Weltverbrauchertag: "Smarte neue Verbraucherwelt?"

Anlässlich des Weltverbrauchertags am Samstag hat der Verbraucherzentrale Bundesverband eine Handvoll Experten nach Berlin eingeladen, um über die Fallstricke der schönen neuen Technikwelt zu sprechen.

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Von
  • Volker Briegleb

Mit der ”smarten neuen Verbraucherwelt" ist das so eine Sache: Die ganzen schönen, miteinander vernetzten Gadgets bringen aus Sicht der Verbraucherschützer eine Menge Probleme mit, die nach einer Lösung verlangen – weshalb der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) seine Tagung am Donnerstag auch mit einem Fragezeichen versehen hat. Für ein paar Ausrufezeichen sollten dann die Gäste sorgen, die anlässlich des an diesem Samstag begangenen Weltverbrauchertags nach Berlin gekommen waren.

Medizin ist ohne Informatik nicht denkbar, sagt Peter Haas.

(Bild: heise online/vbr)

Der kanadische Autor Cory Doctorow verglich Angriffe auf die Integrität von Computersystemen mit Krankheitserregern, die ganze Gesellschaften gefährden können. Er sieht das Problem bei den Regierungen. Mit seiner Metapher des Cyber-Angreifers als Pathogen brachte Doctorow die Gesundheit ins Spiel, die im Zeitalter von Quantified Self längst keine exklusive Domäne der Ärzte mehr ist.

"Medizintechnik ist ohne Informatik nicht mehr denkbar", sagte der Medizin-Informatiker Peter Haas von der FH Dortmund. "In jedem Medizingerät steckt ein Computer." Neue Verfahren wie zum Beispiel die elektronische Gesundheitskarte seien – auch aus Datenschutzgründen – in der Handhabung oft unnötig kompliziert. "Dabei ist alles, was wir machen besser, als diese Rumfaxerei", sagte Haas. Man solle nicht nur über Datenschutz diskutieren, den kriege man technisch schon in den Griff. Denn die IT berge enorme Chancen, die Lebensqualität von Patienten zu verbessern.

Selbstkritisch merkte der ehemalige Bundesdatenschutzbeauftrage Peter Schaar an, dass bei der verengten Perspektive der Datenschützer möglicherweise "der Nutzen des Systems" in den Hintergrund gerückt sei. Die elektronische Gesundheitskarte sei auch durch die von Datenschützern durchgesetzten Anforderungen ”unnötig kompliziert" geworden. "Wir müssen mehr dahin kommen, dass der praktische Vorteil und die Vertraulichkeit in einem Schritt auch gewährleistet werden." Die entscheidende Frage sei, wie Technik gestaltet werden kann, um Privatsphäre und informationelle Selbstbestimmung der Anwender zu schützen.

Ex-Bundesdatenschützer Peter Schaar räumt ein, dass Datenschutz auch auf Kosten des Nutzens gehen kann.

(Bild: heise online/vbr)

Der vzbv hat am Mittwoch zudem eine Untersuchung (PDF-Datei) des Datenhungers von 50 verschiedenen Smartphone-Apps für Android und iOS vorgestellt. "Viele Apps sind wie kleine Datenstaubsauger, die möglichst alle Informationen über ihre Nutzer sammeln möchten", erklärte Projektkoordinatorin Carola Elbrecht. "Wer nicht alles preisgeben will oder Fragen hat, dem werden Steine in den Weg gelegt."

Der vzbv plädiert für mehr Transparenz. Dass eine Navigations-App auf Standortdaten zugreifen muss, leuchtet auch den Verbraucherschützen ein. Bei Spielen, die auf Standort und Kalender zugreifen, fordert der vzbv mehr Zurückhaltung der Anbieter. Die greifen nach Erkenntnissen der Verbraucherschützer häufig so viele Daten wie möglich ab. Was mit diesen Daten passiert, ist meist völlig unklar. Nur die Hälfte der Anbieter habe sich den Nachfragen der Verbraucherschützer gestellt, was mit den Daten passiert. Davon, so beklagt der vzbv, waren nur vier Antworten hilfreich.

"Der App-Check hat gezeigt, dass dringender Handlungsbedarf besteht, um die Nutzung von Apps künftig transparenter und sicherer zu machen", sagt Elbrecht. Der vzbv appelliert an den für Verbraucherschutz zuständigen Bundesminister Heiko Maas (SPD), klare Regelungen auch für internationale App-Anbieter aufzustellen. Die sollen sich zum Beispiel zur so viele Zugriffsberechtigungen nehmen, wie sie wirklich brauchen.

Maas' Staatssekretär Ulrich Kelber hat zumindest ein kleines Gastgeschenk zur Tagung mitgebracht: Im April will das Ministerium einen Referentenentwurf vorlegen, der den Verbraucherschutzverbänden das Klagerecht auch bei Datenschutzverstößen einräumen soll. (vbr)