar Jammer installiert, damit er nicht telefonieren oder per LTE ins Netz kann. Ebenso soll ein Besuchsverbot Freunde und Bekannte blocken. Darüber gibt es eine Art Gedicht von Pamela Anderson, etwas länger als ein Gomringer-Poem. In einer anderen Welt verhandeln jetzt die Diplomaten.

*** Auch im Fall des katalanischen Politikers Carles Puigdemont wird verhandelt, wie es weitergeht, allerdings nicht von Diplomaten, sondern von Juristen. Die Justiz hat das Wort und muss die Rechtmäßigkeit des europäischen Haftbefehls prüfen. Die ganzen Geschichten von spanischen Elitetruppen, die ihn verfolgten, sind inzwischen Makulatur. Den 13 spanischen Überwachern reichte es, den belgischen Mietwagen zu verwanzen und die GPS-Geolokalisierung auszuwerten, die ein Begleiter von Puigdemont nicht abgeschaltet hatte. Die Überraschung ist doch, dass die katalanischen Separatisten sich nicht an die Regeln der Operations Security gehalten haben. Das besten Wissen über die dunkle Tradition der spanischen Geheimdienste, die weit über den Tod von Franco hinaus im Kampf gegen die Frente Polisario in der Westsahara illegale Methoden einsetzte – der in Belgien angemietete Wagen war ohne Genehmigung belgischer Behörden mit einem Sender ausgestattet worden. Aber mietet man einen Wagen, ohne ihn zu untersuchen, wenn man zu einer Gruppe gehört, die ein Staat ins Gefängnis werfen will?

*** Wer keine Lust auf Ostereier und aufgeregt hoppelnde Traditionshasen hat, wird vielleicht beim "Popkultur-Schweinsgalopp" auf seine Kosten kommen. Am Dienstag kommt Ready Player One in die Kinos, der Film nach dem kultigen Buch von Ernst Cline. VR ist wieder einmal angesagt, es ist ein Auf und Ab mit einer vertrackten Geschichte. Die Message, dass Anzugträger die Utopien versauen, ist bekannt: Produkte müssen verkauft werden, Utopien sind unverkäuflich. Deshalb allen WWWW-Leserinnen und Lesern ein schönes Ostern mit dem ultimativ utopischen Song vom Kreuze:

(mho)

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