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Was war. Was wird. Von digitalisierungspolitischen Lücken und Beruhigungszäpfchen

Verschiedene Schattierungen von Grau scheint der Gipfel dessen zu sein, was sich manch biederer IT-Funktionär an Hipness vorstellen kann. Da muss Hal Faber ausnahmsweise auch mal nach Disruption rufen. Hey, Digitalisierung, das fetzt!

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Grau

"Grau, grau, grau sind alle meine Ideen." Etwas mehr Fantasie, bitte!

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

(Bild:  Roland Godefroy, Lizenz Creative Commons CC BY-SA 3.0 )

*** Roll over, Beethoven, der große Chuck Berry kommt ins Pantheon der Musik und macht da erstmal ordentlichen Rock'n'Roll. Vielleicht lacht er nur über all die gelehrten Nachrufe, die ihn als Erfinder der Aufsässigkeit feiern. Beethoven überrollen, dazu braucht man Mumm. Wenn Ray Kurzweil mal wieder Unrecht hat und es doch Außerirdische gibt, werden sie Johnny B. Goode hören und beschließen, zur Erde auszuwandern, wo man so fantastisch jammen kann und sie ein sagenhaftes Instrument haben, die Gitarre. Nicht auf den Voyager-Sonden dabei: Die blödeste TV-Show Amerikas mit Chuck Barris. Wie der King of Rock'n'Roll ist der King of Schlock in ein Pantheon eingezogen, in dem er geehrt wird für die unvergleichlichen Popsicle Twins.

*** Baby doll, when bells ring out the summer free. Oh baby doll, will it end for you and me?. Keine Chance auf SchneeBIT mehr, da kann man Technologie nicht emotional inszenieren, bibber, niesel, niesel. Da braucht es schon die richtige Jahreszeit, wie damals bei der CeBIT Home mit der Cyberdance Hit Night oder dem Show-Giganten Jürgen Drews und Rex-Gildo, wissensschon. Im Juni 2018 dürfen wir also im rockenden Hannover – Scorpions! Charly Maucher! – Europas führende Eventplattform für Digitalisierung bestaunen. Ach, was schreibe ich da, Leadmaschine will man sein, so richtig disruptiv aufmischen. Tschüss norddeutsche Tiefebene, jetzt ist North by Northeast angesagt und aus der c't (Magazin für Computertechnik) wird f'd (Fetzige Digitalisierung). All das, weil die CeBIT in ihrer bisherigen Form zu brav, zu bieder und zu oft verregnet ist und nicht die "Over-the-Top-Player" anlockt, die auf dem "Playing Field" herumstehen. Nun kommt der dreifaltige Groove aus d!conomy, d!campus und d!talk. D!oh folgt dann am 16. Juni.

*** Eating your own dog food? Von wegen. Auch auf der CeBIT schreien all die Wissenden und Vordenker "Disruption, Disruption!" Aber wenn sie sie selbst betrifft, dann rennen sie schreiend weg. Es ist immer wieder amüsant. Oder eigentlich nicht, wenn die deutschen Bedenkenträger wieder Polka tanzen und jeden neuen Ansatz gleich mal für unmöglich erklären. Denkt groß? Traut Euch was? Ach, woher denn. Wenn sich Sicherheitsparanoiker und Behördenvertreter treffen, dann sind verschiedene Schattierungen von Grau der Gipfel der Coolness. Nun gut. Trauen wir uns trotzdem was, versuchen wir was. Und wenn's dann doch nicht klappt, wissen wir wenigtens, woher die Rettung kommt: In jeder Stadt und in jedem Land ....

*** Dieses Spielfeld, ach, es ist einfach nicht ordentlich geregelt und ausgemessen. Dabei sind es ausgerechnet die Deutsche Telekom und Vodafone, deren Drohungen, die CeBIT zu verlassen, den Neustart noch einmal forcierten. Redliche steuerzahlende Konzerne, die den Kunden brav SMS-Dienste anbieten und erleben mussten, wie sie von WhatsApp überholt und in den Schatten gestellt wurden. Schreiend wegrennen sollte man aber an deren Stelle lieber, wenn dieses wortreich in dem Weißbuch Digital Plattformen beklagt wird, das noch unter Siggy "Pop" Gabriel verfasst, aber auf der CeBIT von Biggy "Browser" Zypries vorgestellt wurde. Ein Werk, das die Diskussion auf Jahrzehnte befeuern soll. Da fordert man also als Wirtschafts-Leadmaschine im besten Deutsch aller Zeiten ein "Level Playing Field für Over the Top-Dienste" die die Legal Landscape, äh, den Rechtsrahmen ignorieren. Und stellt im Jahre 2017 fest: "Rechtsfreie Räume im Internet darf es nicht geben", nur um im selben Absatz das idiotische "Netzwerkdurchsetzungsgesetz" von Heiko "IQ" Maas über den grünen Klee zu loben und auch noch einen neuen Straftatsbestand des Cybermobbing zu fordern. Schluss mit lustig und den vielen phantasievollen Usernamen im Heise-Forum, das ist mal wieder eine wahrlich sozial-demokratische Idee im Stile der Charta des Hl. Schulz mit dem Artikel 5, Absatz 2 und Absatz 4. Nun heißt es:
"Wir wollen außerdem prüfen, ob durch ein eindeutiges Identifizierungsverfahren die Betreiber öffentlicher Meinungsforen verpflichtet werden können, ihre Nutzer vorab zu registrieren. Diese können zwar anschließend auf der Plattform anonym agieren. Im Fall erwiesen rechtswidriger Äußerungen müsste die Plattform die Identität des Nutzers jedoch den Behörden bekanntgeben."

*** Positiv ist zu bilanzieren, dass das Weißbuch Digitale Plattformen selbst auf dieser ereignisarmen CeBIT bei der Vorstellung nicht beachtet wurde, anders als im geschäftigen Berlin. Negativ, dass eine neue Behörde kommen soll, eine Digitalagentur, die als Think Tank "die digitalisierungs­politische Lücke an der Schnittstelle zwischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft" schließen soll. Digitalisierungspolitisch und Think Tank klingt schon einmal nett, zumal das Weißbuch eindeutig festhält, dass ein Digitalministerium entbehrlich ist. Des Pudels Kern der Digitalagentur ist ein ganz anderer: "Gleichzeitig wäre sie eine effektive Eingriffsbehörde, die kurzfristig auf Rechtsverstöße reagieren könnte" und "Komplementär zu Aufgaben der Bundesnetzagentur oder des Bundeskartellamtes könnte die Digitalagentur auch mit spezifischen hoheitlichen Aufgaben beauftragt werden". Was da um die Ecke kommt, ist ein Plan für ein Bundesamt für Wahrheit im Neuland, kurz BAWIN genannt.

*** Wenn es einen Preis für das kreative Finden von Akronymen gibt, so geht dieser in die USA an Politiker der Demokraten. Ihr Gesetzesvorschlag "Making Access Records Available to Lead American Government Openness Act", der MAR-A-LAGO Act über die Veröffentlichung der Besucherlisten im Weißen Haus Nord und Weißen Haus Süd, ist ein hübscher Hinweis auf die Regierungstätigkeit eines Präsidenten, der bis jetzt an fünf Wochenenden in seinem Golfclub Mar-a-Lago verbrachte. Wo er bald wieder sein wird, wenn der chinesische Kollege Xi Jinping kommt. Wo er sich entspannen kann von den Niederlagen der letzten Tage, die dem großen Dealmaker schwer zusetzen. Noch schwerer traf es seinen Strategen Steve Bannon, der als Kreppleopard entzaubert wurde, einer aparten Variante des Papiertigers. Jetzt steht die Steuerreform an, die die Wirtschaft ankurbeln soll, nachdem der heimischen Flugwirtschaft mit einem seltsamen Laptop-Bann geholfen wurde.

*** Europa feiert derweil Europa, die Sonntagsreden werden an einem Samstag gehalten und Google veröffentlicht die opulente Anzeigensonderbeilage "Aufbruch Daten", in der Europas besonderer Freiheitsbegriff erklärt wird: "Früher war frei, wer Land besaß und Tür und Tor hinter sich schließen konnte. Wer frei war, hatte also auch eine Privatsphäre." Diese wunderbare europäische Freiheit ist mit dem privaten Google-Konto wiedergekommen, ganz ohne Landbesitz. Ach, Europa, was zitterst du nur? Wo selbst Zehntausende im terrorgeplagten London demonstrierten. Alles wartet auf den Brief, den die Britin Theresa May am 29. März nach Brüssel schicken will. Das ist der Beginn des britischen Auszuges, der den Briten viel Geld wert zu sein scheint, den Schotten weniger. Während der CeBIT ging der erste erfolgreiche Einsatz von Boaty McBoatface über die Bühne. Wem der Name nichts sagt: Das ist ein britisches gelbes Unterseeboot, in dem anders als im Song einer Band namens The Beatles niemand leben kann. Das britische Volk stimmte in einer Abstimmung dafür, ein 125 Meter langes Polarforschungsschiff mit 90 Mann Besatzung so zu nennen. Das Volk will ein ordentliches Schiff mit einem lustigen Namen. Es hat ein gelbes Beruhigungs-Zäpfchen bekommen, das Schiff wird unterdessen RSS David Attenborough getauft. Wir leben in spannenden Brexit-Zeiten.

Was wird.

Als das ruhmreiche Britannia die elenden Hunnen besiegte, spielte einer der ersten Computer namens Colossus eine wichtige Rolle, die vor 10 Jahren mit einem Cipher Event gewürdigt wurde. Am Ende wurde der rekonstruierte Colossus von einem deutschen Funkamateur mit dem Rufzeichen DL2KCD geschlagen. Nun wird der Wettlauf zwischen Computerarchäologen in Großbritannien und Funkamateuren/Kryptologen wiederholt, diesmal mit einer Enigma als Verschlüsselungsgerät: Am 7. April wird der verschlüsselte Funkspruch stilecht auf dem 40-m-Band übertragen. Anregen könnte diese Beschreibung, wie Joachim Schüth vorgegangen ist. Natürlich muss diese Wochenschau in trumpistischen Zeiten mit Chuck Berry enden:

Arrested on charges of unemployment,
He was sitting in the witness stand
The judge's wife called up the district attorney
Said you free that brown eyed man. (Hal Faber) / (jk)

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