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Weltraumveteranen im Vogtland

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Die Anreise stellte selbst gestandene Raumfahrer vor Probleme. So entschuldigte der tschechische Kosmonaut Vladimir Remek seine Verspätung bei den 11. Raumfahrttagen damit, dass er nicht gleich die richtige Abzweigung nach Morgenröthe-Rautenkranz gefunden habe. Er konnte auf Verständnis zählen. Der kleine Ort im Erzgebirge ist wirklich nicht gerade an die großen Verkehrsadern angeschlossen.

Gleichwohl gibt es hier mit der Deutschen Raumfahrtausstellung das wohl größte Raumfahrtmuseum Deutschlands. Denn Morgenröthe-Rautenkranz ist der Geburtsort von Sigmund Jähn, dem ersten Deutschen, der ins All geflogen ist. Am 26. August 1978 startete er gemeinsam mit Waleri Bykowski vom Weltraumbahnhof in Baikonur, um auf der Raumstation Salut-6 eine Woche lang Experimente durchzuführen. Ein gutes Jahr später wurde im ehemaligen Bahnhofsgebäude von Rautenkranz die "Ständige Ausstellung erster gemeinsamer Kosmosflug UdSSR-DDR" eröffnet, deren Besuch für viele Schulklassen zum Pflichtprogramm wurde. Nach der Wende von 1989 stand das Museum kurz vor der Schließung, konnte aber durch den Einsatz einiger Enthusiasten zu neuem Leben erweckt werden.

Ein wichtiges Lebenselixier sind die alljährlich veranstalteten Raumfahrttage, die Bürgermeister Konrad Stahl zufolge das Thema Raumfahrt in die Öffentlichkeit bringen und "Kosmonauten zum Anfassen" bieten sollen. In diesem Jahr widmeten sie sich dem Thema "30 Jahre bemanntes Interkosmos-Programm". Diesem Programm, mit dem die Sowjetunion befreundeten Nationen die Möglichkeit eröffnete, sich an Weltraummissionen zu beteiligen, verdankte Jähn die Gelegenheit, die Erde vom Orbit aus zu sehen.

Ebenso Remek, der im März 1978 den ersten Interkosmos-Flug absolvierte. Gut gelaunt kommentierte er jetzt Bilder der Mission und schilderte, wie einem auf dem Weg zur Startrampe das ganze Leben durch den Kopf geht. "Das Essen hat geschmeckt", sagte er zu Aufnahmen von einer Mahlzeit an Bord von Saljut-6, "aber leider gab es kein Bier." Heute ist er als Abgeordneter im Europaparlament wieder mit Raumfahrt beschäftigt, diesmal mit dem Satellitennavigationssystem Galileo.

Jähn erzählte gemeinsam mit seinem damaligen Ersatzmann Eberhard Köllner von dem Auswahlprozess, der im Juli 1976 begann. Als Jähn einige Riechproben nicht identifizieren konnte, sah es zunächst so aus, als würde er scheitern. Eine Flasche Essig mit ihrem markanten Geruch rettete ihn jedoch, sodass er und Köllner am 4. Dezember 1976 von Alexej Leonow im Sternenstädtchen bei Moskau zum Beginn ihrer Ausbildung begrüßt werden konnten.

Das Interkosmos-Programm, in dessen Rahmen bis 1988 insgesamt 13 bemannte Missionen durchgeführt wurden, prägt auch noch die heutige Raumfahrt. Davon zeigte sich Gerhard Thiele, Leiter der Astronautenausbildung bei der ESA, überzeugt. Er wünschte sich eine historische Studie zum Einfluss von Interkosmos auf die Entstehung der europäischen Weltraumlabors Columbus und die Internationale Raumstation ISS. Europa, so Thiele, sei ein kleiner, aber anerkannter Partner, der sich insbesondere mit dem jüngst erfolgten Andocken des Versorgungsraumschiffs ATV an die ISS viel Respekt erworben habe.

Der Frage nach einem eigenen, autonomen bemannten Zugang zum Weltraum könne Europa aber nicht ausweichen, ergänzte Thiele. Ähnlich hatte zuvor bereits Astronaut Thomas Reiter in seinem Grußwort geäußert. Wiederholt verwiesen die Redner auf die kürzlich erstellte Designstudie "ATV Evolution", in der gezeigt wird, wie das ATV schrittweise zu einem bemannten Transportsystem weiterentwickelt werden könnte. Die Studie soll auf der demnächst stattfindenden Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung ILA in Berlin der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Aber könnte es der internationalen Kooperation im Weltraum womöglich förderlicher sein, wenn Europa bewusst auf die Entwicklung eines eigenen bemannten Systems verzichtet, statt sich in eine Konkurrenz mit Russland, den USA und China zu begeben? Jähn war die Idee sympathisch und auch Reiter räumte ein, dass das eine Option sei, die diskutiert werden müsse. Er verwies aber auch darauf, dass das derzeit einzige Kooperationsprojekt in dieser Richtung, das gemeinsam mit Russland angestrebte "Crew Space Transportation System" (CSTS), seit vier Jahren nicht von der Stelle komme. Mit einem eigenen System könne man eher Zeichen setzen. Thiele nannte das Beispiel Airbus, mit dem Europa im Luftverkehr Standards etwa beim Lärm- und Umweltschutz durchgesetzt habe. "Das hätten wir ohne den Bau eigener Flugzeuge wohl kaum erreicht", sagte er.

Astronaut Ernst Messerschmid nannte Zahlen: Der weltweite Jahresumsatz der Raumfahrt betrage 200 Milliarden Dollar, doch der Anteil von Europa an der ISS entspreche mit 8,3 Prozent nicht den Möglichkeiten. "Die ISS ist kein Modell internationaler Zusammenarbeit", so Messerschmid.

Die Raumfahrt spürt Aufwind. So konnte Thiele auch eine junge Frau beruhigen, die sich sorgte, ihren Traumberuf Astronautin aus Altersgründen nie ausüben zu können. Für den jetzt beginnenden Auswahlprozess sei sie zu jung, sagte sie. Wenn es bis zum nächsten aber wieder 16 Jahre dauere, sei sie dann womöglich schon zu alt. Thiele versicherte ihr, dass das nächste Auswahlverfahren wahrscheinlich deutlich früher beginnen werde, vielleicht schon in vier oder fünf Jahren.

"Wenn wir uns zusammentun, haben wir die Kraft, unsere Ziele im All zu erreichen", betonte Weltraumveteran Waleri Bykowski, dessen erster Raumflug mit Wostok 5 sich am 14. Juni zum 45. Mal jährt. Bestimmt lässt sich dann auch ein besonders unangenehmes Problem lösen, von dem Jähn berichtete: "Wir hatten damals eine Büchse Bier dabei, mit 0,3 Liter Inhalt. Und die hat sich beim Öffnen durch den Druckunterschied und die Schwerelosigkeit in Schaum aufgelöst." (Hans-Arthur Marsiske) / (ad)