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Was war. Was wird. Von genauen Bezeichnungen und Tobsuchtsanfällen.

So mancher macht sich durch Kopieren erst kenntlich, während der Mob aggressiv Gestörter ungehemmt durch die Netze tobt. Was Hal Fabers Skepsis nur anstachelt.

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Was alles so an laufendem Schwachsinn über die angeblich wahren Zusammenhänge der Welt geglaubt wird, das lässt nicht nur Katzen skeptisch auf die Intelligenz der Menschen blicken.

(Bild: Frau Mahlzahn)

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Nein, nein. Ausnahmsweise hat Karl Kraus die Sache falsch gesehen: Ich höre und lese schon, was meine Öffentlichkeit so vermutet, verärgert, kritisiert und belächelt. Schließlich schreibe ich nicht, was sie hören will, sondern arbeite an einer Wochenchronik des laufenden Schwachsinns. Diesmal gibt es eine Ausnahme, eben weil Wünsche auch mal wahr werden sollen. In umgekehrter Reihenfolge: Frau Mahlzahn geht es nicht gut, sie hat wieder Krebs links der Hüfte, der mittlerweile nicht mehr operabel ist. Sie hält sich mit Kortison und Schmerzmitteln aber ganz gut, ist insoweit gut aufgelegt und liegt friedlich in der Wohnung ihres Personals herum.

*** Karl Marx, laut Wikipedia der "Protagonist der Arbeiterbewegung", hat es da schon schlechter. Erstens ist er schon tot und zweitens mochte er keine Katzen. Was insofern bedauerlich ist, weil der real existierende Kapitalismus natürlich am besten mit Katzenvideos erklärt werden kann. Man nehme nur den so verstörenden Begriff der entfremdeten Arbeit, den heute niemand mehr versteht, weil alle Welt ein Startup sein will. So gesehen sind Katzen die besten Marxisten, dank einem eigenen Schulungsprogramm. So wissen sie wie einst die Sozialdemokraten im Kaiserreich, dass der große Kladderadatsch unweigerlich kommt und regen sich deshalb nicht auf. Lieber arbeiten sie an der Beziehung zu ihrem Dosenöffner. Das ist schon schwer genug, schließlich können die Abläufe beim Öffnen nicht häufig genug trainiert werden.

*** Die Gedenkfeiern zum Tag der deutschen Einheit liegen hinter uns, auch das Gedenken an die Feierlichkeiten zum 40. Geburtstag der DDR, als genau diese DDR zu verschwinden begann. Die zu diesen Anlässen bestens passende Einheitswippe kann endlich gebaut werden, damit sich Ostdeutsche und Westdeutsche austarieren können. Passend dazu sei das Urteil eines Berliner Gerichtes erwähnt, dass das Mobbing eines Mitarbeiters mit ostdeutscher Herkunft kein Mobbing im Sinne des Mobbing-Verbotsgesetzes ist, weil keine Benachteiligung wegen einer ethnischen Diskriminierung oder der Zugehörigkeit zu einer Religionsgruppe vorliegt. Typisch Ossi, wird jetzt wieder in den Kommentaren kommen.

*** Dann wäre da noch das bemerkenswerte Urteil gegen den Wessi und AfD-Ideologen Björn Höcke. Im Rahmen eines Aufrufes zu einer Demonstration darf er als "Faschist" bezeichnet werden, weil dies eine zulässige Äußerung im Rahmen der Meinungsfreiheit ist und es um eine öffentliche Auseinandersetzung in der Sache und nicht um eine Diffamierung einer Person geht. Das sollte man beherzigen, wenn gegen den "rechten Flügel" demonstriert wird. Das ist notwendig, meint Philipp Ruch vom Zentrum für politische Schönheit, denn sonst könnte die AfD im Jahre 2025 an die Macht kommen. Immerhin ist Höcke ein begabter Plagiator, wie die Schönheits-Spezialisten herausfanden. Er bediente sich beim Jörg, dessen Partei gerade eine krachende Niederlage einfuhr.

*** Whistleblower haben dieser Tage scheinbar Konjunktur. In den USA soll sich im Rahmen der Voruntersuchung zum Impeachment eine weitere Person gemeldet haben, die eine Aussage über das Vorgehen des Landes in der Ukraine machen will und über noch genaueres Wissen verfügen soll. Vielleicht sogar eine, die Zugriff auf das Computer-System NICE hat, über das in der letzten Wochenschau spekuliert wurde. Mit dem Laundromat kommt überdies ein Film in die Kinos und nach Netflix, der versucht, die Geschichte der Panama Papers zu erzählen. Aber schon bei dieser Umsetzung kommt einer richtig schlecht weg: der Whistleblower. Seine Perspektive ist eine gänzlich andere, wie es in einem Kommentar über die stillen Revolutionäre wie Edward Snowden in eben jener Zeitung beklagt wird, die die Panama Papers veröffentlichte. Er schließt mit großen Worten: [i]"Jede Demokratie sollte sich verpflichtet fühlen, Gesetze zu erlassen, die das Alarmschlagen im Dienste der Allgemeinheit zum Grundrecht erklären. Und wenn sie es ernst meint, sollte sie allen, die das in Ländern tun, wo es verfolgt wird, Zuflucht und Asyl anbieten." Wie war das noch mit den Kommentaren zur ach so naiven Kampagne Ein Bett für Snowden? Und muss nicht, wer so den Klokkenluider huldigt, auch dem Soldaten in einer demokratischen Parlaments-Armee eine Chance einräumen, der über Rechtsextreme bei der Bundeswehr Alarm schlug? Stattdessen gibt es einen Ausschluss, weil Prüfungen nicht bestanden wurden, an denen der Soldat nicht teilnehmen konnte, weil ein Verfahren gegen ihn lief.

*** In den USA möchte Präsident Donald Trump einen eigenen Nachrichtenkanal installieren, weil ihn die Fake-News-Presse mit Geschichten rund um das Impeachment-Verfahren wütend macht. Dafür gibt es Vorbilder. Auch Richard Nixon schimpfte beim Watergate-Skandal ausgiebig über die Presse, nur eben nicht vor laufenden Kameras und nicht auf Twitter. Damals machten sich seine Berater Gedanken darüber, was man den liberalen Medien entgegensetzen könnte. Roger Ailes, einer von ihnen, erfand das Konzept von Fox News, dem derzeitigen Lieblingssender von Trump. So wiederholt sich die Geschichte, nur eben nach einem anderen Muster. Daniel Ellsberg hat es auf den Punkt gebracht: Dieser Whistleblower hat sich an den Dienstweg gehalten und ist einstweilen vor Verfolgung geschützt. Und Trump ist kein Mann, der nachts durch das Weiße Haus geistert und mit den Bildnissen früherer Präsidenten Gespräche führt. Bleibt der Hass auf die liberale Presse, ein Hass, der nicht nur bei Populisten tief sitzt, auch bei den Faschisten: "Ein Baum, ein Strick, ein Pressegenick", war ein Slogan, der auf einer Demo in Berlin gerufen wurde. Soviel zu dem, was man in Deutschland sagen kann.

Zwei große Konferenzen haben in dieser Woche enthüllt, unter welchem Oberthema sie demnächst in diesem Theater antreten wollen. Im Frühjahr 2020 will die re:publica in Berlin unter dem Motto ASAP an den Start gehen. Das Wort aus der englischen Bürosprache wäre in deutscher Form "SSWM" oder "fix und foxi!" und steht für die re:publicaner für Aufbruchstimmung, Aktionismus und Bewegung und heißt soviel wie Unmittelbarkeit, Befriedigung und Bequemlichkeit. Dabei will man mit den von einer Aufbruchstimmung geprägten Menschen die "Parameter" diskutieren, "die ausschlaggebend für gesellschaftspolitische Turbulenzen und wirtschaftliche Dynamiken sind." Der Aufruf zu ASAP endet natürlich mit den gestohlenen Träumen von Greta Thunberg, der jungen Frau, die das P in Possible wie in der Politik nicht interessiert. Aus der ehemaligen Bloggerkonferenz ist eine Weltverbessererkonferenz geworden. "In einer langatmigen sich im Kreis drehenden Debatten-Kultur vergeuden wir wertvolle Zeit! Was es jetzt bedarf ist Entscheidungsmut! ASAP!"

Ein glücklicheres Händchen hatte der Chaos Computer Club mit Resource exhaustion für den alljährlichen Congress in Leipzig. Auch englisch, aber passend, wie der Blick ins Sprachfeld zeigt. Für den CCC steht der Begriff für einen plumpen Angriff auf IT-Systeme, doch der Umgang mit knappen I/O-Ressourcen hat auch einen Umweltaspekt und verweist auf Rohstoffquellen bis hin zur Politik und zu den Whistleblowern. Man erinnere sich nur an die zentrale Frage, die Edward Snowden vom europäischen Parlament gestellt wurde: "Do you feel you had exhausted all avenues before taking the decision to go public?"

Resource exhaustion, wohin man blickt. Denn die allgemeine Erschöpfung betrifft nicht nur die aktuelle Bundesregierung und ihre marktliberalen Mitläufer. Wer die gerade wieder einmal angestoßene Debatte um ein schlichtes Tempolimit in Deutschland in einem der x-beliebigen sozialen Medien verfolgt, erfährt schnell, dass wir eigentlich ein Volk von aggressiv Gestörten sind, die bei diesem Thema von der Einschränkung ihrer vermeintlichen "Freiheit" zum Rasen faseln. (jk)