Wasserstoff: Altmaier will 2 Milliarden Euro in nicht rein grüne Technik stecken

Das Wirtschaftsministerium will "die Vorreiterrolle deutscher Unternehmen im Bereich der Wasserstofftechnologien" ausbauen und hat auch SUVs im Blick.

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Wasserstoffgetriebene Fahrzeuge wie der Hyunda Nexo könnten die Dekarbonisierung vorantreiben – zumindest wenn der Wasserstoff CO2-frei oder CO2-neutral produziert wird.

(Bild: Hyundai)

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Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hat den Entwurf für eine nationale Wasserstoffstrategie an die übrigen Ressorts verschickt, um einen baldigen Beschluss durch das Bundeskabinett herbeizuführen. Der CDU-Politiker will laut dem heise online vorliegenden Papier die Technik breit für den Einsatz in vielen Sektoren fördern und dafür bis 2026 weitere 1,4 Milliarden Euro für Forschung- und Entwicklung im Rahmen des Nationalen Innovationsprogramm Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie (NIP) vergeben.

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Dazukommen soll über die "Reallabore der Energiewende", die den Technologie- und Innovationstransfer von der Forschung in die Anwendung auch bei Wasserstoff beschleunigen, ein weiteres Fördervolumen von bis zu 600 Millionen Euro bis 2025. Die Ziffern stehen allerdings noch in Klammern, sodass sie sich noch ändern können.

Generell soll die Bundesregierung mit der Initiative die erforderlichen Schritte definieren, "um die Vorreiterrolle deutscher Unternehmen im Bereich der Wasserstofftechniken auszubauen, neue Wertschöpfungsketten für die deutsche Wirtschaft zu schaffen und zur Erreichung der Klimaziele beizutragen". Vor allem grüner Wasserstoff gilt in dem Papier als förderwürdig, um bis 2030 mindestens 20 Prozent des nationalen Bedarfs des chemischen Elements mithilfe erneuerbarer Energien zu decken. Drei bis fünf Gigawatt an Elektrolyseleistung sollen dazu aufgebaut werden.

"Eine erfolgreiche Energiewende bedeutet die Kombination von Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit mit innovativem und intelligentem Klimaschutz", stellt das Ministerium klar. "Dafür brauchen wir CO2-freie Alternativen zu unseren derzeit eingesetzten fossilen Energieträgern." Das gelte insbesondere auch für gasförmige und flüssige Brennstoffe, "die in einem Industrieland wie Deutschland ein integraler Teil des Energiesystems bleiben werden".

Aus Sicht der Bundesregierung sei "nur CO2-freier Wasserstoff" auf Dauer nachhaltig, heißt es in dem Entwurf. Um jedoch einen "zügigen Markthochlauf der Wasserstofftechnologien zur Dekarbonisierung verschiedener Anwendungsbereiche" erreichen zu können, werde "vor allem aus ökonomischen Gründen" auch CO2-neutraler "blauer" Wasserstoff eine Rolle spielen müssen, dessen Erzeugung mit einem Abscheide- und Speicherverfahren gekoppelt wird.

Wasserstoff sei generell ein vielfältig einsetzbarer Energieträger und -speicher, schreibt das Ressort. Er könne zum Beispiel in Brennstoffzellen die Mobilität befördern, künftig als Basis für synthetische Kraft- und Brennstoffe genutzt werden oder einen Beitrag zur Dekarbonisierung im Wärmemarkt leisten.

Altmaier setzt so auch auf den Einsatz von Wasserstoff im Verkehr, obwohl Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) hier bereits besonders strenge ökologische Maßstäbe einforderte. Auch im Pkw-Bereich habe die Brennstoffzelle "gute Perspektiven", ist der Skizze zu entnehmen. Dies gelte "insbesondere bei Fahrzeugen mit einem hohen Eigengewicht" wie SUVs, "im Dauerbetrieb und im Einsatz auf langen Strecken".

Viele Anwendungsbereiche ließen sich auch langfristig nicht ausschließlich oder nur mit großem Aufwand direkt mit Strom versorgen, meint das Ministerium. Dies gelte gerade in der Luftfahrt, im Schwerlastverkehr und in der Seefahrt. Deshalb müssten die derzeit eingesetzten fossilen Energieträger durch CO2-freie Alternativen ersetzt werden. Bis 2030 soll der verpflichtende Anteil regenerativer Kraftstoffe inklusive Wasserstoff auf 20 Prozent statt den bisher geplanten 14 Prozent angehoben werden. Parallel werde die nötige Tank- und Ladeinfrastruktur mit 3,4 Milliarden Euro gefördert.

Um ausreichend grünen Strom für die Elektrolyse bereitzustellen, nimmt das Ressort vor allem Offshore-Windparks in der Nordsee in den Blick. Zusätzlich werde man aber einen Großteil des künftigen Bedarfs an CO2-freiem beziehungsweise CO2-neutralem Wasserstoff "importieren müssen“, räumt es ein. Dazu sollen etwa "Energiepartnerschaften" mit anderen Staaten geschlossen werden.

Auch im Rahmen der 2020 anstehenden deutschen EU-Ratspräsidentschaft soll die Regierung das Thema CO2-freier Wasserstoff im Rahmen der 2018 gestarteten europäischen Wasserstoffinitiative weiter vorantreiben. Um die Strategie umzusetzen und weiterzuentwickeln, ist eine flexible Kontrollstruktur vorgesehen. Noch im ersten Quartal 2020 werde dafür ein "nationaler Wasserstoffrat" mit einer eigenen Geschäftsstelle berufen.

Der vorgesehene Aktionsplan umfasst 35 Maßnahmen, die von verbesserten Rahmenbedingungen für den effizienten Einsatz von Strom aus erneuerbaren Energien über eine "CO2-Differenzierung der Lkw-Maut zugunsten klimaschonender Antriebe im Rahmen der Eurovignetten-Richtlinie" bis hin zu "Pilotvorhaben auch in Partnerländern der deutschen Entwicklungszusammenarbeit" reichen. Die grüne Bundestagsabgeordnete Ingrid Nestle monierte, dass die Regierung "mit ihrer Blockade bei den Erneuerbaren" jetzt fossilen Wasserstoff für die nächsten Jahre in den Mittelpunkt stellen müsse. In ihrer bestehenden Strategie für erneuerbaren Strom sei Wasserstoff gar nicht eingeplant. Dieser Bruch zieht sich durch das gesamte Vorhaben. (olb)