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Wenn die Polizei twittert

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Aktuellen Trends im Umgang der Polizei mit IT ist das Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT zusammen mit der Unternehmensberatung CapGemini in zehn EU-Mitgliedstaaten nachgegangen. Als zentrale Herausforderung identifizierte die Studie im Rahmen des europäischen COMPOSITE-Forschungsprojekts den Umgang mit Social Media.

"Social Media gehört bei der deutschen Polizei zu den Top-Prioritäten", sagt Studienkoordinator Sebastian Denef. Unter dem Titel "Bewältigung des digitalen Wandels" werden in Deutschland auf Landes- wie Bundesebene Strategien entwickelt. Befragt wurden 52 Polizeibeamte in Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Mazedonien, den Niederlanden, Rumänien, Spanien und der Tschechische Republik aus verschiedenen hierarchischen Ebenen in Einzelinterviews zu aktuellen Polizeiprojekten. Ergänzt wurden die Interviews durch einen Workshop, an dem weitere Behördenvertreter sowie 20 IT-Unternehmen teilnahmen.

Beim Einsatz der neuen Kommunikationswerkzeuge geht es für die Polizei darum, die Öffentlichkeit in Ermittlungen einzubinden und das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen. Dabei werden in den verschiedenen Ländern sehr unterschiedliche Ansätze verfolgt. In Großbritannien informierten Polizeiwachen testweise die Anwohnerschaft über Twitter über ihre täglichen Aktivitäten. In Mazedonien und Rumänien werden Youtube und Facebook von der Polizei lediglich für die Öffentlichkeitsarbeit verwendet. In Deutschland werden von Landespolizeien zurzeit erste Richtlinien für den Umgang mit Social Media entwickelt.

In den Niederlanden nutzen Polizisten bereits Instrumente wie Twitter, Blogs, Facebook und SMS für ihre tägliche Arbeit. Über eine Polizei-2.0-Website tauschen sie untereinander Erfahrungen aus. Bürger können für ihre Umgebung so genannte Sicherheitsupdates per Instant Messaging abonnieren. Per Twitter versucht die Polizei den Kreis von Informanten bzw. Zeugen zu erweitern. Über SMS-Alerts werden Hinweise aus der Bevölkerung angefordert. So informiert beispielsweise die Website Burgernet per Handy über die Suche nach vermissten Personen, Verdächtigen oder gestohlenen Fahrzeugen. Ein Pilotprojekt testet zurzeit Skype für ähnliche Zwecke. Bürger können in sozialen Netzwerken wie Habbo Hotel und Second Life Polizeiavatare kontaktieren.

Anbieter von Polizeilösungen erwarten laut Studie, dass der Bedarf nach Monitoring-Lösungen für Social Media steigen wird, da Kriminelle hierüber Aktionen planen und ankündigen. Sie sehen außerdem in von Nutzern veröffentlichten Daten wie Fotos ein Mittel, um Straftäter wie Opfer zu identifizieren. Social Media sei, so die Studie, für die Polizei nicht nur ein Kommunikations-, sondern auch ein Ermittlungswerkzeug. Zu den Merkmalen der neuen Ermittlungssysteme zählten Suchläufe in sozialen Netzwerke sowie die Verbindung von Informationen, die zuvor in keinem direkten Zusammenhang standen. Dabei sollen Daten von Websites, internen Daten aus sozialen Netzwerken sowie Polizeidatenbanken zusammengeführt werden. Dabei sollen die polizeilichen Ermittlungen im Netz davor "geschützt werden, öffentlich zu werden".

Für die länderübergreifende Kooperation im Dreiländereck Deutschland - Belgien - Niederlande etwa gibt es ein gemeinsames Intranet der umliegenden Polizeistellen. Außerdem können Polizisten inzwischen mobil vor Ort auf Informationen zugreifen, die bislang nur auf der Wache verfügbar waren. Die Einsatzfahrzeuge wurden entsprechend ausgerüstet, solche Streifenwagen sollen bald in Brandenburg zum Einsatz kommen. Die damit erzielte effizientere Arbeit soll allerdings in den ländlichen Regionen dazu führen, die Anzahl der Beamten und Einrichtungen zu reduzieren.

Die Studie ist das erste Ergebnis des im vergangenen Sommer gestarteten COMPOSITE-Projekts. Studienkoordinator Sebastian Denef hat bei der Auswertung der Interviews festgestellt, dass sich die EU-Länder bislang bei den Themen, die nicht international ausgerichtet sind, nur begrenzt untereinander austauschen. Thema des Projekts sind Veränderungsprozesse bei der Polizei hinsichtlich der eingesetzten Technologien, aber auch in Hinsicht auf gesellschaftliche Veränderungsprozesse. Ziel ist ein Trendmonitor, der spätestens in vier Monaten fertig ein soll. (vbr)