Wie die Stasi Regimegegner mit Fake News zermürbte

Fake News verbreiten sich heute rasant in sozialen Medien. Die Stasi nutzte "analoge" Fake News, um Gegner gezielt zu diskreditieren.

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Das Eingangstor der Gedenkstätte Hohenschönhausen, den Veranstaltungsort der Tagung "Wahrheit und Fake im postfaktisch-digitalen Zeitalter".

(Bild: Hans-Arthur Marsiske)

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  • Hans-Arthur Marsiske

Falschmeldungen und Verschwörungstheorien sind nichts Neues, können sich heute im Internet und über soziale Medien viel schneller und gezielter verbreiten als je zuvor. Dadurch sind sie auch zu einer Bedrohung demokratischer Institutionen geworden. Eine wissenschaftliche Konferenz in Berlin beschäftigt sich in dieser Woche mit der Frage, wie Fälschungen, Fakten und Fiktionen voneinander unterschieden und Fake News entschärft werden können.

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Die Tagung "Wahrheit und Fake im postfaktisch-digitalen Zeitalter" findet in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen statt. Die Fragen rund um Wahrheit und Fälschung sollen hier in einem gewaltfreien Dialog erörtert werden, sagte Ko-Organisator Peter Klimczak (Brandenburgische Technische Universität) zur Eröffnung – an einem Ort, der für das genaue Gegenteil steht. Denn wer durch das Tor am Ende der Freienwalder Straße geführt wurde, gelangt zu Zeiten der DDR in die Unfreiheit: Hier betrieb das Ministerium für Staatssicherheit seit 1951 ein Untersuchungsgefängnis, in dem vermeintliche Feinde der Republik inhaftiert wurden.

Der Schriftsteller Jürgen Fuchs war einer von ihnen. Jörg von Bilavsky, Leiter des Bereichs "Bildung und Vermittlung" in der Gedenkstätte, nannte ihn und den Bürgerrechtler Wolfgang Templin als Beispiele, um zu illustrieren, wie die Stasi ihre Gegner nicht nur durch die Haft unter Druck setzte, sondern vorher und hinterher auch durch gezielte Falschmeldungen. Dazu gehörte auch, jemanden als Stasi-Mitarbeiter zu bezichtigen, Bestellungen in seinem Namen aufzugeben oder auch in fingierten Zeitungsannoncen zu behaupten, er habe irgendwelche Produkte günstig abzugeben. Jürgen Fuchs sei selbst nach seiner Ausbürgerung im Jahr 1977 auch in West-Berlin noch Opfer solcher Zersetzungsmaßnahmen geworden, sagte Bilavsky. Allein in den Jahren 1985 bis 1988 hätten 4.000 bis 5.000 Aktionen stattgefunden, von Telefonterror, über gefälschte Buchungen bis hin zu einem Bombenattentat und der Manipulation der Bremsschläuche an seinem Auto.

Gerüchte seien überwiegend mündlich verbreitet worden, zum Teil aber auch in Zeitungen wie Neues Deutschland oder Junge Welt. Hätte es Twitter und Facebook damals schon gegeben, wären sie zweifellos ebenfalls von der Stasi genutzt worden, so Bilavsky. Einen genaueren Blick auf die Nutzung von Massenmedien warf Andreas Neumann, der als Historiker an der Gedenkstätte forscht. Er zeigte am Fall von Dieter Hötger, der im April 1962 zunächst selbst in den Westen flüchtete und zwei Monate später beim Versuch, seiner Freundin ebenfalls zur Flucht zu verhelfen, angeschossen wurde, wie die Geschehnisse in öffentlichen Darstellungen verfälscht wurden. So wurde in der Urteilsschrift unter anderen dem "Kriegshetzer" Willy Brandt vorgeworfen, im Hintergrund die Fäden gezogen zu haben. Zudem wurde behauptet, die "Terroristen" hätten das Feuer eröffnet und dabei einen Agenten der Stasi verletzt. Im internen Bericht der Stasi ist dagegen nachzulesen, dass ein Stasimitarbeiter aus Nervosität geschossen hätte und die Verletzung durch einen Querschläger erfolgt sei.

Eine weitere Variante der Geschichte war am 8. Juli 1962 im Neuen Deutschland nachzulesen: Demnach hatte der von den Fluchhelfern gegrabene Tunnel gar nicht der Republikflucht gedient, sondern sollte das Eindringen von Terroristen aus dem Westen ermöglichen. Diese Interpretation entsprach dem offiziellen Verständnis von der Berliner Mauer als "antifaschistischem Schutzwall" gegen die präfaschistische Bundesrepublik. Neumann zeigte jedoch an einer ebenfalls im Neuen Deutschland erschienen Erklärung, dass diese Version nicht ohne Widersprüche blieb: So war für den Grenzübertritt von Osten nach Westen eine besondere Genehmigung erforderlich, während für Besucher aus dem Westen ein gültiger Personalausweis ausreichte, der Schutzwall also ausgerechnet auf der Seite, vor der er schützen sollte, deutlich durchlässiger war.

Solche inneren Widersprüche seien ein Kriterium, um Fake News zu identifizieren, sagte Neumann. Am Beispiel des Kinofilms "For Eyes Only – Streng Geheim" (1963) und der Fernsehserien "Rendezvous mit Unbekannt" (1969) und "Das unsichtbare Visier" (1976) verwies er darauf, wie der antifaschistische Gründungsmythos der DDR auch in fiktionalen Erzählungen transportiert worden sei. Dafür sei der Begriff "Fake Fiction" passend.

Bereits diese einleitenden Vorträge warfen Fragen auf, die weit über die besondere Geschichte der DDR hinausgehen: Welche Maßnahmen gibt es, eine grundlegende Skepsis und Kritikfähigkeit zu fördern? Warum fallen wir immer wieder auf die Boten und ihre Botschaften herein? In den kommenden beiden Tagen soll hierüber aus den Blickrichtungen verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen diskutiert werden. (olb)