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Was war. Was wird. Zwischen Pest und Cholera kann man nicht wählen, die bekommt man.

Ob die Nicht-Tradition der Wehrmacht für die Bundewswehr auch zur deutschen Leitkultur gehört? Man weiß es nicht, befürchtet Hal Faber, der im Zweifelsfall dann doch lieber auf die dem Menschen innewohnende Vernunft hofft.

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Francisco de Goya: Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheur

"Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer."

(Bild: Francisco de Goya)

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Bald beginnt das große Wählen in den Ländern zwischen den Meeren, in Frankreich und in Schleswig-Holstein. Im Norden steht ein historischer Tag an, wenn das vorletzte Häuflein der Piratenpartei das Segel streicht und das Boot aufgeben muss. 8,2 Prozent waren es dereinst, die für die Hoffnungsträger-Piraten stimmten, die als Fraktion nach anfänglichen Problemen mit Kondomen und Kaffeemaschinen solide Aufklärungsarbeit betrieb und sich erfolglos mit der Europäischen Union anlegte. Die Bilanz: ein paar bedenkenswerte Beiträge Einzelner und viel Einzel-Fleißarbeit, doch weit und breit kein prägendes Thema. Dabei könnte es eine andere Leitkultur geben, die auf Datenschutz und Selbstbestimmung fußt und das moralinsaure Gerede vom christlich geprägten händeschüttelnden Abendland kalt lächelnd in die Tonne tritt. Der Rätsels Lösung: Geschickt haben die anderen Parteien Piratenthemen besetzt und eingemäntelt, bis ganz hinunter nach Bayern bei der CSU und ihrer Forderung nach einem Bundesdigitalministerium. Wenn gleichzeitig im Namen der Sicherheit Gesetze verschärft und Maulsperren wie das Netzwerkdurchsetzungsgesetz verabschiedet werden, ist das einfach dem Terror und Hass geschuldet und nicht einer Partei zuzurechnen, die jetzt von Gerechtigkeit quengelt.

*** Weiter südlich geht es hoch her. Über das "Rätsel" Macron ist viel geschrieben worden, bis das Sammelsurium der Macronleaks auftauchte. In der Erklärung von Wikileaks etwas zu spät, um noch die Wahlen zu beeinflussen, nachdem eine Attacke via 4Chan in dem Sinn erfolgreich war, dass die banktechnisch angeschlagene Marine Le Pen die "Fake News" von den Bahamas glaubte. All das hinderte Julian Assange aber nicht daran, die Dateien zu sichern und zu sichten und zu verbreiten, um alsdann zu erklären, dass die Leaks nicht zur Unterstützung von Marine Le Pen gedacht seien, sondern das Image von Russland schädigen wollen. Zu dumm, dass "Alt Right" offenbar anders dachte und mit #Macronleaks eine Kampagne für Le Pen aufgezogen hat. Solche Erklärungen sind typische Nerdgedanken von grandioser Schlichtheit. Doch vorschnelle Urteile und Attribuierungen wie "APT28 war's" verbieten sich, genau wie im Fall von Assange höchst selbst: Nach einem Jahr der Überarbeitung ist der Assange-Dokumentarfilm "Risk" von Laura Poitras in den USA erschienen und zeichnet jetzt das Bild eines Menschen, dem die Welt als einziges Brettspiel für sich und seine Geheimnisse erscheint. "Gib mir einen Punkt, wo ich hintreten kann, und ich bewege die Erde", sagte schon Archimedes.

*** Nächsten Sonntag kommt dann die nächste Wahl, da geht es mit smartgerecht.nrw gegen NRWIR und auch ein Digitalisierungsministerium ist mit dabei, diesmal von der FDP gefordert, wo man Steve Jobs verehrt. Noch ein Wortwitz gefällig? NRWDR, heißt es in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in einer beißenden Kritik des Radiosenders WDR, dieser "Anstiftung zur Langweile" und Dudelfunk des Ewiggleichen. "So reflektiert die 'Informationswelle' des Westdeutschen Rundfunks die Stagnation in Nordrhein-Westfalen, steht für das Land und eine Politik, die nicht vorankommt und damit ausgelastet ist, den Stau zu verwalten – den auf den Straßen und den in den Strukturen – und sich einzurichten in Verhältnissen, die von maroden Brücken und Bahnhöfen, von Schulen und Reformunfähigkeit blockiert sind." Ach, WDR, vergangen sind die Zeiten, als das Mittagsmagazin ein großer Treffer war, von den Computerkarten zur Radiothek ganz zu schweigen. Nun ist :Dieter Thoma gestorben, der dem Sender ein Profil gab im lauten und lärmigen Westen. Mit seiner Mahnung an Journalisten zur Selbstkritik und Bescheidenheit bleibt er im Gedächtnis: "Dass man über ein Mikrofon oder eine Kamera verfügt, macht das, was man sagt, nicht wichtiger als das, was unsere Hörer zu sagen haben."

*** Für die frisch mit einem Preis geehrte Teilstreitkraft Cyber- und Informationsraum (CIR) sucht die Bundeswehr verzweifelt Cyber-Soldaten. Aus dem alten "Zentrum Informationstechnik" ist das "Zentrum für Cyber-Sicherheit" geworden, in Berlin hat man ein "Cyber Innovation Hub" installiert, das von einem jungen Fregattenkapitän geleitet wird und Gediente sammelt, die schon einmal ein Start-Up gegründet oder in einem solchen gearbeitet haben. Und nun das: In Folge des letztens erwähnten Neonazis finden sich bei der Truppe "entnazifizierte" Stahlhelme der Wehrmacht und anderer Unrat. Die Öffentlichkeit muss wieder einmal erfahren, dass bei den Bürgern in Uniform rechtsgerichtetes Gedankengut wieder einmal hoch im Kurs steht. Dagegen steuert Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen energisch an, das muss man ihr anrechnen. Liest man dazu die Kommentare im ausgezeichneten Blog Augen geradeaus!, so überwiegt das Erstaunen: Die Jungs von der harten Truppe entpuppen sich durch die Bank weg als Mimosen, die schon den Ton der Ministerin für unbotmäßig halten. Bei der Wehrmacht waren auch die Guten, heißt es dann und eine Tradition muss man auch haben, wenn es ans Töten geht. Wo bleibt da der Ehrenschutz? IT-Spezialisten oder Nerds werden bei solchen Einstellungen das Weite suchen.

Was wird.

Mit glänzenden Augen arbeiten sich Journalisten an der TED-Konferenz ab und schwärmen dann vom irren Rausch der Zukunft, dem sich eine winzige Oberschicht hingeben kann, zu der Leute wie Peter Thiel oder Elon Musk gehören. Letzterer will jetzt auch noch Los Angeles umkrempeln und untertunneln, damit seinesgleichen in ihren Teslas schneller ans Ziel kommen. Damit können sich deutsche Städte nicht messen. Hier ist man schon happy, wenn neben dem Oberbürgermeister in der führenden deutschen Digitalstadt Darmstadt ein Chief Digital Officer inthronisiert wird. Ähnlich sieht es bei den Konferenzen aus: Morgen beginnt die re:publica, trotz "Love out Lout" und IBM Human Resource Festival eine sehr deutsche Konferenz mit viel Bussibussi und Kuscheln gegen den Hass im Netz. Statt Elon Musk gibt es Gerry Kasparov, der ausgerechnet zum 20. Jubiläum seiner Niederlage gegen Deep Blue in Berlin auftritt. Nun, IBM ist auch nicht mehr das, was es früher einmal war.

Doch zurück zur re:publica, die als Bloggertreffen mit der Frage startete, wie man seine Blogs monetarisieren kann. Damals hielt Sascha Pallenberg die positive Keynote, heute Autotester bei Daimler. Ja, die Bundeswehr wollte mitmachen auf der re:publica, ein Rekrutierungszelt aufbauen und IT-Kräfte mit ihrem Tarnfleck-Duftstoff anlocken. Ein richtiger Gedanke, schließlich zogen dort schon vor Jahren die digital Natives begeistert in den Krieg. Doch, so bestraft halt das Geschäftsleben, man war viel zu spät mit der Idee und alle Standflächen waren längst ausverkauft. Well, that's just how it is.... (jk)

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