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Was war. Was wird. Zum Sommerschlussverlauf.

Das Sommerloch rollt von dannen, und wir wünschen es uns bald zurück, spätestens dann, wenn wir den Blick nach Italien richten, fürchtet Hal Faber.

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Schau mir in die Augen, Kleines! Umstellung der Lebensbedingungen angesichts des Klimawandels ist wohl mehr als die Einführung einer Fleischsteuer. Und noch teurer ...

(Bild: Aidask / shutterstock.com)

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Langsam, ganz langsam neigt sich der Sommer seinem Ende entgegen. Nur vereinzelt gibt es noch Tumulte in Freibädern, angeblich ausgelöst durch sekundenlanges Blockieren der Rutsche. Nur die harten Nerds packen noch ihre Campingsachen, um im Ziegeleipark unter freien Himmeln autonom zu zelten und das Frikadellendiplom als Küchenengel zu machen. Draußen sein, das ist ab Montag, dem glorreichen Zwölften den Jägern vorbehalten, wenn es darum geht, das Moorhuhn zu jagen und zu töten.

Das Moorhuhn, in echt (Schottisches Mohrhun, Lagopus lagopus scotica)

(Bild: Giedriius / shutterstock.com)

Die organisierte Massenabschlachtung ist eine wichtige Einnahmequelle der noblen Landbesitzern in schottischen Hochmooren, für alle anderen gibt es schließlich noch das Produktivität vernichtende Abschießen des Moorhuhns am Bildschirm, drinnen natürlich. Für Smartphones ist das hemmungslose Herumballern per App allen Ernstes als Gechicklichkeitsspiel gelistet.

*** Damit können wir drinnen zu den Unschicklichkeitsspielen übergehen, bei denen man sich per Lovoo-App zum Schnackseln verabredet und auf 30 Meter genau geortet werden kann. Was manchmal ganz praktisch sein kann, wie bei der App 3Fun für den flotten Dreier, die gerade in den USA und Großbritannien die Fantasie anregt. Standort-Ballons am Weißen Haus oder am Supreme Court in Washington, in der Downing Street 10 in London lassen die Vermutung zu, dass nicht nur regiert, sondern auch reagiert wird. Die Auswertung der Pentester, dass bei 3Fun eine Frau auf vier Männer kommt, ist natürlich ernüchternd. Noch ernüchternder ist indes das Feedback der angeschriebenen Firma, als sie mit der schwerwiegenden Sicherheitslücke konfrontiert wurde: "Dear Alex, Thanks for your kindly reminding. We will fix the problems as soon as possible. Do you have any suggestion? Regards, The 3Fun Team." Hier bleibt eigentlich nur der Vorschlag über, das Ganze einzustampfen.

*** Wer sich zum Gruppetto im Hotel trifft, sollte misstrauisch sein, wenn das Zimmer über eine App aufgeschlossen wird. Findige Hacker vom Chaos Computer Club haben die Funk-Kommunikation per Bluetooth zwischen der App und dem Türschloss mitgeschnitten und sind auf ein Sicherheitsproblem gestoßen. Zwar sind die Schlösser gegen ein einfaches Wiederabspielen der aufgezeichneten Kommunikation geschützt, doch soll es sehr leicht sein, den Schlüsselcode aus einer Aufzeichnung zu extrahieren und dann einen neuen Befehl zum Aufschließen abzusetzen. Auch hier ein schönes Beispiel, wie mit einer App die Sicherheit zum Teufel geht. Im Unterschied zu 3Fun hat der Hersteller Messerschmitt reagiert und die Verschlüsselung verbessert. So bleibt hoteltechnisch gesehen nur die Frage über, warum es in Hotelzimmern eigentlich keine Zahncreme gibt.

*** Gerade kracht in Italien die Regierung zusammen, weil sich Innenminister Matteo Salvini Chancen ausrechnet, in Neuwahlen als der große Wahlsieger zu triumphieren und die ungeliebte Koalition seiner Lega mit der Fünf-Sterne-Bewegung zu beenden. Das bringt die kleine Wochenschau zu einem weiteren Hotel. Das Moskauer Metropol hat eine ehrwürdige Geschichte und bereits viele Treffen gesehen. Wie Bellingcat nun veröffentlichte, gab es im Metropol mehrere Treffen zwischen einem Vertrauten von Salvini und Vertretern der russischen Regierung. Dabei wurde über die finanzielle Unterstützung der Lega verhandelt, die bereits unter dem Stichwort Moskopoli bekannt geworden war. Mit der Veröffentlichung der Flugdaten von Gianluca Savoini lassen sich auch die Angriffe auf Bellingcat erklären, die letzte Woche die Enthüllungsplattform in Bedrängnis brachten. Insgesamt ist die Entwicklung in Italien ein schöner Erfolg für Putin, so von Macho zu Macho.

*** Der Künstler Ai Weiwei, den Heise-Foristen vielleicht bekannt durch sein PTP-Projekt für Edward Snowden, bei dem Stoffpandas mit ausgedruckten NSA-Schnippseln und einem USB-Stick gefüllt wurden, will Deutschland den Rücken zukehren. Er sieht in Deutschland keine offene Gesellschaft. Als Beispiel führte Weiwei den Umgang Berliner Taxifahrer an, die ihn nicht befördern wollten. Das mag etwas wenig sein, aber Künstler sind ja sensible Naturen. Angeblich will Weiwei nach Großbritannien umziehen, was umso mehr verwundert, als dieses Land ihm bereits einmal kein Visum geben wollte. Vielleicht ist es an der Zeit, den Brexit als Kunstform zu interpretieren, in einer Zeit, in der Boris Johnson mit seinem Wahlkampf begonnen hat. Wobei diese Woche übrigens ein historisches Novum gesehen hat: die 1:1 Parität vom noblen britischen Pfund und schlimmen europäischen Euro. Aber zurück zur Ausgangsaussage: Ist Deutschland keine offene Gesellschaft mehr? Es ist interessant, dass mit Ian Bostridge ein aufrechter Brite gezeigt hat, was in Deutschland los ist. Deutsch lernen! brüllte ein älterer Herr, der danach von Bostridge auf die Bühne geholt wird und dann nichts zu sagen hat.

Von vielen unbemerkt, wandelt sich das deutsche Gesundheitswesen. Die Krankenkassen liebäugeln mit der Plattformökonomie, weil sie auf diese Weise selbst Anbieter von Dienstleistungen werden oder aber Anteile an solchen Dienstleistern erwerben können. Sie werden dadurch Vermittler und Datenbroker, was erklärt, warum sie die arztgeführte elektronische Patientenakte fördern, die vom Patienten gepflegte Gesundheitsakte bestenfalls tolerieren. Doch das System ist ausbaubar: Am Freitag wurde in Düsseldorf das erste virtuelle Krankenhaus vorgestellt, dass noch in diesem Jahr in Nordrhein-Westfalen seine Arbeit aufnehmen soll. Mit gemeinsamen Video-Konferenzen sollen hochspezialisierte Fachärzte, die in der Fläche nicht verfügbar sind, über seltene Krankheitsbilder beraten und dort weitermachen, wo der behandelnde Facharzt den Patienten aufgegeben hat. Das "Krankenhaus ohne Betten und konkreten Standort" soll zwei Millionen Euro jährlich kosten und soll "lebensverlängernd" arbeiten. Die Krankenkassen sind begeistert und so spricht die ehemalige Gesundheitsministerin Barbara Steffens von der TK von einer "virtuellen Exzellenzplattform mit bundesweiter Strahlkraft". Verstrahlt sind höchstens die Kritiker solcher Datenprojekte. Am Ende behandeln sich die Patienten selbst, das ist Win-Win für alle.

Nachdem die Sommerrätsel vorüber sind und auch das Sommerloch mit einer wüsten Debatte über die Fleischsteuer von dannen getrollt wurde, ist es an der Zeit, auf ein paar Veranstaltungen hinzuweisen. Da wäre zunächst einmal unsere Maker Faire im schönen Hannover am Rande des Sommerloches, bei der alle neu eingeschulten Kinder am Sonntag ein Familienfreiticket spendiert bekommen. Denn an 200 Ständen kann man lernen, warum man etwas lernen soll.

Der Wolf Fenrir, Gast auf der Maker Faire Hannover.

(Bild: Ronald Duikersloot)

Der Sommer klingt aus mit der IFA in Berlin, einer Messe, auf der vom E-Scooter über smarte Wischroboter bis zu JuJu und ZAZ alles Mögliche angeboten wird. Beeindruckend, immer wieder: Eine ganze Halle für Gasherde. Thematisch näher dran wäre zum einen die bekannte Sommerakademie der Datenschützer in Kiel. In diesem Jahr widmet sie sich dem Verbraucherdatenschutz. Gerade mit dem noch recht neuen Auskunftsrecht nach Artikel 15 steht man als Verbraucher nicht mehr ganz so schutzlos der allgemeinen Datenabzocke gegenüber. Auf die Akademie folgt natürlich die Party, wenn Netzpolitik.org wieder einmal Das ist Netzpolitik! präsentiert. (jk)