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Wie Flüchtlinge zu Fachkräften werden

Immer mehr Flüchtlinge qualifizieren sich zu Facharbeitern. Dabei gibt es einige Hürden zu überwinden. Der Fachkräftemangel bleibt trotzdem.

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Wie Flüchtlinge zu Fachkräften werden

Mohsen hat eine besondere Gabe. Der Iraner findet schnell Kontakt. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum er einen Ausbildungsplatz gefunden hat und auf dem besten Weg ist, sich erfolgreich in Deutschland zu integrieren. "Ich will gern arbeiten", sagt der 39-Jährige. Er macht eine Ausbildung als Industriemechaniker beim Spezialglashersteller Schott in Mainz. Vor sechs Jahren kam Mohsen nach Deutschland, im Jahr darauf wurde sein Asylantrag genehmigt. Er ging von der Erstaufnahme in Trier in den Westerwald, dann nach Mainz, machte einen Sprachkurs, meldete sich beim Jobcenter und suchte Arbeit.

Erstmal lief es nicht so gut. "Ich habe mehr als 20 Bewerbungen geschrieben. Fast keine Firma hat geantwortet", sagt Mohsen. Über die ehrenamtliche Arbeit in einer Kirchengemeinde lernte er den Ausbildungsleiter von Schott, Volker Leinweber, kennen. Der schlug ihm vor, sich zu bewerben. Nach einem Praktikum begann Mohsen vor knapp drei Jahren mit der Ausbildung. In seiner Heimat hat er bereits eine Ausbildung als Elektrotechniker gemacht und vorübergehend Informationstechnik studiert. Mohsen ist kein Einzelfall, aber so positiv wie bei ihm läuft es längst nicht bei allen.

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Immer mehr Flüchtlinge arbeiten in regulären Jobs. Von Januar bis Juni dieses Jahres nahmen 2846 Geflüchtete in Rheinland-Pfalz eine reguläre Arbeitsstelle auf. Das waren fast doppelt so viele wie im ersten Halbjahr 2017, wie aus Zahlen der Regionaldirektion Rheinland-Pfalz-Saarland der Bundesagentur für Arbeit hervorgeht. Von Januar bis Juni 2018 begannen 148 Flüchtlinge eine betriebliche oder außerbetriebliche Ausbildung, das ist ein Plus von einem Fünftel im Vergleich zum ersten Halbjahr 2017. Für eine schulische Ausbildung, Schule oder Studium entschieden sich von Januar bis Juni 311 Flüchtlinge – diese Zahl ging um ein Fünftel zurück.

Als vor drei Jahren immer mehr Flüchtlinge kamen, war die Hoffnung vieler Unternehmen, dass Fachkräfte dabei sind oder die Geflüchteten zu solchen werden. Das ließ sich schwieriger an als erwartet, doch es werden mehr: Im September 2017 – das sind die aktuellsten Daten – waren 3510 Menschen aus den acht Staaten mit den meisten Asylanträgen der vergangenen Jahre als Fachkraft sozialversicherungspflichtig in Rheinland-Pfalz beschäftigt. Sie kommen aus Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien. Im September 2016 waren es nur 2019 Flüchtlinge – eine Steigerung um fast 75 Prozent.

Fachkräftemangel

Fachkräfte- und Nachwuchsmangel vor allem in naturwissenschaftlichen und technischen Berufen gefährdet nach Ansicht von Experten und Firmen die deutsche Wirtschaft. Wie es um den Fachkräftemangel allerdings tatsächlich bestellt ist, dazu gibt es immer wieder unterschiedliche Ansichten, vor allem, wenn es um Arbeitsbedingungen, Ausbildung und Einwanderung geht.

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"Branchenübergreifend sind Unternehmen bereit, geflüchtete Menschen einzustellen", sagt Walter Hüther, Geschäftsführer Interner Service der Regionaldirektion Rheinland-Pfalz-Saarland in Saarbrücken. "Viele haben erkannt, dass im Wettbewerb um Fachkräfte und Auszubildende es lohnenswert ist, auch andere Personengruppen wie zum Beispiel geflüchtete Menschen mit in den Blick zu nehmen. Diese bringen oft berufliche und soziale Kompetenzen und Erfahrungen aus ihren Herkunftsländern mit." Er nennt Mehrsprachigkeit als Beispiel.

Die Unterbringung von Flüchtlingen macht aus Sicht der Unternehmen erste Fortschritte, braucht aber Zeit. "Dass die Integration in den Arbeitsmarkt deutlich langsamer vorankommt als zu Beginn des Zuzugs erwartet, liegt vor allem an der fehlenden Qualifikation der Geflüchteten", sagt der Hauptgeschäftsführer der Landesvereinigung Unternehmerverbände (LVU), Werner Simon. "Rund 40 Prozent der Flüchtlinge haben keinen Schulabschluss und 86 Prozent der geflüchteten Arbeitsuchenden können keine formale Berufsausbildung vorweisen." Noch eine Hürde seien fehlende Deutschkenntnisse.

Der LVU sieht die Integration in den Arbeitsmarkt als langwierigen Prozess, der den Betrieben viel Durchhaltevermögen abverlangt. "Dabei verstehen die engagierten Unternehmen die Integration von Geflüchteten in erster Linie als eine humanitäre Frage – und nicht als Antwort auf den Fachkräftemangel", sagt Simon. Dennoch investierten die Betriebe in Aus- und Weiterbildung. Viele Geflüchtete, die erst Schnuppertage oder Praktika in Firmen gemacht haben, sind inzwischen in einer Berufsausbildung angekommen.

Schott hat rund 120 Azubis mit steigender Tendenz. Zwei Geflüchtete lassen sich zum Industriemechaniker ausbilden, einer zum Maschinen- und Anlagenführer. Gerade endete ein Projekt mit 17 Deutsch-Kursen für Asylbewerber seit 2015. "Unser Ansatz war nicht, Lücken zu schließen, sondern Verantwortung zu übernehmen", sagt Sprecher Jürgen Steiner. In den Kursen sollten auch Gleichberechtigung, Respekt und Pünktlichkeit vermittelt werden. "Wir brauchen die Leute, die bereit sind, sich zu integrieren und respektvoll mit anderen umgehen können", betont Ausbildungsleiter Leinweber. "Die Schulabgänger werden weniger und der Trend zum Studieren wird immer stärker."

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hält einen Arbeitsplatz, Bildung und gute Deutschkenntnisse für die Schlüssel gelingender Integration. DGB-Landeschef Dietmar Muscheid sieht aber noch Hürden. "Wir fordern deshalb eine Ausweitung der Sprachförderung." Außerdem brauchten die Jobcenter mehr Personal. "Gerade hier wäre die individuelle Förderung so wichtig, damit aus Arbeitskräften Fachkräfte werden können, die nicht im Niedriglohnsektor verharren." Zur Fachkräftesicherung seien mehr Anstrengungen nötig. "Die Integration in den Arbeitsmarkt geschieht nicht über Nacht", sagt er.

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) dringt auf ein Einwanderungsgesetz für Fachkräfte, das CDU, CSU und SPD in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart haben. "Deutschland braucht Fachkräfte. Wir müssen das regeln und wir können damit auch Menschen aus der ganzen Welt Möglichkeiten geben, hier ganz legal einzureisen und hier Arbeit aufzunehmen", sagte Dreyer am vergangenen Dienstag.

Bei Mohsen war es anders, sein Asylantrag wurde nach seiner Flucht aus religiösen Gründen anerkannt. Wenn bei ihm alles gut geht, wird er im nächsten Jahr nach dem Ende der Ausbildung übernommen. Sein Ziel ist es, in Deutschland zu leben und sich zu integrieren. Ein Rezept dabei: "Ich koche Persisch, aber ich rede nicht immer Persisch", sagt er in praktisch fehlerlosem Deutsch. (olb)