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Was war. Was wird. Von schwierigen Positionsbestimmungen in Zeiten des Cyberkriegs.

Ach, immer diese Einzelfälle. Schrecklich, nicht? Hal Faber hält aber eigentlich die Positionsbestimmung in solchen Fällen für recht einfach,

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Wo bin ich nur? Hoffentlich gibt's wenigstens Netz ...

(Bild: Oksana_Shmatok / shutterstock.com)

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Vierunddreißig Kilometer vor der iranischen Küste haben iranische Streitkräfte eine langsam fliegende HALE-Drohne der Global Hawk-Serie in 14.000 Meter Höhe abgeschossen. Die Drohne der US-Navy mit der internen Bezeichnung BAMS-D war erst am 15. Juni in den Nahen Osten überführt worden und zu Aufklärungsflügen entlang der iranischen Küste eingesetzt. Abgeschossen wurde sie am 19. Juni durch das Raad genannte Raketenabwehrsystem, dass der Iran auf Basis des russischen Buk-Systems baut.

Eine Überwachungsdrohne Northrop Grumman RQ-4B Global Hawk der United States Air Foce

(Bild: viper-zero / shutterstock.com)

Ob sich der Vorfall in der Straße von Hormuz über iranischem Hoheitsgebiet ereignete, wie der Iran behauptet, oder eben 34 Kilometer außerhalb der iranischen Zone, wie die USA behaupten, ist schwierig zu sagen. Die juristischen Implikationen dieser Aktion sind nicht einfacher zu beantworten. Unmittelbar nach dem Abschuss der Drohne bereiteten die USA einen Vergeltungsschlag vor, der möglicherweise 150 Menschen das Leben gekostet hätte. Wenige Minuten vor diesem Angriff blies US-Präsident Donald Trump das Unternehmen ab, so viele Menschen gegen eine Drohne aufzurechnen, das wäre schon eine weitere Eskalation gewesen. Erinnerungen an den Tonkin-Zwischenfall werden wach.

*** Willkommen zurück im Cyberkrieg! Angeblich hat Präsident Trump dem Cyber-Kommando einen umfassenden Marschbefehl gegeben. Bekannt ist ja, dass der Iran die Uran-Anreicherung wieder anfahren will. Fast schon ein alter Wurmgefährte ist Stuxnet, die 2010 bekannt gewordene Cyber-Attacke auf genau diese Anreicherungsanlagen. Etwas weniger bekannt ist Nitro Zeus, der 2016 entwickelte Plan der USA, mit einem Cyber-Angriff das gesamte Stromnetz und die Telekommunikationssysteme des Iran zu zerstören. Die Existenz von Nitro Zeus flog im Laufe der Recherche zum Stuxnet-Dokumentarfilm Zero Days auf, als der ehemalige NSA-Chef Michael Hayden die Existenz dieses Angriffsplanes bestätigte. Angeblich wäre Nitro Zeus gestartet worden, wenn sich der Iran geweigert hätte, einem Nuklearabkommen zuzustimmen. Nun hat die USA genau dieses Abkommen unter der Regierung Trump gekündigt und könnte drauf und dran sein, eine neue Variante zu aktivieren. So könnte der Konflikt zwischen Sicherheitsberater Bolton (will Krieg) und den US-Militärs (wollen keinen Krieg) entschärft werden, wenn das "Kampfführungsrecht" der USA im digitalen Raum ausgeübt wird. "Mit dem Funktionsverlust kritischer Infrastruktur wird die Grenze völkerrechtlicher Gewaltanwendung überschritten", heißt es im Talinn Manual 2.0.

*** Prompt ist es wieder da, das Gerede von den Massenvernichtungswaffen, die diesmal dem Iran zur Verfügung stehen wie weiland all das böse Zeug, das Saddam Hussein im Irak hortete oder auf Lastwagen durch die Gegend fahren ließ. Trumps Haussender Fox News hatte schon vor Tagen einen Bericht über ein Papier deutscher Geheimdienste in die Welt gesetzt, nach dem der Iran daran arbeitet, sein Arsenal an Massenvernichtungswaffen auszubauen. Die ach so hoch geheime wie brisante Quelle ist der bayerische Verfassungsschutzbericht! Das hat natürlich seine Richtigkeit, denn in Deutschland ist die Gefahrenabwehr bei Bedrohungen aus dem Cyberraum so lange Ländersache, bis der Verteidigungsfall ausgerufen ist und Flecktarncyber ausrückt. Im Bericht steht keine Sensation, sondern eine Berichtsfloskel: "Sog. Risikostaaten wie Iran, Nordkorea, Syrien und Pakistan sind bemüht, ihr konventionelles Waffenarsenal durch die Herstellung von Massenvernichtungswaffen zu ergänzen. Um sich das dafür notwendige Know-how und entsprechende Bauteile zu beschaffen, versuchen diese Staaten, Geschäftskontakte zu Unternehmen in den hochtechnologisierten Ländern wie Deutschland herzustellen." Ja, also wenn das kein voll krasser Beweis für die Existenz von Massenvernichtungswaffen ist, dann verputze ich glatt einen Curveball!

*** Nach so viel Text zu "ausländischen" Problemen wenden wir uns dem Inland zu, mit 196 Toten, die durch rechte Gewalt gestorben sind. Natürlich alles Einzelfälle wie Walter Lübcke, hübsch in ihrer ganzen Einzelfallartigkeit beobachtet durch den Verfassungsschutz. Dass dieser Politiker auch auf der Liste des NSU stand, ist natürlich noch ein weiterer Einzelfall. Wer noch einen längeren Text verkraften kann, sei auf diese Folge von Nerds retten die Welt verwiesen, ein Interview mit dem Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer, dessen "Deutsche Zustände" in dieser kleinen Wochenschau schon mehrfach erwähnt wurden. Es gibt schließlich nicht nur Luhmann oben und Habermas unten, sondern auch eine Soziologie, die die Fußarbeit macht. Für die ganzganz Eiligen, denen bekanntlich auch die kleine Wunschfee nie das Passende parat hat, muss diese Passage reichen: "Es gibt eine ganze Reihe politischer Fehlentwicklungen, die sich zum einen im Zusammenspiel des globalen Kapitalismus mit seinen ständigen 'Land­nahmen' und dem Eindringen in alle Poren der Gesellschaft zeigen; weiter eine Demokratieentleerung, wie ich sie nenne, bei der der Apparat zwar wie geschmiert läuft, aber das Vertrauen in Lösungskapazitäten und auch in die Wahrnehmung von Bürgern durch politische Eliten abgenommen hat und weiter abnimmt. Und drittens sind es die Statusängste aufgrund der schnellen technologischen Entwicklungen." Read on, my dear!

*** Die Debatte um die Verschlüsselung reißt nicht ab. Da will das Innenministerium selbstredend keine Verschlüsselungsverbote will aber selbst ein bisschen schwanger sein mit der Forderung, dass Provider einen "staatlichen Zugriff als gesetzlich geregelte Ausnahme" ermöglichen müssen. Auf einer Tagung zur Cybersicherheitspolitik schwärmte ein hoher Beamter des Innenministeriums davon, wie geräuschlos und patent De-Mail laufen würde, wo ja für einen kurzen Zeitpunkt entschlüsselt und dann umgeschlüsselt werde. Die Frage, ob De-Mail überhaupt noch läuft oder mangels Zuspruchs wie Rosinante nur noch röchelt und bereit für den Gnadenschuss ist, wurde gnädig übergangen. So bleibt das Kuriosum zu berichten, dass sich ausgerechnet der evangelische Kirchentag für die Verschlüsselung der Kommunikation stark macht. Potzblitz, haben denn nicht die Verehrer höherer Wesen einen besseren Draht, ihren G^tt zu erreichen? Und wenn es nur auf diesem Wege geht, wo liegt dann der himmlische Keyserver?

Es steht dieser Tage nicht gut um John Searle, dem wir das Experiment des chinesischen Zimmers als Ergänzung zum Turing-Test verdanken. Die aufgeregten Zwischenrufe, man müsse zwischen dem Menschen und dem Wissenschaftler unterscheiden, wirken hilflos. Unbestritten bleibt ja seine in der Wissenschaft getroffene Unterscheidung zwischen schwacher Künstlicher Intelligenz, die menschliches Denken simuliert, und starker Künstlicher Intelligenz mit Wissenschaftlern, die auf den denkenden Computer bauen. Wie gut, dass in Zukunft das aufsteigende Bewusstsein einer künstlichen Intelligenz wissenschaftlich begleitet wird, ganz ohne sich einen "wissenschaftlichen Reputationsschaden" einzuhandeln. Eines Tages wird sich das emergente KI-Bewusstsein entfalten; ein Twitter-Konto hat es jetzt ja schon. Einen wissenschaftlichen Reputationsschaden kann man jedoch jetzt schon vermelden. Nein, damit ist nicht die "amerikanische Zitierweise" in einer deutschen Dissertation gemeint.

Es ist natürlich schön, wenn der Keller, in den man zum Lachen flieht, auch noch mit feinen Sachen gefüllt ist.

(Bild: Iakov Filimonov / shutterstock.com)

Im großen Stil zeigen wissenschaftliche Arbeiten zu den Social Bots, die angeblich die Kommunikation in sozialen Medien wie Twitter beeinflussen, wie da geforscht wird, besonders wenn über Social Bots im Wahlkampf berichtet wird. Die Sokal-Affäre lässt schön grüßen. Das wäre alles nicht so bedenklich, wenn nicht von all dieser Pseudo-Wissenschaftlichkeit politische Forderungen wie die Klarnamenspflicht im Internet abgeleitet würden. Denn damit, so das Kalkül der Expertïnnen, würde sich das Problem der Social Bots lösen. Zum Lachen bitte sofort ab in den hoffentlich kühlen Keller. (jk)