Menü
4W

Was war. Was wird. Wie das leere Schaugepräng erblasst.

Bretter, die die Welt bedeuten. Ja doch: Mancher, der sich in die Öffentlichkeit wagt, kommt darin um, oder blamiert sich wenigstens, so gut er kann. Der Worte sind genug gewechselt? Kann eigentlich nie sein. Außer, man macht Theater, meint Hal Faber.

Was war. Was wird. Wie das leere Schaugepräng erblasst.

Ihr wißt, auf unsern deutschen Bühnen probiert ein jeder, was er mag; Drum schonet mir an diesem Tag Prospekte nicht und nicht Maschinen. Gebraucht das groß, und kleine Himmelslicht, die Sterne dürfet ihr verschwenden; an Wasser, Feuer, Felsenwänden, an Tier und Vögeln fehlt es nicht. So schreitet in dem engen Bretterhaus den ganzen Kreis der Schöpfung aus, und wandelt mit bedächt'ger Schnelle vom Himmel durch die Welt zur Hölle.

(Bild: Holger Langmaier, gemeinfrei (Creative Commons CC0), Zitat: Johann Wolfgang von Goethe, Faust I, Vorspiel auf dem Theater)

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

(Bild:  12019 )

*** Das Fest ist jetzt zu Ende.
Unsere Spieler, wie ich euch sagte, waren Geister
Und sind aufgelöst in Luft, in dünne Luft.
Wie dieses Scheines lockrer Bau
So werden die wolkenhohen Türme, die Paläste,
Die hehren Tempel, selbst der große Ball.
Ja, was daran nur Teil hat, untergehn,
Und, wie dieses leere Schaugepräng' erblasst,
Spurlos verschwinden.

*** Landauf, landab fährt Kevin Kühnert, der Juso-Vorsitzende durch das Land und spricht in rappelvollen Hallen gegen den Eintritt seiner SPD in eine Regierungskoalition mit CDU und CSU. In der letzten Wochenschau schrieb ich dazu, dass es einen üblen, faulen Beigeschmack hat, wie ein Boulevardblatt (whose name may not be mentioned) eine Geschichte darüber veröffentlichte, dass dem Kevin ein Juri aus St. Petersburg helfen wollte. Inzwischen hat die Geschichte eine andere Wendung genommen und geht als #miomiogate in die Meme-Halle des Internet ein. Der oberste Journalist dieses Boulevardblattes wurde vom endgültigen Satiremagazin Deutschlands hereingelegt und hievte auf eigener Verantwortung die "Gewichtung" der faulen Nachricht als Schlagzeile ganz nach oben in den Rang einer Sensation, nicht ohne sofort zurückzuschlagen. Aus der Tatsache, dass der für den Coup verantwortliche Redakteur bei "Russia Today" eingeblendet wird, wird prompt die Zusammenarbeit mit der Propaganda-Abteilung eines Regimes, das an der Zersetzung freier Medien arbeitet: Fehler machen immer die anderen, die sich auch noch einem "Siegesrausch" hingeben. Diese Art des Blaming hat natürlich Tradition in der Gazette von Format.

***Ich bin gereizt, Herr: habt
Geduld mit mir; mein alter Kopf ist schwindlicht.

*** Nun gibt es landauf, landab Diskussionen, wie raffiniert die ganze Geschichte oder ob sie einfach zu erkennen war. Schließlich wehrte sich der oberste Journalist des Boulevardblattes mit dem Argument, man habe mehrfach versucht, die Identität des Tippgebers festzustellen. Schließlich passiere es immer wieder, dass Informanten ihre Identität nicht preisgeben wollten. Mit so einer Argumentation hätte die Geschichtevon Juri aus St. Petersburg erst recht kritisch beäugt und recherchiert werden müssen. Aber das kostet Zeit. Investigativ sein, das ist nicht Twitter-kompatibel. Übrigens ist "Identitätsfeststellung" eine hoheitliche Aufgabe und weniger eine journalistische. Sie wird meistens mit modernen Lesegeräten durchgeführt, die sich dem jeweiligen Ausweis gegenüber ausweisen sollen: Pech, wenn man dafür seit über 10 Jahren keine Software hat, wie nun aus den USA berichtet wird. Damit ist zumindest eine andere Feststellung möglich: Es gibt Journalismustheater und Sicherheitstheater.

*** Vielleicht ist all das nur ein Ablenkungstheater. Denn der besagte oberste Journalist hat in dieser Woche mit dem obersten Fernsehscharfrichter Deutschlands in dessen Sendung "Hart aber fair" gezeigt, wie diese Fairness und der Verstand von Fakes wie dem "gesunden Volksempfinden" verdrängt werden kann. Die rechtspopulistische Scharfmacherei der beiden Journalisten ist einer der Tiefpunkte des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, das offenbar ein "Volksempfinden" installieren will, wie es die Nationalsozialisten 1935 in das Gesetz schrieben. Zu welchem Ausmaß an bornierter Fantasielosigkeit Journalisten fähig sind, hat ein Jurist niedergeschrieben. Der Höhepunkt ist die Forderung, einen Menschen "für immer" wegzusperren, weil er gegen die Auflagen verstieß, keinen Kontakt mit Kindern zu suchen. Das Volksempfinden kocht ungesund und die Forderung kommt auf, den Fahndern das Hochladen "virtueller Bilder" von Kinderpronographie zu erlauben. Dies ist in allen Ländern verboten und daher durch die mühselige Fahndung nach Objekten als nicht strafbare Bildinhalte ersetzt, doch das stört die Scharfmacher nicht.

*** So konnte der AfD-Vertreter herzhaft lachen, ganz anders als seine Kollegen im Bundestag, die journalistische Texte von Deniz Yücel "missbilligen" wollten. Wo es noch keine Reichspressekammer gibt, muss halt der Bundestag für das üble nationalistische Getöse herhalten. Dafür kassierte man eine Abfuhr von einem Grünen. Sehnen sich die Deutschen nach der Heimat wie Cem Özdemir nach dem schwäbischen Urbach? Vielleicht ist vielen diese Art Heimat fremd, wenn sie nur das haben und glauben, was ständig über Sicherheit gesagt wird. Glaubt man dem Bitkom, so ist das Verlangen nach künstlicher Intelligenz in der Polizeiarbeit sehr groß. Sollen doch die Rechner für Sicherheit in dieser unübersichtlichen Welt sorgen, in der nur noch die Algorithmen den Durchblick haben, sollen sie doch die Ordnungshüter dorthin schicken, wohin die Täter kommen. Sollen doch die Rechner danach fahnden, welche Briefkastenfirma in Panama das abgezogene Geld verwaltet. Die gute KI wird es schon richten. Doch halt, auch die bösartige Nutzung der künstlichen Intelligenz ist möglich, nicht nur durch Einbrecherbanden, die heute längst selbst mit "predictive Policing" verfolgen, was die Polizei so tut.

*** In dieser Woche haben Forscher vor der künstlichen Intelligenz gewarnt und ein Moratorium für die Entwicklung von Watson & Co gefordert. Wahrscheinlich haben sie den Krimi Hologrammatica von Tom Hillenbrand gelesen, wo im 70 Jahren eine mächtige KI damit beauftragt wird, das Klimaziel der Menschen endlich konsequent anzugehen. Das setzt diese KI geschickt dadurch um, dass sie einen Virus in die Welt einschleust, der das Gros der Menschheit unfruchtbar macht. Schwuppdiwupp und ziemlich schmerzlos reduziert sich die Menschheit ganz ohne Bostroms Büroklammern oder dem Reizgas unserer Autoindustrie. Ganz ohne KI und Holozauber gäbe es den Vorschlag zum Emissionstheater, statt Diesel die LKW mit staatlichen Subventionen auf Erdgas umzustellen. Doch Deutsche und Autos. Autos und Verstand. Verstand und Fahrräder. Hängt ihn höher, den Gomringer!

Glaubt man den neuesten Jubelmeldungen des klassischen Lobby- äh, Journalismus, so steht das Fernbehandlungsverbot für Ärzte auf der Kippe. Der Text beginnt mit einem Satz, nachdem man einfach nur noch lachen kann: "Der Arzt fragt über Skype nach den Beschwerden, dann schickt er ein Rezept." Ja, wie schickt er das denn, einfach so per Mail zum Ausdrucken und ohne Prüfung des obersten gesundheitlichen Imperatives namens "Gesundheitskarte"? Wird es ein eRezept sein, das elegant an die Apotheke weitergeleitet wird? Und wie kommt dann die qualifizierte elektronische Signatur vom Heilberufsausweis des Arztes zum Patienten? Aktuell läuft im deutschen Gesundheitssystem eine ganz andere Komödie mit dem etwas sperrigen Namen "Anschluss an die telematische Infrastruktur". Die Ärzte müssen für rund 3000 Euro teure "Konnektoren" ordern, die eigentlich schlichte VPN-Router mit einem gehärteten Debian sind und nach fünf Jahren als Computerschrott entsorgt werden müssen. Denn dann läuft das BSI-Zertifikat aus, das sein schützendes Siegel über Praxen und Krankenhäuser hält. Aktuell hat nur ein einziger Konnektor das notwendige Zertifikat, während dieser, dieser und dieser in der Warteschleife hängen. Mond- statt Marktpreise sind die Folge. Die IT-Admins in den Praxen und Krankenhäusern haben zumindest auch etwas zum Ablachen, wenn die Installateure auftauchen. Selbstinstallationen sind wegen der hochkomplexen Technik nicht drin, schließlich sind Ärzte, Zahnärzte und Physiotherapeuten per eHealth-Gesetz gezwungen, noch 2018 fertig zu werden, wenn man die Gesundheitsstütze kassieren will. Währenddessen wird mit Widmann-Mauz die nächste Gesundheitsministerin eingewiesen. Der Verschleiß auf diesem Posten ist höher als der an VPN-Routern.

(Bild:  Andreas Riedelmeier, gemeinfrei (Creative Commons CC0) )

Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen
Den Vorhang zu und alle Fragen offen.[...]
Was könnt die Lösung sein?
Wir konnten keine finden, nicht einmal für Geld.
Soll es ein andrer Mensch sein? Oder eine andre Welt?
Vielleicht nur andere Götter? Oder keine?[...]
Der einzige Ausweg wär aus diesem Ungemach:
Sie selber dächten auf der Stelle nach
Auf welche Weis dem guten Menschen man
Zu einem guten Ende helfen kann. (Hal Faber) / (jk)

Anzeige
Zur Startseite
Anzeige