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Wasserstoff: "Der Kaiser ist nackt"

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Während allerorten öffentlich geförderte Projekte ihren Fortgang nehmen, sehen unabhängige Experten immer weniger Chancen für eine umweltfreundliche Wasserstoffwirtschaft. Das berichtet Technology Review in seiner neusten Ausgabe (ab heute im gut sortierten Zeitschriftenhandel oder portokostenfrei online erhältlich).

"Der Kaiser ist nackt", sagt Axel Friedrich, Abteilungsleiter für Verkehr und Lärm beim Umweltbundesamt (UBA). In absehbarer Zeit werde es weder Wasserstoffautos zu kaufen geben noch ausreichend Wasserstoff dafür. Gestützt wird seine Haltung durch eine noch unveröffentlichte Studie im Auftrag des UBA: Selbst unter optimistischen Annahmen komme Wasserstoff aus erneuerbaren Energien darin nicht gut weg.

Das Grundproblem liegt darin, dass Wasserstoff in ungebundener Form in der Natur so gut wie nie vorkommt und deshalb erst – unter Einsatz von Energie – gewonnen werden muss. Ein erhebliches Problem ist außerdem seine Speicherung, weil das Wasserstoffatom das kleinste und damit leichteste aller Atome ist. So kommen nach Berechnungen des Ingenieurs und früheren Wasserstoff-Fans Ulf Bossel bei einem Wasserstoffauto maximal 25 Prozent der ursprünglichen Energie an den Rädern an. Und noch immer sind Brennstoffzellen für Autos pro Kilowatt mehr als 100-mal so teuer wie die Technik für herkömmliche Motoren.

Während all diese Probleme in der Vergangenheit schnell als lösbar abgetan wurden, mehren sich mittlerweile Stimmen, die die Realisierbarkeit der Wasserstoffwirtschaft grundsätzlich infrage stellen. Das Bundeswirtschaftsministerium hat seine Wasserstoffförderung bereits fast auf Null zurückgefahren – obwohl der Koalitionsvertrag ein "nationales Innovationsprogramm zu Wasserstofftechnologien" vorsieht.

Laut der Studie seien Effizienzsteigerungen für die nächsten 30 Jahre die sinnvollste Methode, Geld auszugeben, sagt UBA-Abteilungsleiter Friedrich. Stephan Ramesohl, als Forscher am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie an der Studie beteiligt, sieht in der anhaltenden Unterstützung für Wasserstoff auch den Versuch, unbequeme Wahrheiten zu unterdrücken: "Wasserstoff und alternative Kraftstoffe werden gern benutzt, um schon heute eine gewisse Absolution mit der Aussicht auf ein reuefreies Autofahren in der Zukunft zu erteilen." (wst)

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