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Was war. Was wird. Von guten Leben in faktischer Quarantäne.

#WasKommtDanach, das wird der Hashtag des Jahers, befürchtet Hal Faber. Wobei: Die drängenden Fragen unserer Zukunft haben sich doch gar nicht verändert?

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Was war. Was wird. Von guten Leben in faktischer Quarantäne.

Tja, ins Grübeln kommen wohl einige derzeit, was wird. Aber was werden sollte, daran hat sich eigentlich nicht viel geändert.

(Bild: Hung Chung Chih / Shutterstock.com, Skulptur: Auguste Rodin, Der Denker)

Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Uns geht es gut. Vor dem Bildschirm haben wir schon immer gesessen, daran hat sich nichts verändert. Jetzt sitzen wir halt noch mehr davor und lesen in den Zeitungen, die in der Coronakrise ihre Zahlschranken abgebaut haben, von der Denkschlampigkeit der 68er und dem kommenden Vorsorgestaat, der "nach Corona" als neuer europäischer Staat aufgebaut werden muss. Das jedenfalls meint Joschka Fischer, der alte Jogger. Immerhin: "DieFrageist:Waskommtdanach" hat das Zeug zu einem Hashtag. Denn das, was in härterer Form als die einer Pandemie kommt, ist der Klimawandel. Da reicht es nicht aus mit den 1,50 Metern Sozialdistanzabstand. Mit seinem Buch "Willkommen im 21. Jahrhundert" weist Fischer auf Deutschlands Verantwortung für Europas Aufbruch hin und lässt keinen Zweifel daran, dass die digitale Souveränität eine zentrale Frage ist. "Unser virtuelles Leben wird eine sehr starke Dominanz bekommen. Die Frage ist: Wer beherrscht uns, wer verfügt über unsere Daten? China oder die USA oder wir selbst, Europa? Das ist keine Technikfrage, sondern die zentrale Frage der Freiheit im 21. Jahrhundert."

Die glubschäugigen Maschinen von Boris Artzybasheff.

*** Uns geht es gut, wir können zu Hause bleiben, während die anderen raus müssen zur Arbeit und noch andere zur Arbeit rein sollen in dieses unsere Land, in dem die Würde des Spargels unantastbar ist. Diese zu retten, ist Aufgabe von 40.000 Menschen, die eingeflogen werden und in "faktischer Quarantäne bei gleichzeitiger Arbeitsmöglichkeit" leben müssen. Dazu werden zur Rettung anderer Gemüsearten im April und Mai jeweils 10.000 inländisch lebende Menschen gepackt, die nichts zu tun haben im Home-Office und denen es eben nicht besonders gut geht. Sie kommen "aus dem großen Potenzial der Personengruppen" mit schlechter Work-Life-Balance. "Arbeitslose, Studierende, Asylbewerber, Kurzarbeiter", listet die Pressemitteilung des Innenministeriums auf und spricht bei diesem schnellen Entscheid von einer guten Lösung. Auf die viel beredete europäische Lösung für die Flüchtlinge warten wir noch immer, das kleine bisschen Vernunft will sich nicht einstellen.

*** Unser Leben in Corona-Zeiten spielt sich unter der Regie von R0 ab. Das ist die Basisreproduktionszahl des Virus, die angibt, wie viele Personen ein infizierter Mensch wiederum ansteckt. Damit sich hier etwas bessert, werden überall Tracking-Apps entwickelt, die die Kontakte eines Smartphone-Besitzers analysieren können. Die einen Apps machen das mehr, die anderen weniger Datenschutz-affin, die einen zur freiwilligen Nutzung, die anderen zum Datensammeln hinter dem Rücken der Smartphone-Benutzer. Israels Geheimdienst Shin Bet holt sich die Daten direkt von den Mobilfunkbetreibern, was Fachleute für wenig sinnvoll halten. Da hilft dann nur der Glauben, wenn die beiden Oberrabbiner Israels an die Ultraorthodoxen appellierten: "Lasst eure Handys am Schabbat an!" titelt die Frankfurter Allgemeine Zeitung hinter ihrer Paywall zur Lage in Israel.

*** Viel Lob gab es für das in der letzten Wochenschau erwähnte TraceTogether, das in Singapur entwickelt wurde. Die App verfolgte vor allem, ob die Regeln für die Quarantäne eingehalten wurden. Sie sollte auch über Infektionen informieren, doch jetzt zeigt sich, dass eine App alleine nicht ausreicht: Auch Singapur geht in den Lockdown, weil es unbekannte Infektionsketten gibt, die nicht von einer App erfasst werden. Der nächste Ansatz kommt natürlich von Google und setzt voll auf Big Data. Die Daten für Deutschland sind auf der Ebene der Bundesländer aufgeschlüsselt.

*** Die Debatte, ob es so etwas wie anonymisierte Informationsflüsse geben kann, die in der aktuellen Situation helfen, steht erst am Anfang. Es gibt durchaus Stimmen von Datenschützern, die dramatisch vor einer Corona-Falle warnen, während IT-Fachleute Möglichkeiten sehen, Gesundheit und Privatsphäre unter einen Hut zu bringen. Wieder andere sehen das nicht, weil die Smartphones über eine Vielzahl von Kanälen kommunizieren, von denen etliche zur Aufhebung der Privatheit führen können.

*** Dann gibt es da noch ganz andere Stimmen, etwa die der Finanzwelt. Da wird eine Datenkrake wie Palantir für ihre uneigennützigen Angebote gelobt und für die Zukunft nach Corona statt vom "preemptive policing" von der präemptiven Pandemiebekämpfung geschwärmt. Wobei die Zukunftsforscher sich schon 2002 mit der neuen Pest beschäftigten und lakonisch feststellten "Frühindikatoren: keine". Das war bei der alten Pest nicht anders, wie Pest auf Sendung zeigt.

*** Doch bleiben wir noch ein bisschen bei Palantir und der vorausblickenden Polizeiarbeit. Weitab von den Corona-Nachrichten hat sich Holger Münch, der Chef des Bundeskriminalamtes, dieser Tage zu Worte gemeldet und klargestellt, dass der Attentäter von Hanau nach Ansicht der Ermittler ein Rechtsextremist war. Einer, der an einem Schießtraining in der Slowakei teilnahm und sicher auch an einem ähnlichen Training in Güstrow interessiert gewesen wäre. So warten wir gespannt auf den vollständigen BKA-Abschlussbericht nach den ersten fehlerhaften Berichten über den Bericht. Schließlich gilt es auch zu klären, warum das Palantir-Supertool Hessendata bei der Analyse nicht das "Manifest" des späteren Mörders fand. Eine Erklärung wäre, dass Hessendata derzeit überhaupt nicht im Wirkbetrieb arbeitet.

Der "zornige Sozialrealist" Bill Withers ist gestorben. Sein Lean on Me wird uns bleiben, ebenso sein Lied vom ausbleibenden Sonnenschein und sein Lied über die Sommernächte in Harlem. Musik wird gebraucht, erst recht vor Ostern, wenn man drinnen bleiben muss. Ja, gestern war alles anders. Aber auch heute noch kann eine Familie ihren Spaß haben und muss nicht ständig Scrabble spielen.

Plötzlich ist die Entschleunigung da. "Meine Welt ist räumlich und zeitlich sehr eingeschränkt auf den unmittelbaren Nahbereich: Ich kann nicht weit weggehen und nicht weit in die Zukunft planen. Ich nenne das eine radikale Weltreichweitenverkürzung. Und dann öffnet man sich wieder in einen Modus, den ich als Resonanzmodus beschreibe, nämlich: hören, wahrnehmen und antworten, ohne auf etwas Bestimmtes hinauszuwollen, ohne optimieren zu müssen", beschreibt es der Soziologe Hartmut Rosa. Möge es so kommen. Nicht jeder sieht das so. In einem fröhlichen Interview erklärt ein Psychoanalytiker das Geraune von Urängsten und Ursprüngen für großen Quatsch. Sein Blick in die Zukunft ist ein Blick auf die Zeit, in der HIV wütete, "Safer Sex" propagiert wurde und die Schwulenbewegung die "Avantgarde eines vernünftigen Präventionsbewusstseins" wurde und dann verbürgerlichte.

Auch ene Art Virus-Illustration: eines der ersten deutschen Cover von H. G. Wells "Zeitmaschine".

"Damit wiederum ist eine Verbürgerlichung der Schwulenbewegung befördert worden, die inzwischen die Forderung 'Ehe für alle' zu einer Maxime des gesunden Menschenverstands gemacht hat. Das ist aber nicht die kausale Folge dieser Pandemie, sondern ein überaus erstaunlicher Effekt, den niemand hätte vorhersehen können. Es ist nicht 'das Gute', das Aids hervorgebracht hat." Wer in dieser Richtung weiter denkt, wird kurz oder lang sich fragen müssen, wie die Zeit nach dem Virus gestaltet wird. Was passiert, wenn die Überlebenden von COVID-19, die andere nicht mehr anstecken können, andere Reiserechte, Arbeits- und Grundrechte bekommen als die Nicht-Immunen, die sich gedulden müssen, bis ein Impfstoff gefunden ist? Die Antwort auf all diese Fragen ist nicht 42. (jk)