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Telepolis

Wer schreibt Wikipedia?

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Jim Wales, der Gründer der freien Online-Enzyklopädie Wikipedia, hat sich gegen die Charakterisierung von Wikipedia als Produkt eines neuen "Online-Aktivismus" gewendet. Dies hatte der Computerwissenschaftler und Musiker Jaron Lanier kürzlich in einem Artikel mit dem Titel Digitaler Maoismus heftig kritisiert. Wales betont immer wieder, dass die Beiträge in Wikipedia von Individuen stammen; die Idee sei falsch, die Enzyklopädie sei ein "emergentes Phänomen", ein Ergebnis der "Weisheit der Massen" oder einer "Schwarmintelligenz", da "Tausende von Nutzern jeweils nur ein ein bisschen Inhalt beitragen und daraus dann ein kohärentes Werk entstehen" würde. In Wirklichkeit, meint Wales, stamme der Großteil der Wikipedia-Artikel von einer kleinen Gruppe von "wenigen hundert" Autoren. Daher sei Wikipedia einer "traditionellen Organisation" sehr ähnlich, womit Wales auch die Qualität zu belegen sucht.

Wales wiederholte diese Ansicht kürzlich auch in einem Interview: "Wir sind kein unkontrolliertes Monster. Beim deutschsprachigen Wikipedia-Angebot etwa haben bis heute weniger als 500 Autoren mehr als die Hälfte von über 400.000 Einträgen verfaßt. Zum engeren Kern – das sind nach unserer Definition Wikipedianer, die mehr als 100 Beiträge monatlich neu schreiben oder ändern – zählen etwa 800 bis 900 deutschsprachige Autoren. Wikipedia ist also weit individueller als gemeinhin angenommen. Weltweit stammen nicht einmal ein Fünftel der Einträge von anonymen Verfassern."

Wales suchte seine Ansicht auf einem Vortrag in Stanford auch mit Zahlen zu belegen. Er habe herausgefunden, berichtet Wales, dass über 50 % aller Bearbeitungen von Artikeln von 0,7 % der Benutzer gemacht werden. Das seien 524 Menschen. Die aktivsten 2 % (1.400 Personen) würden 73,4 % aller Bearbeitungen vornehmen.

Aaron Swartz, Webentwickler und Autor, zweifelt allerdings an den Aussagen von Wales. Er nahm sich zur Überprüfung einen zufälligen, aber typischen Artikel für Wikipedia vor und verfolgte, wie der Artikel aus den ersten zwei Sätzen Schritt für Schritt gewachsen ist. Bei den Bearbeitern machte er drei Gruppen aus. 5 der 400 Bearbeiter haben sich vandalisch betätigt, die große Mehrheit nahm nur kleine Veränderungen vor, z. B. Korrektur von Rechtschreibfehlern, Ergänzung von Links, Formatierungen etc. Nur eine kleine Gruppe lieferte eigenständige inhaltliche Beiträge. Die Mitglieder dieser Gruppe sind, meint Swartz, keineswegs Wikipedia-Insider, sondern dort kaum aktiv. Sie haben meist keinen Account und im Durchschnitt gerade einmal 10 Bearbeitungen auf der Wikipedia-Site vorgenommen.

Swartz schrieb nach diesen erstaunlichen Beobachtungen ein kleines Programm, um die Bearbeitungen exakt zu erfassen und die Buchstaben zu zählen, die ein Nutzer dem Artikel hinzugefügt hat. Wenn man nur die Bearbeitungen zählt, dann machen registrierte Nutzer die weitaus meisten Bearbeitungen, wie dies auch Wales sagt. Wenn man hingegen die Buchstaben zählt, dann sind die Top-Beiträger in der Regel nicht registriert und nehmen nur verschwindend wenige Bearbeitungen vor. Der Nutzer, der in dem Artikel die meisten Bearbeitungen vorgenommen hat, hatte ihm beispielsweise inhaltlich nichts hinzugefügt.

Für Swartz ergibt sich aus seinen Beobachtungen ein interessantes Ergebnis: "Ein Außenseiter macht eine Bearbeitung, indem er eine gewisse Menge an Informationen hinzufügt, dann kommen Insider, die viele Bearbeitungen vornehmen, indem sie ihn verbessern und formatieren." Die Außenseiter tragen fast den gesamten Inhalt bei. Das sei auch ganz normal, meint Swartz, da so auch andere Enzyklopädien zustande kommen. Viele Autoren schreiben Artikel über Themen, in denen sie sich auskennen, während eine kleine Zahl von Beschäftigten diese redigiert und in das Format einpasst. Wenn man aber fälschlicherweise wie Wales davon ausgehe, dass Wikipedia in der Hauptsache nur von wenigen, höchst aktiven Menschen gemacht werde, dann unterschätze man die Bedeutung der Gelegenheitsautoren, was die weitere Zukunft der Online-Enzyklopädie gefährden könne. Wichtig sei, meint Swartz, die Türen für solche Gelegenheitsautoren mit ihrem Fachwissen weiter aufzumachen und sie nicht aus Angst vor Vandalismus oder Unsinnsbeiträgen an den Rand zu drängen. (fr)

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