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Wie Twitter die öffentliche Meinung beeinflusst

Schon nach etwa 20 Stunden verfestigen sich Meinungen, die in sozialen Netzwerken geäußert werden. Dabei bilden sich dominierende Meinungen heraus. Chinesische Forscher haben dies am Beispiel Twitter erforscht.

Je mehr Menschen ihre Ansichten in den Sozialen Medien austauschen, desto mehr beeinflussen sie damit auch direkt die Meinungsbildung ihres Landes. Und dieser Prozess folgt einer eigenen Dynamik, wie chinesische Forscher jetzt am Beispiel Twitter untersucht haben.

Zwar ist in Deutschland der Anteil aktiver Nutzer auf Plattformen wie Facebook, Twitter oder Google+ deutlich niedriger als in anderen westlichen Ländern. Doch innerhalb der Nutzergemeinde gilt offenbar ebenfalls: Neue dominante Meinungen verfestigen sich bei Twitter recht schnell und sind dann nur schwer wieder zu verändern.

Zudem wollen viele Nutzer die anderen beeinflussen, doch einen eigenen Meinungsumschwung geben nur wenige zu, berichten die Forscher im Fachblatt „Chaos –Journal of Nonlinear Science“. Ihre Ergebnisse könnten Politikern oder auch Werbern erklären helfen, weshalb manche Social Media-Kampagne fehlschlägt.

Die Meinung für jedes der drei Themen – iPhone4, Blackberry und iPad2 – stabilisiert sich mit der Zeit auf gleichbleibendem Niveau. Das Blackberry verzeichnet im Untersuchungszeitraum keine starken Anfangsschwankungen, weil offenbar schon länger Thema war. Die stärksten Schwankungen sind in den ersten zehn bis zwanzig Stunden zu verzeichnen.

(Bild: F.Xiong/BJTU)

„Sobald sich die öffentliche Meinung der Twitter-Nutzer auf einem Niveau stabilisiert, ist sie nur noch schwer zu verändern“, berichtet Fei Xiong von der Beijing Jiaotong University. Gemeinsam mit Kollege Yun Liu hatte er sechs Millionen englischsprachige Twitter-Nachrichten aus dem ersten Halbjahr 2011 näher unter die Lupe genommen.

Per Algorithmus analysierten sie diese 140-Zeichen-Texte nach verschiedenen Schlagworten, darunter „iPhone 4“, „Blackberry“ und „iPad 2“. Dann folgte die Analyse auf positive oder negative Meinung zu dem jeweiligen Produkt. Auf die Zeitachse aufgetragen zeigte sich, dass die Ansichten zu einem neuen Produkt anfangs wild schwanken, sich aber in den ersten zehn bis 20 Stunden eine stabile vorherrschende Meinung ausbildet.

Das heißt nicht, dass keine Gegenstimmen mehr auftreten – doch die Gewichtung pro und kontra bleibt ab dann weitgehend gleich. Bis möglicherweise neue Informationen das Bild wieder aufmischen. Die Stabilität hat auch damit zu tun, dass die Zahl der Tweets zu einem Thema nach den ersten Stunden oder Tagen schnell sinkt.

Wichtig war Xiong und Liu also statt der absoluten Zahl der Nachrichten die Prozentsätze für oder gegen ein Produkt: „Mehr als 10.000 Nutzer schicken nur einen Tweet zu einem bestimmten Thema, aber einige Enthusiasten diskutieren und kommentieren das Produkt je mehr als hundert Mal.“ In der Untersuchung blieb die Meinung zu „Blackberry“ von Anfang an stabil, was auf weniger Interesse hinweist, vermutlich weil das Thema schon älter war.

„iPhone 4“ hingegen verlor anfangs stark an Zustimmung, während „iPad 2“ rapide gewann, bevor sich beide auf ähnlichem Niveau positiv einpendelten. Dieses Ergebnis führen die Forscher auch darauf zurück, dass der Hersteller beider Produkte eine loyale Fangemeinde hat.

Die starken Anfangsschwankungen deuten darauf hin, dass Twitter tatsächlich als Instrument der Meinungsbildung für Unentschiedene oder Uninformierte dient. Mit der Zeit wachsen allerdings Einfluss und Größe einer der beiden Gruppen – Befürworter oder Ablehner – immer stärker, während die andere an Boden verliert.

Deutlich seltener als Pro- und Kontra-Argumente ist dabei aber zu lesen, dass jemand tatsächlich seine Ansicht geändert hat. Das liege auch daran, so Xiong und Liu, dass nicht alle Nutzer ihren gesamten Meinungsbildungsprozess wiedergeben und einige nur selten Nachrichten schicken. Eine Minderheit hingegen äußere sich überproportional oft, dennoch liefere die große Gesamtmenge der Daten doch ein recht verlässliches Bild der Ansichten.

Die analysierten Tweets stammen zwar aus dem Jahr 2011, doch trotz seither gestiegener Teilnehmerzahlen erwarten die Forscher bei aktuellen Daten ein ganz ähnliches Ergebnis. Ein neuer Algorithmus könnte heute die Inhalte allerdings noch besser analysieren. Mittlerweile, so das Team, hat Twitter rund 241 Millionen Nutzer weltweit, die etwa 500 Millionen Nachrichten am Tag versenden. (Dörte Saße) / (kbe)

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