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Was war. Was wird. ad nebulam per aspera

Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Bevor er aber sprachlos den Frühling genießt, hat Hal Faber aber schon noch was zu sagen.

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Welten, Schweigen und was so alles der Fall ist - Frühling jedenfalls auch.

(Bild: Peshkova / shutterstock.com)

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Notre Dame ist eines dieser Fundamente, auf denen die europäische Geschichte ruht und west, mit grusligen Wasserspeiern auf dem Dach, die das Schlechte der Welt abhalten und den guten Quasimodo im Gebälk. Hier wurde die Schottin Maria Stuart zur Königin von England und Frankreich gekrönt, hier wurde die in Rouen auf dem Scheiterhaufen verbrannte Jeanne d'Arc rehabilitiert. Hier heiratete Margarete von Valois den Hugenotten Heinrich von Navarra, der freilich mit demselben falschen Glauben draußen warten musste. Sechs Tage später wurde mit der Bartolomäusnacht daraus die Bluthochzeit. Hier setzte sich Napoleon 1804 kurzerhand selbst die Krone auf. Kurz zuvor war Notre Dame anno 1792 keine Kirche mehr, sondern ein "Tempel der Vernunft" in dem strikt nach dem Dezimalsystem alle 10 Tage der Sonntag gefeiert wurde, bis die Bevölkerung meuterte und den siebten Tag zurückbekam. Notre Dame ist das "alte, große Herz dieser herrlichen Stadt".

*** Was die feierlichen Gefühle zum vielfach umgebauten Gebäude des finsteren Mittelalters auf den Überresten von Lutetia anbelangt, so gab es noch ganz andere Überlegungen: 1886 schrieb Léo Clareties eine "Geschichte von Paris bis zum Jahre 3000" und siehe da, im Jahre 1987 ist Notre Dame eine trostlose Ruine und wird komplett abgerissen und durch das ersetzt, was man heute eine Megamall nennt. Das bringt uns zum Dunkel der Geschichte, als Deutschland Frankreich besetzte und Marschall Pétain 1944 von den Parisern in der Notre Dame bejubelt wurde. Dieses Kapitel hat Frankreich ganz schnell vergessen, denn es wurde ja wieder hell und die Glocken von Notre Dame läutete die Befreiung von Paris ein. Die Stadt wurde von Dietrich von Choltitz entgegen Hitlers Befehl zur Sprengung von Notre Dame und Eiffelturm nicht in Schutt und Asche gelegt. Warum das nicht geschah, ob es an Sprengstoff mangelte oder Todesdrohungen der Resistance gab, darüber streiten sich die Historiker noch heute. Dagegen sind die neuen Drohungen einfach nur niederträchtig. Die Nachricht vom Feuer war wenige Minuten alt, da stand es für die AfD bereits fest, dass ein muslimischer Brandanschlag die Katastrophe ausgelöst hatte. Die Folge: Üble Beschimpfungen aus der Partei, die in Europa doch nur den "Diesel retten" will und jetzt warnt, dass "Angriffe auf christliche Hoheitszeichen" zunehmen werden. Das alles ist strategisch erbrochen, um vor "großen Gefahren" warnen zu können. Dabei war es nur ein Kurzschluss, ein besonders sinnloses Ereignis der Sinnlosigkeit des Ganzen.

*** Ja, man kann wirklich manchmal nicht so viel fressen wie man kotzen möchte angesichts dessen, was sich Rechtspopulisten heutzutage so rausnehmen, um ihr vergiftetes Süppchen zu kochen. Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen? Ach ja. Trösten wir uns: Die Welt ist alles, was der Fall ist – auch per Blechbläser.

*** Und wo wir schon dabei sind, was alles der Fall ist: Hopplahopp sind 8000 Millionen Euro für den Wiederaufbau da. Wer die Summe empört mit den Fördergeldern für KiTas o.ä. vergleicht, vergisst, dass solche Spenden in Frankreich zu 60 Prozent von der Steuer abgesetzt werden können. Sollte der Wiederaufbau von Notre Dame gar zum "trésor national" erklärt werden, wären sogar 90 Prozent steuerlich absetzbar. Welches Kircherl hättens denn dann gerne? Mit diesem Spitzturm, der erst Mitte des 19. Jahrhunderts aufs Dach gesetzt wurde? Oder lieber mit dem schlanken Türmchen, wie es davor über 200 Jahre lang stand, ehe es ebenfalls verbrannte? Eine Glaspyramide wäre auch ganz nett. Mit Eichenbalken, wie sie im Original von Ubisoft während der französischen Revolution gezimmert wurden? Wie wäre es mit einem Glasdach? Oder lieber mit einer Eisenkonstruktion, wie sie der Krönungsdom von Reims bekam, den deutsche Truppen im ersten Weltkrieg mal eben zu Klump schossen? Das Versprechen von Präsident Macron, in fünf Jahren mit der nächsten Notre Dame fertig zu sein, lässt nichts Gutes erahnen. Für den Einbau eines Eichengebälks, für das 150 Zimmerleute benötigt werden, dürfte schon die Zeit nicht reichen. Aber vielleicht findet sich irgendwo eine bahnbrechende Idee, am besten mit machine learning und Teilen aus dem 3D-Drucker. Bis dahin kann man alles verhüllen wie seinerzeit den Reichstag.

*** In den Vereinigten Staaten von Amerika ist endlich eine halbwegs vollständige Version des Berichtes von US-Sonderermittler Robert Mueller erschienen. Der Bericht ist teilweise geschwärzt und das Format ist nicht geeignet für die Suche nach bestimmten Personen, aber "das Internet" hat reagiert und mehrere wunderbare PDF-Dateien veröffentlicht. Auf diese Weise kann man den CCC-Aktivisten Andrew Müller-Maguhn finden, der im frei gegebenen Text nicht auftaucht, vielleicht aber im geschwärzten Teil erwähnt wird. Selbst Wikileaks stellt eine Variante des Mueller-Berichtes zur Verfügung, obwohl die Rolle von Julian Assange im Bericht nicht besonders schmeichelhaft ist, siehe seine Erwähnung von Seth Rich als Whistleblower.

*** Insgesamt sehen wir im Bericht das längst bekannte Bild einer unfähigen Regierung mit einem unberechenbaren Präsidenten, umgeben von Mitarbeitern, die lügen und schon mal das Gegenteil von dem machen, was ihnen aufgetragen wurde. In zehn von Mueller aufgezählten Situationen hat sich Präsident Donald Trump hart an der Grenze der Legalität bewegt. Hinzu kommen die schriftlichen Antworten von Trump auf Ermittlungsfragen mit dem immergleichen "I do not recall". In dieser Situation sollte man sich aber erinnern und an die im Gefängnis einsitzende Whistleblowerin Reality Winner denken. Ihre Aussagen zu dem, was sie an Intrigen hinter den Kulissen befürchtete, decken sich mit den, was der Mueller-Bericht aufzählt. Fünf Jahre Haft für die Wahrheit, das ist ein bitterer Preis.

*** Bis jetzt sieht es so aus, dass aus den Details des Mueller-Berichtes über die Rolle von Wikileaks und Assange keine zusätzlichen Anklagepunkte zum Antrag auf Auslieferung Assanges gewonnen werden können, ohne dass die USA politische oder militärische Argumente vorbringen. Sicher werden die Juristen entsprechende Passagen suchen und das können sie bekanntlich auch in den geschwärzten Passagen. In dieser Form ist die äußerst dünne Anklage sicher nicht geeignet, dass Großbritannien einem Auslieferungsbegehren zustimmt, zumal das Land in einem Alptraum aufwacht. Mit der Ermordung der Journalistin Lyra McKee durch jugendliche Angehörige einer "New IRA" kann der Brexit in einen mörderischen Exit umkippen. Soviel zum friedlichen Osterfest und dem Karfreitagsabkommen.

Es gibt solche und solche Drohnen. Da sind einmal die Winz-Drohnen mit künstlicher Schwarmintelligenz, von denen man ein paar Handvoll in die Luft werfen kann und die sich dann zusammentun und das Gefechtsfeld für die Bodentruppen aufklären, bis es gewissermaßen gläsern ist und der Einsatz der Truppe besser koordiniert werden kann. Dann gibt es größere Geräte wie die, die über Notre Dame flogen und den Feuerwehren Informationen lieferten. Schließlich gibt es die dicken Brummer, die ganze Abschnitte aufklären und stundenlang in der Luft bleiben können. In diesem Bereich wechselt die Bundeswehr gerade von den israelischen Heron-Drohnen zu den Heron TP-Drohnen. Letztere könnten mit einer Rakete ausgestattet werden und wechseln damit im Militärsprech ihren Status; von Sensoren werden sie zu Effektoren. Bewaffnete Drohnen aber will die regierende SPD genau so wenig einsetzen wie Uploadfilter. Was tun? Wenn diese Informationen stimmen, wurde das anstehende Problem elegant gelöst. Dann summen und brummen die Aufklärer mit Laserzielmarkierer durch die Luft, wohl eine Art Edding zum Markieren, wo die Rakete hinsoll. Das freilich, findet jedenfalls die Luftwaffe, schießt über das Ziel hinweg, metaphorisch gesprochen.

Wir schießen, damit du deine Meinung sagen kannst? Wir. Dienen. Deutschland. Damit ihr euch frei entfalten könnt? Da war doch was? Genau, vor einem Jahr gab es diesen Eklat. Oder war das nur ein Eklätchen? Die 19. re:publica steht jedenfalls vor der Tür und die Bundeswehr steht aller Wahrscheinlichkeit nach noch vor diesem Eingang und wird belächelt oder begrüßt. Ob die Truppe einen Platz im Innern der "Station" bekommt, ist derzeit noch nicht ausgemacht. Nehmen wir mal plus 200 gesangstechnisch bestens ausgebildete Soldat*innen, die die "Bohemian Rhapsody" glanzvoll meistern. Das wäre ein Angebot, bei dem Johnny und Co. die Finger zucken könnten.

Is this the real life?
Is this just fantasy?
Caught in a landslide
No escape from reality

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