Weltwirtschaftsforum: Digitale Währungen und ihre Risiken

Stable coin und Central Bank Digital Currency – eigene digitale Währungen von Zentralbanken – werden intensiv diskutiert. Eine Antwort der Banken auf Libra.

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(Bild: mk1one/Shutterstock.com)

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Für ein Fünftel der Weltbevölkerung könnte es schon bald eine offizielle digitale Währung der eigenen Zentralbank geben. Laut einer Umfrage der Bank for International Settlements (BIS), die beim Weltwirtschaftsforum vorgestellt wurde, haben zahlreiche große Zentralbanken Pläne für die kommenden drei Jahre. Gleichzeitig treibt die Regulierer die Angst vor globalen Währungen wie Libra (Facebook) um.

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Eine Verdoppelung von Zentralbankprojekten für eine eigene digitale Währung (Central Bank Digital Currency, CBDC) meldete Benoît Cœuré, Chef des BIS Innovation Hub. Das Institut hatte zum zweiten Mal Stellungnahmen von 60 Zentralbanken weltweit eingeholt, um deren konkrete Pläne für eine Digitalwährung abzufragen.

Einen beträchtlichen Unterschied stellte die BIS-Umfrage zwischen starken Ökonomien und Entwicklungsländern fest. Zentralbanken des ärmeren Südens wollen gezielt eine generelle digitale Währung einführen, in der entwickelten Welt geht es den Zentralbanken zunächst vor allem um den Verkehr zwischen den Banken.

Der Grund dafür dürfte nicht zuletzt in den enormen Problemen bei Geldtransfers gerade in den Entwicklungsländern sein. Tharman Shanmugaratnam, Minister für die Finanzaufsicht in Singapur, erklärte, dass etwa für Wanderarbeiter, die Geld nach Hause überweisen, die Kosten für solche Transfers empfindlich hoch seien. Ein zweites Motiv für das große Interesse an CBDC sei außerdem der Zugang zum Finanzsystem für Miniunternehmen und den einzelnen Bürger. Auch Geldwäsche und Korruption könnten, bei allerdings notwendiger, guter Regulierung, mit digitaler Währung gelöst werden. Shanmugaratnam ist dabei durchaus offen dafür, dass private Akteure nicht nur die Dienste, sondern auch das notwendige Netz zur Verfügung stellen.

Das Versagen des traditionellen Bankenwesens nannte David Marcus, Chef von Calibra, als Grund für Facebook, in den Finanzsektor einzusteigen. 1,7 Milliarden Menschen seien ohne Zugang zum Bankensystem und eine weitere Milliarde habe eingeschränkten Zugang, beklagte Marcus. Libra ist anders als Kryptowährungen wie Bitcoin eine "Stable coin". Das ist praktisch die privatwirtschaftliche Konkurrenz zu nationalen Digitalwährungen mit einem Mischfonds an Reserven im Hintergrund.

Das Fehlen eines globalen Netzes, das Menschen erlaubt, grenzüberschreitend digital Geld zu transferieren, habe Facebook auf den Plan gerufen, gelobte Marcus in Davos. Europas SEPA-System sei gut, aber in vielen Regionen gebe es ein solches Netzwerk nicht. Marcus trug dem Finanzsektor das Internetmodell an: Interoperabilität im Netz und darauf aufsetzende Apps.

Das habe ja auch dafür gesorgt, dass man Ferngespräche heute statt für teure Roamingkosten kostenlos über die App auf einem Android machen könne. Er sei enthusiastisch, dass inzwischen alle wichtigen Partner am Tisch säßen und die Entwicklung auf den Weg brächten.

Der Fingerzeig aufs Internetmodell sollte Experten und Regulierern durchaus zu denken geben, mahnte Neha Narula, Direktorin der Digital Currency Initiative am Massachusetts Institute of Technology (MIT). "Schauen wir uns doch an, was aus unserem Internet geworden ist. Eine Handvoll Firmen überwachen Nutzerinnen und Nutzer auf Schritt und Tritt, sogar wenn sie sich zu Hause bewegen. Wir müssen sicherstellen, dass das nicht auch im Finanzsystem passiert."

Die richtige Balance zwischen privaten und öffentlichen Angeboten im Finanzsektor sei daher enorm wichtig. Es bedürfe eines öffentlichen Angebotes, das die Souveränität des Nutzers in den Mittelpunkt stelle, und eines klaren Regulierungsrahmens, wie ihn die EU derzeit überdenkt.

Valdis Dombrovskis, Vizepräsident der Europäischen Kommission, berichtete in Davos, dass die EU aktuell die einschlägige Gesetzgebung zur Finanzaufsicht überarbeite, weil man wegen globaler Initiativen wie Libra Nachbesserungsbedarf in Bereichen Geldwäsche-Gesetz, Steuervermeidung, Verbraucher- und Datenschutz erkannt habe.

Man wolle selbstverständlich FinTech-Innovationen nicht aus Europa "hinausregulieren". Vielmehr werde man Chancen und Risiken im nächsten FinTech-Aktionsplan angehen. Banker Cœuré und Finanzminister Shanmugaratnam unterstrichen, dass das Thema Souveränität nationaler Finanz- und Geldpolitik in den kommenden Jahren intensiv diskutiert werden müsse. (bme)