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Was wirklich wahr war. (Die Rätsel einer lauen Sommernacht, entschlüsselt, Teil 2)

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Niemand wird behaupten, dass der deutsche Sommer anno 2007 besonders heiß ist. Aber das macht auch nichts. Schließlich haben wir hitzige Debatten rund um die Online-Durchsuchung, betrieben von Politikern, die sich wechselseitig die völlige Ahnungslosigkeit attestieren und partout nicht in den Urlaub verschwinden wollen. Derweil lebt der Rest der Bevölkerung im "Gefahrenraum Deutschland" und bietet mit steifer Oberlippe der "über eine allgemeine abstrakte Gefahr hinausgehende Gefahrenlage" die Stirn. Sonnenbaden nennt man das.

Was wirklich wahr war.

Eine kleine, aber feine Minderheit tummelt sich unterdessen nicht nur am Baggersee oder auf der Linuxbierwanderung an der englischen Riviera, sondern in lauen Sommernächten im Heise-Forum, was entgegen anderslautender Meldungen gefahrlos möglich ist. Wieder einmal galt es, zehn aktuelle Rätselaufgaben zu lösen. Das Resultat kann sich sehen lassen: vier Rätsel hatten keine Chance und wurden stante pede geknackt, zwei weitere wurden zum größten Teil gelöst.

Ausgerechnet das, was die hyperthermischen Politiker beschäftigt, wurde jedoch nicht erraten. So beschäftigt sich das Oberlandesgericht in Schleswig mit einer halben Million Dateien, aus denen der Versuch rekonstruiert wurde, eine virtuelle terroristische Vereinigung zu gründen. Im ersten Rätsel wurde darum nach dem Forensik-Köfferchen mitsamt dem Solitaire Turbo von Logicube gefragt, mit dem viele deutsche Behörden arbeiten. Sind die Dateien einmal beweiskräftig gesichert, ohne dass ein Trojaner mit seinem üblen Versteckspiel Daten manipuliert hat, so geht es an die inhaltliche Erschließung. Erwähnt war die Stichwortsuche durch das Bundeskriminalamt, gefragt wurde in der zweiten Frage nach IDA, der inhaltlichen Datenträgerauswertung (PDF-Datei), mit der das BKA arbeitet.

Windows for Pen Computing aus dem Jahre 1992 mitsamt dem NEC Ultralite 20

Keine Chance hatte hingegen die hübsche Idee, eine phallische Maus auf "Engelbarts Altar" zu opfern, an dem Götzen WIMP geopfert wird. Frage Nummer drei suchte darum nach der vertikalen Anir-Maus, die von der norwegischen Firma Animax entwickelt wurde. Hingegen wurde die vierte Rätselaufgabe fast komplett, aber eben nicht ganz komplett gelöst. Gesucht wurde Windows for Pen Computing aus dem Jahre 1992 mitsamt dem NEC Ultralite 20. Sicherlich gehört der Rechner von Momenta zu dieser erfolglosen Geräteklasse, doch besaß dieser eine abnehmbare Tastatur.

Im Sommer 1967 war Jefferson Airplane mit dem Drogenhit White Rabbit in den Top Ten der US-Charts. Die letzte Strophe des Songs bildete die Grundlage für John Markoffs Buch What the Dormouse Said – How the 60s Counterculture Shaped the Personal Computer Industry. Wer Zeit und Lust hat, kann sich dieses Woodstock-Video reinziehen, zusammen mit der fruchtlosen Endlos-Diskussion, ob ganz zu Anfang wirklich Steve Jobs zu sehen ist. Für die wahren Büßer am Altar der Trashkultur ist dagegen diese Performance richtungsweisend, zusammen mit der tröstlichen Botschaft, dass der klügste aller Rechenschieber wieder in die Kinos kommt. Nicht geraten wurde übrigens die Droge STP oder Serenity, Tranquility an Peace, die Jefferson Airplane konsumierten, als der Song entstand. Als Straight Through Processing steht die Abkürzung für den heiligen Gral der Bankenbranche.

Trans AM von Pios

Erraten wurde wiederum der Velo 1 von Philips in der Frage Nummer 6. Bis heute ist dieser kleine Taschenrechner unter Windows CE einer der Rechner, der die meisten Designpreise abräumen konnte. Dafür war er ökonomisch nicht sonderlich erfolgreich, ganz anders als das Powerbook von Apple, das ebenfalls von Lunar Design aufgehübscht wurde. Wenn es um das Design geht, so muss man dem Trans AM von Pios bescheinigen, dass er ein ausgesprochen hässlicher Amiga-Rechner für das nächste Jahrtausend war. Unter dem Slogan "Einer gegen Alle und für Jeden" wurde der Rechner 1997 vorgestellt und als "mächtiger Schlag gegen die Wintel-Welt" angepriesen, die in ihren Grundfesten erschüttert werde. Erschütternd waren aber nur die Bilanzen von Pios, das bald darauf Konkurs anmelden musste. Der Trans AM wurde ebensowenig geraten wie die gleichnamige Band.

Die schlichte Frage nach der am besten überwachten Stadt Europas erschien zu schwierig, da dies entgegen aller Annahmen nicht London ist. Dort sind viele der installierten Kameras technisch veraltet. Auf dem neuesten Stand ist man jedoch in Warschau, wie dies den deutschen Journalisten am Vorabend des Antrittsbesuches von Bundespräsident Köhler demonstriert wurde. Die Frage Nummer 8 bereitete der werten Leserschaft keine Probleme, ebenso das Ensemble aus VPN-Konnektor und diversen Kartenterminals bei der Frage 9, mit dem in diesem Sommer die ersten Online-Tests der elektronischen Gesundheitskarte gestartet werden.

Möglicherweise sind die falschen Antworten auf die zehnte Frage ein Indiz dafür, dass die Regulars im Heise-Forum nicht unbedingt Fans von Präsentationen und Konferenzen sind, auf denen Powerpoint-Jockeys mit ihren Folien zaubern, bis sich das weiße Kaninchen von Alice schwarz geärgert hat. Vor 20 Jahren kaufte Microsoft die Firma Forethought und ihr Produkt Powerpoint, von dem sich schon nach einem Jahr abzeichnete, dass es ein richtiger Knüller war, als Apple-Software. Die Idee zu diesem Präsentationsprogramm hatte jedoch Whitfield Diffie, von dem Robert Gaskins dann die weitere Entwicklung übernahm. Bis heute wird gerätselt, ob Powerpoint zu den Fortschritten der Menschheit gezählt werden darf. Ähnlich rätselhaft geht es hier weiter … (Hal Faber) / (anw)