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Was war. Was wird. Von hoffentlich aussterbenden Spezies in des Kaisers neuen Kleidern

Ach, das ist so eine Sache mit diplomatischer Höflichkeit. Mancher steht nackt da. Und mancher bekommt zu viel Aufmerksamkeit, wundert sich Hal Faber.

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Wo geht's lang? Einigen scheinen all die Wenden den Orientierungssinn endgültig durcheinander gebracht zu haben.

(Bild: Piyawat Nandeenopparit / Shutterstock.com)

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Die Palantir-Software Worldcheck

*** Soso. Die Dänen haben also böse und unangemessen reagiert, als sie über ihre Ministerpräsidentin Mette Frederiksen den USA mitteilten, wie absurd der Vorschlag ist, Grönland zu kaufen. Beleidigt hat US-Präsident Trump seinen Dänemark-Besuch abgesagt und nutzt die freien Tage, um etwas Golf zu spielen. Dabei hatten doch Trumps Lieblingsbotschafter (die für die EU, Dänemark und Deutschland) erst vor kurzem das tapfere Volk der Dänen über den grünen Klee dafür gelobt, dass es sich dem Nordstream-2-Projekt in den Weg stellt mit seiner Diskussion, wie die Pipeline um Bornholm herum geführt werden kann. So war Dänemark der wichtigste Verbündete der USA, die Nordstream 2 verhindern wollen. Das müssen Trump und seine Berater missverstanden haben, als sie das fast unbewohnte Greenland kaufen wollten, irgendwelche naseküssenden Naturvölker und ihre Hunde inklusive. Wegen der Bodenschätze, nicht der Menschen, die im Weltbild des US-Präsidenten keine Rolle spielen. Da gibt es nur den Raketen-Kim und ihn, den Auswerwählten auf göttlicher Mission im Handelskrieg mit China. Wer so hoch über den Dingen schwebt, kann schon einmal allen Firmen befehlen, ihre Produktion aus China abzuziehen, auch wenn dies den Prinzipien einer freien Marktwirtschaft widerspricht: Niemand sagt diesem Auserwählten, dass er nackt ist. Weiter geht's im Handelskrieg.

*** Ob Donald Trump so einzigartig ist, kann bezweifelt werden. Heute vor 100 Jahren wurde George Wallace geboren, der genau wie Trump von sich und der Überlegenheit der weißen Rasse überzeugt war. In der demokratischen Partei schaffte er es bis zum Gouverneur von Alabama, scheiterte jedoch in vier Anläufen, Präsident der USA zu werden. Das böse Wort vom Ausniggern und sein Schwur, die Rassentrennung für immer beizubehalten, kamen im Amerika der 60er und 70er Jahre nicht besonders gut an, schließlich feierte man in Woodstock Friede, Freude, Eierkuchen. Heute hätte Wallace als Anwalt des kleinen weißen, vom Abstieg bedrohten Mannes beste Chancen bei den Wählern von Trump mit dem seit Wallace bekannten Versprechen, den "Sumpf in Washington" auszutrocknen und die Schnösel aus der Regierung zu verjagen. "Das Volk soll dieses Land regieren und nicht ein Haufen Pseudo-Intellektueller, die hochnäsig auf euch und mich herabschauen." Als der Spiegel 1968 in einer Titelstory über Wallace berichtete, fasste er die Stimmung unter den Anhängern von Wallace prägnant zusammen: "Amerikas NPD". Dem fanatischen Rassentrenner von damals würde die nunmehr propagierte Abschiebungskultur von heute sicher gefallen.

*** Apropos Abschiebung: Schon in der letzten Wochenschau war von der Firma Palantir Technologies, ihrer Arbeit für die US-amerikanische Armee und den Grenzschutz ICE sowie ihrer Software Hessendata die Rede. Nun gibt es Berichte, nach denen sich bei Palantir-Mitarbeitern das schlechte Gewissen meldet. In der Firma sollen offene Briefe oder E-Mails zirkulieren, in denen die Arbeit für die Einwanderungsbehörden kritisiert wird. Man möchte sich im freien Geiste des Silicon Valleys doch aus der Politik heraushalten. Vorbild soll Google sein, dass den Auftrag zum Projekt Maven zurückgegeben hat, unter Verweis auf die Firmenethik. Dabei kursiert dort ein Memo der Muttergesellschaft Alphabet, das politische Diskussionen am Arbeitsplatz oder im Mail-Verteiler der Firma ab sofort untersagt sind. Ganz so freiheitlich will man bei Alphabet und Google nicht mehr sein, weil es die Produktivität stört.

*** Anders bei Palantir? Auf "Town Hall Meetings" sollen Palantirianer das Thema der übergroßen Regierungsnähe diskutiert haben. Doch ethische Regeln sind in der mit finanzieller Unterstützung eines CIA-Inkubators gegründeten Firma bisher nicht bekannt geworden, dafür ein Interview mit Firmenchef Alex Karp, der Silicon-Valley-Firmen ächtete, die sich seiner Ansicht nach unpatriotisch verhalten. Insofern hat die Kritik an Firmen wie Palantir ihre Berechtigung, auch wenn der Vorwurf mit dem Killer-Roboter überzogen ist. Denn seit Karel Capeks Theaterstück über Rossums Universalroboter ist bekannt, dass Roboter sich dem Menschen überlegen fühlen und die Welt für sich beherrschen wollen. Die Menschen sterben von alleine aus, wenn der Regenwald niedergebrannt ist.

*** Wenn diese Zeilen im weltweiten Gewebe auftauchen, ist die Dresdener Demo unteilbar mit mehr als 10.000 Teilnehmern zu Ende gegangen, hübsch gefilmt von vielen Kameras der sächsischen Polizei. Wie teilbar die Demokratie sein kann, zeigte im Vorfeld der dort amtierende Ministerpräsident, der sich zuvor selbst in einem Interview als Antifaschist bezeichnet hatte. Demonstriert wurde nicht nur für die Stärkung der Demokratie, für Offenheit und Vielfalt, sondern auch gegen das fortlaufend ausgebaute Sicherheitstheater mit anlassloser Überwachung, Auto-Vorratsdatenspeicherung und einem Datenschutz, in dessen Namen Behörden die Herausgabe von Dokumenten verweigern. Noch dümmlicher ist die Argumentation, ein seit zwei Jahren erstellter Kommissionsbericht über die Prepper-Szene und Nordkreuz befinde sich noch im Entwurfsstadium. Immerhin gibt es jetzt eine telefonische Auskunft durch das Fräulein oder Männnlein vom Amt, wenn man in Hamburg wohnt.

Der in Deutschland hoch geschätzte und mehrfach ausgezeichnete Künstler Ai Weiwei wird mit seiner Familie ins britische Cambridge ziehen und hat nach seiner heftigen Kritik an Deutschland noch einmal nachgelegt. Besonders ärgerlich sei die angebliche moralische Überlegenheit, die Europäer für sich in Anspruch nehmen würden. Sie habe ihn in Deutschland krank gemacht. "Europa war eine zivilisierte, moderne Gesellschaft, die Humanismus, Demokratie, Freiheit und Menschenrechte hochhalten sollte. Europäer sollten sich nicht moralisch überlegen fühlen dürfen." Ganz schlimm sei es mit der Dankbarkeit gewesen, die man von ihm und anderen Flüchtlingen erwarte. Ob das in Großbritannien anders ist, wird sich zeigen. Weiwei kritisierte die Briten dafür, die Proteste in der ehemaligen Kolonie Hongkong nicht ausreichend zu unterstützen. In der Brexit-Krise sei man viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Zur Übersiedlung wird sich Europa in seiner ganzen Schönheit zeigen: Die Chips in den kommenden blauen Pässen stammen von der franko-niederländischen Firma Gemalto, gedruckt werden sie in Polen und müssen dann nur noch nach Britannien transportiert werden.

Und dann kommt der Endspurt zu den Landtagswahlen, bei denen die allgegenwärtigen Auguren Sachsen und Brandenburg schon (fast) ganz blau angepinselt sehen. In all dem öffentlichen Erschrecken geht allzu leicht unter, dass die AfD keineswegs eine Mehrheitspartei ist, auch nicht in den viel geschmähten östlichen Bundesländern. Und dass die Grünen möglicherweise auch endlich mal dort reüssieren können, wo sich historisch in der Bürgerrechtsbewegung gegen die DDR-Diktatur ein Teil ihres eigentlichen Parteinamens "Bündnis 90 / Die Grünen" herleitet. Die Unverschämtheit, dass sich rechtspopulistische bis rechtsradikale Besserwessies als "Vollender der Wende" und Erben der Revolution von 1989 aufspielen, ist eine der Volten der deutschen Demokratie, die sich kein Satiriker auszudenken gewagt hätte. Ach, man hat's schon schwer mit der Meinungsfreiheit. Was umso mehr für die gilt, die stets das beleidigte Opfer spielen, wenn man ihnen zu widersprechen wagt. Dass diese beleidigten Leberwürste in aller Regel gerade diesen rechtspopulistische bis rechtsradikale Besserwessies sind, macht's nicht einfacher.

Aus einem Comic von 1966 mit einer Prognose für 2016. Schon damals lag sie weit daneben, heute anscheinend um so mehr.

Bei ihnen würde wohl auch die Intellektverbesserung durch Drogen und direkte Computerinterfaces nichts mehr helfen. Genießen wir lieber, statt uns mit den mit dem Flügel Schlagenden zu beschäftigen, den zu Ende gehenden Sommer in der Stadt, keinesfalls voller Wut. Feiern wir nicht nur den Sommer in der Stadt, feiern wir auch die Befreiung von Paris vor 75 Jahren. Man konnte ja damals hoffen, dass man all die offenen und verkappten Nazis endgültig loswerde. Aber nein, sie sind nur etwas weniger stahlgewittrig geworden. Aber nicht intelligenter oder gar menschenfreundlich. (jk)