Werden Roboter in 100 Jahren den Menschen ersetzen?

Douglas Hofstadter hatte führende KI-und Robotikexperten an die Universität Stanford geladen, die sich geteilter Ansicht zeigten.

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Von
  • Florian Rötzer

Am 1. April fand kein Aprilscherz statt, sondern Douglas Hofstadter hatte Wissenschaftlerstars aus den Disziplinen KI, Robotik und Nanotechnologie an die Universität Stanford geladen, um erstmals gemeinsam über den weiteren Verlauf der Evolution von Mensch und Maschine zu diskutieren. Die vorgegebene Frage an Hans Moravec, Ray Kurzweil, Ralph Merkle oder John Holland war ganz konkret, nämlich ob "spirituelle Roboter" bis zum Jahr 2100 den Menschen ersetzen werden.

Stichwortgeber waren natürlich Moravec und Kurzweil, die aufgrund des Mooreschen Gesetzes ein kontinuierliches Wachstum der Rechenkapazität und damit die Entwicklung von wirklich intelligenten Robotern in voraussehbarer Zeit erwarten. "Wir werden Maschinen mit Bewusstsein erleben", ist sich Kurzweil sicher, der davon ausgeht, dass spätestens 2060 die "Intelligenz" aller menschlichen Gehirne in einem einzigen Chip steckt. Bei diesen Berechnungen geht der Erfinder des elektronischen Keyboards von "konservativen Zahlen" aus, wie er immer wieder betont. Die ganze Rechenpower bringe ohne intelligente Software allerdings nichts, sagt Kurzweil, weswegen er sie durch "Reverse Engineering" und "Scannen" von Vorgängen des menschlichen Gehirns schaffen wolle. Dank Moore's Law hat er genau ausgerechnet, wann Nanobots erstmals so klein sein werden, dass sie mit dem Blutfluss ihre Entdeckungsreise durchs Gehirn antreten können: Im Jahr 2029 soll es soweit sein. Danach wird es Kurzweils Meinung nach möglich sein, mit Hilfe der Mini-Bots gezielt Hirnregionen zu stimulieren und so eine perfekte Virtuelle Realität "von innen" zu schaffen. Kurzweil stellt sich vor, dass man damit die menschliche Intelligenz vergrößern könne.

Für Hans Moravec steht der Durchbruch intelligenter Roboter wie gehabt kurz bevor. Mips ist die für Moravec über Sein oder Nicht-Sein der Roboter entscheidende Einheit (Millionen Operationen pro Sekunde). Ein vorläufiges Ende der Roboterentwicklung sind für ihn Maschinen, die Symbole deuten und sich in Menschen hinein versetzen können. Für mehr als zum Small-Talk reiche das aber nicht. Von der Welt außerhalb des Hausbereichs würden aber die von ihm prophezeiten intelligenten Nutzroboter gar nichts verstehen. Zu ihrer Überwachung seien gleichwohl möglicherweise Robocops nötig, generell aber würden die Maschinenmenschen so programmiert, dass sie ihre Eigentümer beschützen und sich sogar selbst aufopfern. Das sei allein schon für ihren Markterfolg wichtig. Da hatte er freilich schon anderes prophezeit.

Bill Joy, Mitbegründer von Sun Microsystems, fügte sich seiner neuen Rolle als Warner (Angst vor der Zukunft). Um die künftige Bedrohung farbig auszumalen, las er sogar einen Augenzeugenbericht vom Wüten der Pest im mittelalterlichen Athen vor. Wir hätten vergessen, dass der schwarze Tod in Kriegszeiten bewusst in Städte eingeschleppt worden sei, beschwört Joy die alte und eventuell neue Geschichte. Wenn die "Life Sciences" oder die Roboter erst einmal außer Kontrolle geraten würden, stehe uns noch viel Schlimmeres bevor. Das einzige Hilfsmittel seiner Meinung nach: Hände weg von der Forschung an den umstrittenen "Zukunftstechnologien".

Das erregte natürlich Widerspruch: "Es ist unverzeihlich, potentiell Leben rettenden Technologien den Rücken zuzukehren", widersprach Ralph Merkle, Pionier im Bereich der molekularen Nanotechnologie. Die Fähigkeit zur "Selbstreplikation", die Joy befürchtet, sei auch nur auf die nanotechnologischen Produktionssysteme beschränkt. Die Endprodukte selbst trügen diese Eigenschaft nicht mehr in sich, so dass sie kein ungewolltes Eigenleben entfalten. Was die baldige Entwicklung von Intelligenz in Maschinen betrifft, so kamen die fundiertesten Einwände gegen die Extrapolationen von Kurzweil und Moravec vor allem aus der Ecke des genetischen Programmierens. Die Entwicklung im Bereich der Software folge keineswegs dem Mooreschen Gesetz, meinte John Holland, und auch John Koza, der Erfinder des genetischen Programmieren, sagte, dass allein das ständige Wachstum der Computerkapazität noch lange kein Bewusstsein im Silizium wecken könne. Computer könnten zwar definitiv auch Aufgaben erledigen, in denen sie mit dem Menschen konkurrieren. Sie würden das aber auf eine ganz andere Weise tun als die der Biologie verhafteten Menschen.

Ob oder wann Maschinen wirklich menschenähnliche Intelligenz und damit am Besten auch gleich noch Ethik und Moral entwickeln, ist selbst unter KI-Forschern also noch keineswegs entschieden. Douglas Hofstadter beendete die Diskussion daher mit einer Weisheit Albert Einsteins: "Das Vorhersagen ist nicht einfach, besonders, wenn es die Zukunft anbelangt." (Stefan Krempl)

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