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Weltwirtschaftsforum: "Mehr Gestaltungswillen" für Digitalisierung und 4. industrielle Revolution

US-Vizepräsident Joseph Biden prangert die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich an. Dadurch würde nicht nur das Wachstum gehemmt, auch könnten sich Gesellschaften stärker radikalisieren. WEF-Gründer Klaus Schwab wünscht sich mehr Gestaltungswillen.

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Blick vom Jakobshorn auf Davos.

(Bild: Flyout, Lizenz CC BY-SA 3.0 )

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Beim alljährlichen Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos rief US-Vizepräsident Joseph Biden am Mittwochabend Regierungen dazu auf, sich angesichts der „vierten industriellen Revolution“ auf staatliche Kernaufgaben zu konzentrieren. Bildung, Infrastruktur und eine gerechtere Verteilung der Gewinne durch progressive Steuergesetze seien erforderlich, um die Veränderungen gesellschaftlich abzufedern.

Biden fragte, wo die neuen Jobs sind, die denen eine berufliche Zukunft bieten, die durch die zunehmende Digitalisierung entlassen werden. In seiner einstündigen Keynote lobte er die Politik der Obama-Administration bei der Ankurbelung alternativer Energien, durch die 100.000 zukunftsfähige Arbeitsplätze entstanden seien.

Gleichzeitig unterstrich er aber, dass dafür auch eine gezielte Bildungsinitiative notwendig gewesen sei. Hersteller und Technologiefirmen wurden eigens eingeladen, mit ihren Geräten direkt in die Schulen zu kommen, um zu erklären, was für die Ausbildung der dringend benötigten neuen Solartechniker notwendig ist.

Besonders unterstrich Biden aber, dass Profite durch die fortschreitende Digitalisierung besser verteilt werden müssen. Ein progressiver Steuersatz – „das ist kein Sozialismus“ – sei notwendig, sagte er und forderte die Unternehmen auf, bei der Verteilung von Gewinnen nicht nur an die Shareholder, sondern auch an ihre Mitarbeiter zu denken.

Die wachsende Ungleichheit zwischen Arm und Reich bedeute letztlich selbst nach Ansicht der Kredit-Rating Agentur Standard&Poors „eine Gefahr für das Wachstum“ und, so Biden, bereite den Boden für eine Radikalisierung der Gesellschaft. Wenn der Staat nicht Chancen für alle sichere, würden sich mehr Menschen getrieben fühlen, der Gesellschaft zu schaden. Auch dafür böte die Digitalisierung gefährlich gewachsene Möglichkeiten.

Mehr Gestaltungswille angesichts der von ihm ausgerufenen vierten industriellen Revolution hatte zuvor auch Weltwirtschaftsforum-Gründer Klaus Schwab gefordert. Er hatte anlässlich der Begrüßung von Biden die nicht unumstrittene Definition von der „vierten Revolution“ verteidigt. Diese unterscheide sich durch ihre Geschwindigkeit und die endgültige Verschmelzung von digitaler und physikalischer Welt grundsätzlich von der bisherigen Digitalisierung. „In ihrer pessimistischsten Form hat sie das Potential, die Menschheit zu Robotern zu machen und uns unsere Seele zu nehmen“, erklärte Schwab.

Bemerkenswert ist: deutsche Unternehmen und Wissenschaftler sucht man – abgesehen von der Deutschen Bank, DHL und dem deutschen Stahlkonzern Klöckner – fast vergeblich auf den zahllosen Panels. Die großen technischen Themen werden von US-Unternehmen dominiert. Gefragter ist offenbar die deutsche Politik. Neben dem Bundespräsidenten, der gestern über die Flüchtlingspolitik sprach, sind unter anderem der Wirtschafts- und der Finanzminister aus Berlin zu Gast.

Noch bis Samstag diskutieren die rund 2.500 Politiker, Vertreter großer Unternehmen und Wissenschaftler in Davos, das wie immer durch Schweizer Polizei und Militär massiv geschützt wird. Neben der Digitalisierung, künstlicher Intelligenz und dem Einsatz von Algorithmen etwa im Gesundheitsbereich geht es auch um die Topthemen aktueller Politik wie dem Syrienkonflikt und den Flüchtlingswellen aus Krisengebieten. (kbe)