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Was war. Was wird. Von der F-Skala der aktuellen Befindlichkeiten.

Der Herrschaftscharakter instrumenteller Vernunft rechtfertigt nicht die autoritäre Persönlichkeit, meckert Hal Faber, der wieder für Spaß am Gerät plädiert.

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Was war. Was wird. Von der F-Skala der aktuellen Befindlichkeiten.

Ob er was von der autoritären Persönlichkeit weiß? Kaum anzunehmen, auch wenn er rumblökt, als wolle er uns eines besseren belehren.

(Bild: 627389, gemeinfrei)

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Früher war alles besser. Da sorgte Sammy, der Kaiman im Baggersee für Aufregung. Unerschrocken stiegen investigative Journalisten in den See und berichteten. Wirtschaftsjournalisten waren dagegen besorgt und fragten sich, was die Märkte machen. Würden sie auch baden gehen wollen? In Talkshows diskutierte man, ob Kaimane jetzt zu den heimischen Tierarten gehören. Und im gelehrten Feuilleton machte man sich mit schicken Adorno-Zitaten Gedanken darüber, was die Bilder von Sammy im Baggersee so auslösen: "Jene fatale 'Nähe' des Fernsehens, Ursache auch der angeblich gemeinschaftsbildenden Wirkung der Apparate, um die Familienangehörige und Freunde, die sich sonst nichts zu sagen wüssten, stumpfsinnig sich versammeln, befriedigt nicht nur eine Begierde, vor der nichts Geistiges bestehen darf, wenn es sich nicht in Besitz verwandelt, sondern vernebelt obendrein die reale Entfremdung zwischen den Menschen und zwischen Menschen und Dingen."

*** Wo bleibt da die Vernunft? Mit der ist es ja auch nicht weit her, es war schließlich die nicht erst von der Aufklärung produzierte instrumentelle Vernunft, deren Herrschaftscharkter Adorno dafür verantwortlich machte, dass eine "Rückkehr der aufgeklärten Zivilisation zur Barbarei in der Wirklichkeit" gebe. Es waren nicht die Kaimane, die Adorno Anlass zu seiner Dialektik der Aufklärung gaben. Ob das heute anders wäre? Da werden einem Politiker, der im "Heiligen See" (!) zu Potsdam schwimmt, die Klamotten und Handtücher gestohlen, worauf dieser in seinen karierten Badeshorts und Badelatschen nass nach Hause gehen muss. Dazu twitterte der Chef einer großen deutschen Tageszeitung konsequent in Minuskeln: "wir zeigen das entwürdigende foto von #gauland in badehosen nicht." Stattdessen brachte das Blatt, das schon mal Fotostrecken fast nackter Politiker zusammenbastelte, ein Bild von Peter Thiel auf der Titelseite. Das ist der reaktionäre Disruptiv-Investor und Trump-Berater, der sich dieser Tage über den europäischen Datenschutz beschwerte. Seine Rede zierte die Titelseite der Zeitung mit besonderem Gespür für Entwürdigendes.

*** Ach, ach, was waren das für Zeiten mit Sammy. Heute schreibt man nach dem Vogelschiss-Vergleich des Alexander Gauland von den Angstinstinkten des Reptilienhirns, das AfD-Politiker haben sollen, um dann gleich einmal über die Linke herzuziehen, die mit Späßen über den Klamottenklau ein Mindestmaß an "Zivilisiertheit" vermissen lässt. Dann aber schlägt der Angstinstinkt des Reptilienhirns dieses Journalisten zu und es donnert auf die Plätschernden herunter: "Eine hypermoralisierende und untermoralische Linke trug eine gehörige Mitschuld am Scheitern der Weimarer Republik – und ebenso am Wahlerfolg Donald Trumps." Nach den Untermenschen, die beim Vogelschiss millionenfach industriell beseitigt wurden, haben wir die untermoralischen Linken. Da kann ja nur die historische Kontinuität all dieser Denker mit Rechtsdrall gefeiert werden, in Erinnerung daran, was Heiner Geißler vor genau 35 Jahren am 15. Juni 1983 sagte: "Der Pazifismus der 30er Jahre, der sich in seiner gesinnungsethischen Begründung nur wenig von dem unterscheidet, was wir in der Begründung des heutigen Pazifismus zur Kenntnis zu nehmen haben, dieser Pazifismus der 30er Jahre hat Auschwitz erst möglich gemacht." Nur nannte man das damals nicht Framing.

*** Ist Alexander Gauland ein Faschist? Wenn man an die gesammelten Aussagen die F-Skala der autoritären Persönlichkeit anlegt, ist das zweifellos richtig. Autoritäre Aggression, Anti-Intrazeption und Kraftmeierei ist im Überfluss bei ihm und der gesamten Wir-werden-sie-jaagen-Partei vorhanden, von der "Disposition, an wüste und gefährliche Vorgänge in der Welt zu glauben", ganz zu schweigen. Nach dem Ausschluss von Talkshows scheint mir die Auszeit für Talkshows die entschieden bekömmlichere Variante. Wie schreibt Carolin Emcke ganz angetastet: "Eine einzelne rechte Figur zu isolieren, deren Menschenverachtung bislang von den Redaktionen mit klammheimlicher Freude am obszönen Eklat geduldet und mit Einladungen belohnt wurde, das externalisiert das Problem des Populismus nur. Die Verwahrlosung des politischen Diskurses, die beklagt wird, ist auch Symptom jener Gesprächssendungen, die an vernünftigem Dissens oder konstruktiver Verständigung schon lange nicht mehr interessiert sind."

*** Susanna F. (14) ist tot. In dieser Woche haben das Bundeskriminalamt und die Deutsche Kinderhilfe die traurigen Zahlen der polizeilichen Kriminalstatistik 2017 für den Kinder- und Jugendschutz vorgestellt. Die Zahl der getöteten und misshandelten Kinder "stagniert auf hohem Niveau", die Zahl der Opfer sexueller Gewalt soll um 3,64 Prozent gefallen, die Verbreitung von Kinderpornografie um 15,06 Prozent gestiegen sein. Mit einer Aufklärungsquote von 90 Prozent stand man gut da, weil hier die Inhaber von IP-Adressen noch festgestellt werden konnten. Einen Tag nach der Vorstellung der Zahlen legte das Bundeskriminalamt mit einer Klarstellung nach und addierte 8400 aus Amerika gemeldete Fälle von Kinderpornografie mit deutschen IP-Adressen. Die Klarstellung ist eine Reaktion auf eine Meldung von netzpolitik.org, die dem BKA ein Lügen für die Vorratsdatenspeicherung vorwarf. In der Klarstellung heißt es: "Die im Vergleich zu den eingehenden Hinweisen geringe Anzahl an registrierten Fällen ist einerseits darin begründet, dass nicht jedes gemeldete Foto oder Video tatsächlich strafbare Handlungen enthielt. Andererseits konnte in vielen Fällen die vom Provider mitgelieferte IP-Adresse mangels Vorratsdatenspeicherung keinem konkreten Anschluss in Deutschland mehr zugeordnet werden, da der Provider die zur Identifizierung notwendigen Daten bereits gelöscht hatte." Mit Provider sind laut BKA Firmen wie "Facebook, Microsoft, Yahoo oder Google" gemeint, die ihre Meldungen an das National Center for Missing and Exploited Children weitergeben, welches wiederum das BKA als deutsche Zentralbehörde informiert. Die Wirkung der Klarstellung ließ nicht lange auf sich warten. Selbst die tageszeitung sprach sich danach für eine gewisse Aufweichung beim Datenschutz aus. Her mit der Vorratsdatenspeicherung. Kein Wort davon, dass auch das Zeitverhalten der Meldekette ein Problem sein kann. Und was ist mit der "effektiveren Software", die in den USA benutzt wird?

Deutschland wird aus dem Cyberraum bedroht. Auch die Europawahlen sind in Gefahr. Das wurde in dieser Woche neben aparten 0Days-Überlegungen auf einer kleinen Konferenz zur Cybersicherheitspolitik in Berlin festgestellt. Ihr folgt eine große Konferenz zur nationalen Cybersicherheit, auf der alle Kämpen vertreten sind, das BKA, der Bundesnachrichtendienst, der Verfassungsschutz und das Kommando Cyber- und Informationsraum der Bundeswehr. Auch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik ist mit dabei, mit seinem "nationalen Cyber-Abwehrzentrum Plus" der oberste Schiedsrichter, der entscheidet, ob ein Angriff von einem Staat kommt oder nur von einer Hackerbande. Sind da nur Hanswürste am Werk oder hat man die Ehre, von der berühmten Troll-Fabrik in St. Petersburg angegriffen zu werden? Sind vielleicht die Chinesen drauf und dran, Details über den neuen deutschen Cyber-Flugzeugträger abzugreifen? Wir wissen es nicht.

Was wir wissen ist nur, dass auch unsere amerikanischen Freunde mit dabei sind bei der großen Datenschnüffelei. Und dabei trotz aller Datenteilhabe unter Freunden etwas für sich behalten. In dieser Woche jährte sich das Jubiläum der Snowden-Enthüllungen zum 5. Mal und wird so langsam ein Ereignis der Zeitgeschichte. Man kann es auch anders ausdrücken: Seit fünf Jahren ist kein Staat der EU bereit, dem nicht mehr ganz so jungen Mann Asyl zu gewähren. Dafür gibt es jede Menge Sonntagsreden über die digitale Souveränität. Passend zu diesem "Geburtstag" des anderen Snowdens ist diese kleine Wochenschau darum mit Postern der NSA verziert, die nach dem Freedom of Information Act freigegeben und von Government Attic veröffentlicht wurden: Nicht nur beim Informationsklau, auch beim Ideenklau hatte man keine Hemmungen, sich dem Zeitgeist anzupassen.Ob Woodstock-Hippie-Romatik, Saturday Night Travolta oder der Denker von Rodin, die Sicherheit und stand stets an erster Stelle. Schade, dass es kein aktuelles Poster aus der Post-Snowden-Ära gibt. Ich stelle mir so etwas wie Kein Bett für Snowden vor, dass in Fort Meade auf allen Fluren hängt.

Und dann fängt die Cebit an, morgen erstmal als geschlossene Veranstaltung, ab Dienstag dann für alle offen. Das "Festival der Digitalisierung" will ganz gerne Adorno Lügen strafen und der instrumentellen Vernunft eine heitere Seite abgewinnen. Ob's besser wird als bei der mittlerweile von Marketiers okkupierten Party der IT-Hipster in Austin? Spaß am Gerät war schon immer ein Gegenpol zu dem Gejammer über die Herrschaft der Algorithmen und die Machtspiele der KIs, die derzeit allenthalben in immer düsteren Worten ausgemalt werden. Und hilft der digitalen Aufklärung auf die Sprünge, um sich nicht ins Bockshorn jagen zu lassen. I want to be a machine, zwischen Kathodengesichtern und Videoseelen, in einer bröckelnden Fuge. Alles besser jedenfalls als auf autoritäre Persönlichkeiten hereinzufallen, indem man sich auf ihr Spiel einlässt. (jk)