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Was war. Was wird. tu felix Austria: youtube

Wer sagt denn, dass Red Bull kein staatstragendes Getränk ist? Ach, ist es nicht? Doch, doch! Hal Faber gniggert.

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Es wird endlich Sommer, bald schon. Und es klärt sich so manches, nicht nur in Österreich, darf man hoffen.

(Bild: LilKar / shutterstock.com)

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Der Anfang vom Ende. Oder so.

*** Während in Deutschland die alten Keksdosen geöffnet werden, werden in Österreich die Champagner- und Wodkaflaschen gezählt, die im Ibiza-Video geleert werden. Sie haben angeblich dazu geführt, dass sich der Vizekanzler Hans-Christian Strache von der FPÖ wie ein Teenager benommen hat. Boys will be boys? Haben wir im Video den "echten Strache" gesehen, so wie wir die "echte Verena Bahlsen" eben nicht gesehen haben, sondern nur den verwöhnten Teenager? Ja, so "politisch" geht es zu, kurz vor der Europawahl. Wer wen mit welcher Aussage hineingelegt hat, das dürften nur reiche russische Oligarchïnnen und Erbïnnen wissen. Aber wir haben ja die Fachleute vom Verfassungsschutz, die noch vor den ersten Bildern aus Ibiza davor warnten, dass Österreich Informationen an Russen weitergibt, die in das Kommunikationsnetzwerk "Neptun" des österreichischen Bundesamtes für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung eingespeist wurden, das die Alpenrepublik mit Resteuropa verbindet. Auch hier spielt ein FPÖ-Minister eine Rolle. Und dann war da noch ein Böhmermann, was die Frage aufwirft, ob hier nicht "Verstehen Sie Spaß" missverstanden wurde, mit einem staatsabtragenden Effekt. Dann sind wir mal gespannt, was die Österreicher aus den Neuwahlen machen.

*** Bleiben wir doch bei Spion und Spion: Seitdem diese kleine Wochenschau vom Rande der niedersächsischen Tiefebene in die Weite des Webs rutscht, gehört der britische Sicherheitsforscher Ross Anderson zu den Personen, die häufiger in ihr erwähnt werden. Das hat damit zu tun, dass Anderson die Abstrahlung von Computern untersuchte oder den von Microsoft angedachten Palladium-Chip. Es hat aber auch damit zu tun, dass Anderson ein politisch denkender Mensch ist, wie hier in dieser Wochenschau mit seiner Überlegung zum modernen Kriegshandwerk bereits schon einmal zitiert wurde: "Als Großbritannien und die USA Deutschland im Jahre 1944 angriffen, schickten wir nicht wie im I. Weltkrieg Millionen Menschen nach Europa, sondern eine Kampftruppe von einigen Hunderttausend Männern mit Tausenden von Panzern, gestützt von Tausenden von Flugzeugen und Schiffen. Heute ist der Übergang von der Kriegsarbeit zum Kapitaleinsatz noch größer geworden. Um einen ausländischen Führer zu töten, können wir eine Drohne nehmen, die eine Rakete abfeuert, die gerade einmal 30.000 Dollar teuer ist. Aber sie ist gestützt durch ein kolossal teures Investment — der Marktwert all der Firmen, die mit PRISM angezapft wurden, liegt über einer Billion Dollar."

*** Aktuell arbeitet Ross Anderson an der dritten Auflage seines Buches Security Engineering. Es wird neue Kapitel enthalten, die seine Gedanken zum Drohnenkrieg und der technischen Infrastruktur hinter solchen Kriegen fortsetzen. Was sind die Lehren, die man nach den Enthüllungen von Edward Snowden aus der Existenz von PRISM ziehen kann? Wer ist der Gegner? Sechs Jahre nach Snowden wäre es doch mal an der Zeit, ein fundiertes Resümee zu ziehen und über die Konsequenzen für die Privatsphäre nachzudenken, schreibt Anderson im neuen Kapitel. Das alles nicht zuletzt auch deswegen, weil die Snowden-Dateien nach und nach aus dem Web verschwinden. Sichere Systeme sind schön und gut, aber wie können sie so gehärtet werden, dass sie im Cyberkrieg den Angriffen standhalten? Geht das überhaupt? Diese und andere Gedanken wollte Ross Anderson in den USA vortragen, wo er für sein Buch einen Preis bekommen sollte, doch daraus wurde nichts. Weil er kein Visum bekam, musste eine Video-Übertragung organisiert werden. Über die Gründe lässt sich trefflich spekulieren, natürlich auch mit Verschwörungstheorien zur Arbeit der Five Eyes. Eine der Theorien besagt, dass immer noch der Shutdown der US-Behörden eine Ursache sein könnte, wie dies im Fall von Adi Shamir vor ein paar Monaten vermutet wurde.

*** Abseits der unermüdlich für unsere Sicherheit arbeitenden Geheimdienste bekommen unsere Polizeien mit den in allen Bundesländern aufpolierten Polizeigesetzen Befugnisse, Überwachungssoftware zur Online-Überwachung und zur Quellen-TKÜ im Fall verschlüsselter Kommunikation zu installieren. Wie diese Installation korrekt abgewickelt werden kann, darüber haben sich Juristen in der "Neuen Juristischen Wochenzeitschrift" Gedanken gemacht. Ein "Zweitdruck" des Textes ist mit juristisch einwandfreier Erlaubnis bei Netzpolitik.org erschienen und eine interessante Lektüre. Das Betreten einer Wohnung zur Installation von Überwachungssoftware ist demnach problematisch und das, was mit den Namen Staatstrojaner verbunden ist, geradezu verboten: "Ein Trojanisches Pferd im Sinne der griechischen Mythologie, das der Adressat nach einer aktiven Täuschung über seinen Bestimmungszweck durch die Pforte seines Systems lässt, wird der Staat gegenüber seinen Bürgern damit grundsätzlich nie verwenden dürfen." Der sicherste Weg dürfte damit der "Sachzugriff" sein, wenn ein Gerät während einer Polizei- oder Zollkontrolle von seinem Besitzer aus der Hand gegeben werden muss. Daneben dürfte das Ausnutzen bekannter Sicherheitslücken eine wichtige Rolle spielen – in Kenntnis der Tatsache, dass sich ein Gros der Nutzer einen Deut um fällige Updates scheren.

*** Nein, im Internet, gar bei Twitter oder Facebook war er nicht unterwegs, der Polemiker Wiglaf Droste, der nun mit 57 Jahren "viel zu früh" gestorben ist. Als Werbetexter war Wiglaf Droste eine Niete, obwohl "Wir schmieren nicht nur den Kanzler, sondern auch den Motor seines Wagens" kohlgenial war oder kongenial. Doch seine Texte über den alltäglichen deutschen Plapperjargon und die politisch ach so korrekte Schaumsprache wurden frühzeitig im Netz verbreitet. "Mein Freund ist Ausländer" oder die "humanitäre Intervention", das Gerede wie "die Mauer im Kopf einreißen" oder das Geblubber über das "Ansehen von Deutschland", das alles reizte ihn aufs Blut. Mit Nazis reden? Wozu soll das gut sein?
"Muss man an jeder Mülltonne schnuppern? Niemand wählt Nazis oder wird einer, weil er sich über deren Ziele täuscht, - das Gegenteil ist der Fall; Nazis sind Nazis, weil sie welche sein wollen. Eine der unangenehmsten deutschen Eigenschaften, das triefende Mitleid mit sich selbst und den eigenen Landsleuten, aber macht aus solchen Irrläufern der Evolution arme Verführte, ihrem Wesen nach gut, nur eben ein bißchen labil etc., 'Menschen' jedenfalls, so Heinz Eggert, 'um die wir kämpfen müssen'. Warum? Das Schicksal von Nazis ist mir komplett gleichgültig; ob sie hungern, frieren, bettnässen, schlecht träumen usw. geht mich nichts an. Was mich an ihnen interessiert, ist nur eins: daß man sie hindert, das zu tun, was sie eben tun, wenn man sie nicht hindert: die bedrohen und nach Möglichkeit umbringen, die nicht in ihre Zigarettenschachtelwelt passen."

*** Gestorben ist auch die Künstlerin Lutz Bacher, die mit Video-Installationen und Dome-Kameras den alltäglichen Überwachungswahnsinn illustrierte. Die mit einem großen Plotter-Endlosdruck von Trumps angeberischer Unterschrift 2017 einen lakonisch treffenden Kommentar zum Amtsantritt des Präsidenten lieferte. Tot, aber eben auch unsterblich ist dagegen Grumpy Cat, das missmaulige Aushängeschild der Piratenpartei, mit zahllosen Nachrufen gewürdigt und von Lutz Bacher in einer Collage integriert. Den Rest regeln sie alle zusammen im Paradies.

Schnauze voll von der großen Debatte um künstliche Intelligenz und den eingebauten Vorurteilen in allen möglichen Algorithmen? Kein Problem: In der nächsten Woche erscheint Ian McEwans Buch "Maschinen wie ich" und macht Schluss mit dem Grübeln über die technologische Singularität. Seit Prometheus und Frankenstein ist der heftige Wunsch des Menschen in der Welt, selbst eine eigene Intelligenz zu schaffen wie damals Gott. Natürlich sind bei McEvans die Roboter besser und klüger als wir und gütig und moralisch obendrein, während die Menschen Mist bauen: Das Buch spielt zur Zeit des Falkland-Krieges, den Großbritannien verliert.

Frau Mahlzahn guckt lieber nicht missmaulig, trauert aber auch um ihre berühmte Kollegin.

(Bild: Frau Mahlzahn )

Um nach dem anschließenden Brexit kräftig aufzuholen mit den Robotern: Schließlich sollen sie einmal in Gestalt autonom fahrender Autos uns dabei alle behüten. In der perfekten Gesellschaft gibt es kein Trolley-Problem.

Bis es allerdings soweit ist und unsere Mit-Wesen klammheimlich den installierten Ausschaltknopf entfernen können, gibt es die Big Brother Awards, die in Bielefeld verliehen werden. Die eine oder andere Form einer künstlichen Intelligenz freut sich schon, bei diesem Kraken-Gipfel dabei zu sein. (jk)