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Was war. Was wird. Von überwachten Ausländern und ausländischer Überwachungstechnik.

Moral, was interessiert schon Moral? Und was interessiert der dumme Rechtsstaat, wenn, ja, was denn in Gefahr ist? Der Rechtsstaat? Ach, da drehen nicht nur unsere neuen KIs hol. I'm sorry, Hal, I'm afraid I can't do that.

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HAL 9000, Odyssee im Weltraum, 2001

Es wäre nicht das erste Mal, dass KIs die Welt nicht mehr verstehen.

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

So ging das händische Spionieren

*** Ein Ausspähen unter Freunden, das geht nun, volle Kanne. Es geht noch mehr: Der Bundesnachrichtendienst kann sich zur kleinen NSA umbauen und der großen NSA laut § 15.1 des neuen Gesetzes personenbezogene Daten automatisiert übermitteln. Da knallen die Grappa-Korken nach diesem schwarzen Freitag, an dem CDU/CSU und SPD eine illegale Überwachungspraxis weitgehend legalisierten. Es ehrt die FDP-Politikerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, wenn sie gegen die nun legalisierte "Ausland-Ausland-Fernmeldeüberwachung" vorgehen will und eine Klage gegen die Mogelpackung formulieren will. Man wird auch der Meinung zustimmen müssen, dass Grundrechte nicht nach Staatszugehörigkeit aus- und wieder angeschaltet werden können. Kurios ist es schon, wenn Kritikern der legalisierten Überwachungstechnik mit dem Argument begegnet wird, sie wollten blauäugig festschreiben, der BND müsse bitte strikt moralkonform spähen. Der Versuch, unter Berufung auf Bedrohungen wie den Daesh Moral und Technik gegeneinander auszuspielen, könnte noch ganz andere Verschiebungen erzeugen.

*** Es ist schon ein ganz eigenes Paradox, wenn die Aufgabe des Rechtsstaats damit begründet wird, dass der Rechtsstaat geschützt werden soll. Da kommt jede KI ins Schleudern und schnappt über. Aber halt, man kann auch mehr als nur KIs in den Wahnsinn treiben. Man denke nur an das Zusammengehen von BND und Verfassungsschutz, das Traumziel der Truppe, als diese von Reinhard Gehlen geleitet wurde. Die Lehren aus der deutschen Geschichte? Geschenkt, denn wie viel effektiver lässt sich gegen diese Reichsbürger vorgehen, die im Freistaat Paranoia leben. Wer meint, ich übertreibe, sollte passend zur Buchmesse den Taubentunnel, die Memoiren von John le Carré lesen, in dem dieser sein "Arbeitsfrühstück" beim damaligen BND-Chef August Hanning schildert. Hanning sitzt unter den Portraits von Wilhelm Canaris und Reinhard Gehlen und erklärt gemütlich, warum der in lange Guantanamo inhaftierte Murat Kurnaz eine Gefahr für die innere Sicherheit Deutschlands sein soll. Das findet selbst ein le Carré, der die NSA versteht und Snowden nicht mag, ein starkes Stück. Wie war das mit dem Durchdrehen, dem Rechtsstaat und der Freiheit? I really think I'm entitled to an answer to that question ...

*** Aber lassen wir die KIs mal außen vor, bleiben wir in der Welt der Spione und ihrer Dienste, für die sie unterwegs sind. In den USA gibt es das Office of the Director of National Intelligence, die Koordinations- und Kontrollbehörde der 17 Geheimdienste des Landes. Zur Arbeit dieses Büros gehört die Definition nachrichtendienstlicher Standards, etwa der Einschätzung, wie plausibel eine gewonnene Information oder Einschätzung ist. Sie kann mit high, moderate und low confidence klassifiziert werden. Die mitunter als Fakt bezeichnete Attacke russischer Dienste gegen die Demokratische Partei zum Zwecke der Wahlmanipulation wird nach den bisher bekannten Gutachten mit moderate confidance eingeordnet. Was die unter den Namen TG-4127 APT 28, Sednit, Fancy Bear, Pawn Storm oder Sofacy geführte Hackergruppe angeht, so ergibt sich die Attribution aus weiteren Attacken dieser Gruppe, allesamt gegen russische Kritiker.

*** Ob daraus abgeleitet werden kann, dass Wikileaks mit den Diensten in Verbund ist oder nur dieselben Ziele hat, weil man Trumps Weltsicht vollkommen übernommen hat, scheint unerheblich. In jedem Fall ist die von Ecuador bestätigte Netzsperre für Assange wenig mehr als eine staatliche PR-Maßnahme, denn die Veröffentlichung der "Podestamails" gehen Tag für Tag weiter, mit Sensationen wie der Bekanntgabe der Mail-Adresse von Obama bei seiner ersten Präsidentschaftskandidatur. Die autoritäre Maßnahme beendet nicht die Einmischung in den US-Wahlkampf, nur die Meinungsfreiheit von Assange. Wenn obendrein die Privatsphäre vieler Menschen beschädigt wird, haben alle verloren. Das Dumme dabei: Wikileaks kann man nicht umbenennen wie ein Hotel.

*** Während in Frankfurt auf der Buchmesse gedrängelt und geschoben wird, arbeite ich als Contentsklave an dieser kleinen Wochenschau, die dank einer geheimnisvollen Technologie namens HTML im Internet gelesen werden kann. Derweil ist in Frankfurt ein Buch der Renner, in dem eben jenes Internet der letzte Scheiß ist, was die kulturell Beflissenen ganz ungemein entzückt. "Das Internet ist ein Computernetzwerk, das Menschen dazu nutzten, andere Menschen daran zu erinnern, dass sie ein mieses Stück Scheiße sind." Das ist schon einmal eine ganz brauchbare These, zu der man nur noch dieses "Kostenlos" addieren muss, was bekanntlich meint, dass Konzerne wie Google mit unseren Daten Geld machen. Diese beiden Gedanken auf 360 Seiten auswalzen zu können, das ist die Hohe Schule der Schriftstellerei. "Ich stamme vom Internet ab. Ich weiß, dass alles im Internet, das wir als notwendig ansehen, von Nerds mit einer Vorliebe für miese Romane entwickelt wurde." Stop, Hal, I am afraid.

*** Angst? Nicht ganz von der Hand zuweisen. Obwohl es doch gut und tröstlich, dass wir jetzt dem Internet of Things und seinen DDoS-Scheißereien ausgesetzt sind und nicht diesem Internet der Nerds. Oder nicht? Zigtausende von Überwachungskameras und Videorekordern dieser Überwachungssysteme wurden genutzt, um das Internet lahmzulegen. Wobei die Beschreibungen häufig zu kurz kommen, denn es war kein Angriff der Hacker auf den Alltag, sondern ein Angriff des Alltags selbst, weil Vernetzung pfennigbillig sein muss. Es ist ja mal eine neue Erfahrung, dass man gegen diese Angriffe nichts tun kann, nicht einmal, wenn man einen dieser Nerds bis zur Höchstleistung foltert. Im Billignetz vom IoT mit seiner Schrottsoftware ohne jegliche Sicherheit auf Updates zu warten, das hat was von Beckett. Aber es gibt ja Lösungen, die von echten Internet-Hassern kommen, wie die Abrechnung nach Kilobyte.

*** Bleiben wir in der schönen Welt der Kultur. In der letzten Wochenschau versuchte ich mich an einer Erklärung, warum um alles in der Welt Bob Dylan einen Literatur-Nobelpreis bekommt. Nun macht sich besagter Bänkelsänger auf, die Literaturnobelpreisbindung zu ignorieren, wie es der große Schriftsteller Peter Glaser formuliert. Ganz kurz tauchte auf der offiziellen Website ein Vermerk zum Preis auf, doch verschwand er kurz darauf im Vergessnet. Passend wäre es, wenn der Boss von Frankfurt aus nach Hyperborea zieht, sein Buch ist ja große Literatur. So kann Dylan weiter ungestört touren. Artikel, die davon schwafeln, dass man in Schweden verärgert ist ob der gezeigten Arroganz, vergessen gern, dass dieselben Schweden in Gestalt des Nobelpreis-Sekretärs 2008 die amerikanische Literatur als provinziell und engstirnig bezeichneten.
People are crazy and times are strange
I'm locked in tight, I'm out of range
I used to care, but things have changed

Was wird.

Das größte deutsche Computermuseum steht in Paderborn und feiert in dieser Woche seinen 20. Geburtstag mit einem Kolloquium über "Utopien und Planungen zur vernetzten Welt". Klar, dass im Heinz Nixdorf Museumsforum die Firma Nixdorf als "Pionier der digitalen Vernetzung" gewürdigt wird. Leider endete sie wie viele Pioniere, skalpiert und ausgeraubt. Ja, es gab mal eine Zeit, in der man von ISDN schwärmte und vor ISDN warnte, in der man den Grünen empfahl, wenn überhaupt, dann Nixdorf-Computer zu kaufen. Damals konnte man sich nicht vorstellen, dass @HOME das Internet der Dinge übergriffig wird und es vielleicht eines moralischen Betriebssystems bedarf beim Aufbau des nächsten Netzes, mit eingebautem Schutz vor den Dingen.

Die neuesten Angriffsbots im Sonderangebot

Nach der allerletzten Festlichkeit von 20 Jahre heise online steht noch ein ganz anderer Geburtstag ins Haus. Am 25. Oktober vor 20 Jahren startete Lara Croft in ihre Abenteuer. Der erste virtuelle Superstar mit umfangreicher Oberweite und Lebensgeschichte, der obendrein den Bechdel-Test bestand, wurde eine feministische Ikone, der man nicht ungefragt irgendwohin grapschen durfte. Gefeiert wird der Geburtstag mit einem Weltrekordversuch im Lara-Croft-Verkleiden. Was bleibt? Träumen von einer besseren Welt. Vielleicht. Will I dream? I don't know. (jk)

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