Menü
4W

Was war. Was wird. Von wilden Zwanzigern und anderen Kalamitäten.

Die 20er Jahre beginnen mit einem Krieg. Und der demonstriert die unerträgliche Leichtigkeit des Tötens. Technik könnte sinnvolleres leisten, findet Hal Faber.

Lesezeit: 4 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 47 Beiträge

(Bild: sibsky2016 / Shutterstock.com)

Von

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Willkommen im neuen Jahrzehnt. Mögen es die wilden 20er werden. Ehe jetzt wilde Diskussionen darüber anfangen, dass dieses Jahrzehnt erst in einem Jahr beginnt, verweise ich auf die ISO 8601 Abschnitt 4.11, in der eine Dekade definiert wird. "A string consisting of three digits, for example 'the 1960s'. It is the ten-year time interval of those years where the three specified digits are the first three digits of the year." Willkommen also in den wilden 202ern. Akzeptiert? Freuen wir uns also auf die wilden 20er, die die wilden 20er anno 1920 in den Schatten stellen werden. Dafür gibt es bereits gute Hinweise. Man denke nur an das Fleisch von Beyond Meat und warte freudig gespannt auf das Jahr 2022, wenn Soylent Green auf den Markt kommt. Auf weitere Wildereien komme ich noch zu sprechen.

Hatte auch was zu tun mit den "Roaring Twenties" - die Prohibition in den USA. Was "Bootleger" wie dem Mobster Charlie Birger und seiner Bande zu wahrlich "goldenen 20ern" verhalf. "It's a beautiful world" sollen seine letzten Worte gewesen sein, bevor er 1928 am Galgen starb.

(Bild: Everett Historical / Shutterstock)

*** Bekanntlich endeten die 2010er mit dem Jahr 2019 in Frieden, Eintracht und einer großen Knallerei. Von einer nicht-Notoperation und einem abgefackelten Affenhaus einmal abgesehen. Wer braucht schon Fake News und die AfD, wenn die Polizei und diese C-Parteien sofort den größten Unsinn in die Welt setzen und sofort irgendetwas Schärferes fordern – nur nicht für die eigene Klientel? Manchmal braucht es gar keinen christlichen Beistand, wie es das Beispiel des grünen Hamburger Justizsenators Till Steffen zeigt, unter dem eine neue Runde von G20-Prozessen beginnt, diesmal gegen sogenannte Mitläufer, die selbst nicht gewalttätig waren. Hier sehen wir bereits, was die wilden 20er bringen werden, wenn das Wohnortprinzip für heranwachsende Beschuldigte vom Staat aufgegeben und die Ausbildung oder Schulbildung junger Menschen bewusst geschädigt wird. Mitgegangen, mitgehangen ist das Motto der neuen Zeit: Auch die, die eine unfriedliche Demonstration längst verlassen haben, können wegen der späteren Taten anderer zur Rechenschaft gezogen werden.

*** Zu den umstürzenden Ereignissen beim Übergang ins neue Jahrzehnt gehört ein Papst, dessen limbisches System einen Klaps austeilte, womit er prompt mit prügelnden Rockstars verglichen wurde. Braucht man solch einen Vertreter höherer Wesen auf Erden? Immerhin einer von denen, die eine kaputte Welt geißeln, in der Wüsten und Meere zu Friedhöfen werden. Sinnigerweise brauchen gerade Hacker solche Leitfiguren, wie es die feierliche Ansprache von Edward Snowden auf dem Chaos Computer Congress zeigte. Sein Auftritt wirkte wie eine Predigt (ab der 35. Minute). Erst las er aus einem weisen Buch vor, seiner Autobiographie "Permanent Record", dann gab es den Segen. "Es werden die Hacker sein, die diese zerbrochene Welt zu einem besseren Platz machen werden". Für diese schlichte Aussage gab es auf dem Chaos Computer Congress minutenlangen Beifall wie sonst nur bei der Datenanalyse von Bahnfahrten. Die Erkenntnis, dass die Deutsche Bahn komplett ausgefallene Züge nicht in die Berechnung ihrer Pünktlichkeitsquote einbezieht und ab einer Verspätung von mehr als 40 Minuten ihre Züge "aufgibt", war überaus erheiternd. So konnten nicht nur Bahnreisende einen Blick hinter die Kulissen der Macht des Schicksals werfen, die beim "Träweling wis Deutsche Bahn" erduldet werden muss.

*** Von einer hoch fliegenden Drohne aus haben die USA drei Raketen auf einen Autokonvoi am Flughafen in Bagdad geschossen, den iranischen General Quasim Solemani und den Milizenführer Abu Mahdi al-Muhandis getötet. Der Iran wird sicher zurückschlagen, wenn die dreitägige Staatstrauer beendet ist. Die wilden 20er beginnen mit einem wilden Krieg, obwohl man mit Fug und Recht behaupten kann, dass der Drohnenschlag eine zwanzigjährige Vorgeschichte hat, die mit der Operation Desert Fox begann. Damals wollte ein gewisser Bill Clinton von seinem Impeachment-Verfahren ablenken. Militärisch erinnert der Drohnenschlag jedoch an ein ganz anderes Ereignis, die Operation Vengeance von 1943. Damals wurde der sehr populäre japanische Admiral Yamamoto Isoroku getötet, der eine ähnliche Rolle wie Quasim Solemani spielte. Auch damals ging die Rechnung nicht auf, denn Yamamoto wurde nach einem großen Staatsbegräbnis im Yasukuni-Schrein aufgenommen und verehrt. Als er noch lebte, wurde Solemani zum Märtyrer erklärt, mit seinem Tod ist nun die Rache fällig. Der Iran hat viele Eskalationsmöglichkeiten, angefangen bei Ölanlagen und Öltankern, bis hin zu Selbstmordattentaten im Geist der Shia.

*** Im Vergleich zur Aktion im Jahre 1943 mit mehreren Jagdstaffeln und umgebauten Flugzeugen zeigt sich der ganze Fortschritt in der unerträglichen Leichtigkeit des Tötens – und wie sehr Technik politisch ist. Technik könnte sinnvolleres leisten. Und Techniker sich ihrer politischen Rolle bewusst werden. Wie auch immer: Angeblich haben die Eskimos 100 Worte für Schnee. In den gesammelten Beschreibungen der US-amerikanischen Aktion zeigt sich, dass wir 100 Worte für einen Mord haben. Es fängt bei gezielter Tötung an, geht über die "Entfernung vom Schlachtfeld" und endet noch lange nicht bei der Beschreibung eines "gefährlichen Eskalationspunktes", der ausgeschaltet werden musste. Wie war das noch Anfang Dezember da in diesem letzten Jahrzehnt, als die deutsche Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer bewaffnete Drohnen zum Schutz der Soldaten in Afghanistan forderte? Auch dieser Schutz ist, wenn er eingesetzt wird, eine gezielte Tötung aus 12.000 Metern Höhe. Die stockende Debatte wird in den nächsten Tagen sicher besonders wild geführt werden. Derweil ist in den USA eine Debatte im Entstehen, ob die Clique von Trump-Anschleimern in Mar-al-Lago mehr über die Aktion wusste als die Mitglieder des Kongresses. Auf das Impeachment folgt das Inteachment.

Man soll das Jahr nicht mit Programmen beladen wie ein krankes Pferd. Wenn man es allzu sehr beschwert, bricht es zu guter Letzt zusammen. Je üppiger die Pläne blühen, umso verzwickter wird die Tat. Man nimmt sich vor, sich zu bemühen, und schließlich hat man den Salat! Es nützt nicht viel, sich rot zu schämen. Es nützt nichts, und es schadet bloß, sich tausend Dinge vorzunehmen. Lasst das Programm! Und bessert euch drauflos!

Erich Kästner hat eigentlich alles zu diesen "guten Vorsätzen" gesagt, die aufgestellt und dann gebrochen werden wie eine Salzstange. Es ist fast so wie mit den Erkenntnissen, die man in einem Jahrzehnt sammeln kann und dann zum Schluss kommt, dass Computer Teil der menschlichen Geschichte im Anthropozän sind, genau wie Musik, Bücher und das gute Thermopapier der Kassenbons. Die beste Erkenntnis ist dann der beste Anfang für das neue, wilde Zeitalter: "Die Menschen in der Regierung sind genauso inkompetent und ratlos wie alle anderen auch. Was sie wirklich gefährlich macht ist, wie oft sie das nicht wissen. Und es gibt niemanden, der es ihnen erzählt."

Doch zurück zu den Vorsätzen. Die Agenturen melden dazu, dass der Sänger Sasha 2020 ein guter Vater sein und ein Model namens Toni Garrn griechisch lernen will. Diese Liste lässt sich hervorragend mit Ivanka Trump fortsetzen, die als Keynote-Sprecherin der bald startenden CES in Las Vegas angekündigt ist. Sie soll dort als Expertin für die Rolle der Frau in der Technologie auftreten und sich generell über die Zukunft der Arbeit auslassen. Die Presse muss sich gesondert dafür registrieren und die aus dem Ausland braucht ein gültiges Presse-Visum. Die prüde Messe, die im frisch vergangenen Jahrzehnt Vibratoren verboten, VR-Pornos aber erlaubt hatte, leistet sich eine Sprecherin, deren technische Kenntnisse sehr begrenzt sind. Man darf auf ihre Rede und ihre Tweets gespannt sein. Vor dem Drohnenanschlag twitterte sie über die Heroen in der Bagdader Botschaft der USA, mit kleinem Schreibfehler. Immerhin ist mit Mandy Moore als eine der bekanntesten Trump-Kritikerinnen so etwas wie ein Ausgleich erfolgt. Danach geht es – für Ivanka – nach Davos zum Weltwirtschaftsform, wo sie über Geschlechtergleichheit referieren soll, wenn Donald Trump wieder einmal den Trip absagen muss, weil ihm der Iran zwickt.

Ihnen zwickt's auch. Aber woanders.

(jk)