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Wie gefährlich ist 3D?

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Der 3D-Zug ist gerade erst angerollt, da droht ihm schon ein abrupter Halt: Der koreanische Unterhaltungselektronikriese Samsung warnt vor seinen eigenen 3D-TVs. Auf der australischen Samsung-Website findet sich eine Liste mit drastischen 3D-Fernseh-Nebenwirkungen – neben Sehstörungen ist dort von Muskelzuckungen, Krämpfen, Übelkeit und Bewusstseinsstörungen die Rede. Ganz allgemein empfiehlt der Hersteller Menschen in "schlechter körperlicher Verfassung", auf 3D zu verzichten. Wer zu wenig geschlafen oder Alkohol getrunken hat, solle sich ebenfalls lieber auf flache Bilder beschränken.

Samsung weist bei seinem 3D-TV auf Gefahren hin, die beim Betrachten drohen.

Noch kurioser mutet der Hinweis an, den 3D-Fernseher nicht in der Nähe von offenen Treppenhäusern oder Balkons aufzustellen – das könne bei 3D-bedingter Orientierungslosigkeit zu Verletzungen führen. Gaga-Verhaltensregeln wie diese legen nahe, dass Samsung sich vor allem juristisch absichern will. Besonders in den USA prangen schon seit Jahren bizarre Warnhinweise ("Die Kleidung nicht während des Tragens bügeln") auf vielen Produkten. Auf der anderen Seite gibt es aber auch plausible Untersuchungen, warum 3D eben doch nicht immer harmlos ist.

Der Mensch verwendet zur Raumwahrnehmung nicht nur die zwei unterschiedlichen von den Augen wahrgenommenen Bilder (binokulare Disparität), sondern noch diverse andere "Tiefenhinweise". Bei 3D-Filmen passen einige der Hinweise nicht zusammen. So müssen beispielsweise die Augen beim Betrachten eines 3D-Displays auf die Schirmoberfläche fokussieren, obwohl der eigentliche Fokuspunkt des dreidimensionalen Bildes hinter dem Schirm (in der Tiefe des 3D-Bildes) liegt. Dieser Konflikt kann ebenso zu Irritationen führen wie die Schärfe innerhalb des 3D-Bildes: Sie stimmt nicht mit der Schärfewahrnehmung innerhalb einer realen 3D-Szene überein – insbesondere wenn der Betrachter mit den Augen über die 3D-Szene wandert. Dann ändert sich die Schärfe nicht wie im realen Bild üblich mit der Augenbewegung respektive Akkomodation, der normale Zusammenhang zwischen Detailschärfe und Objektentfernung trifft hier also nicht mehr zu. Diesen Konflikt muss der Betrachter auflösen, indem er Akkomodation und Augenbewegung (Vergenz) entkoppelt – dies kann Unbehagen und Müdigkeit hervorrufen.

Das Auge muss auf die Displayoberfläche fokussieren, der Fokuspunkt im Bild liegt hinter dem Schirm.

(Bild: Journal of Vision)

Beginnt das Gehirn irgendwann, die Entkopplung von Schärfe und Akkomodation sowie die unterschiedlichen Fokusebenen zu verfestigen, fehlen dem Betrachter die im realen Leben notwendigen Hinweise zum räumlichen Sehen. Normalerweise legt sich diese "binokulare Dysphorie" nach einigen Minuten – Verfechter einer Theorie schließen aber nicht aus, dass gerade bei Kindern das Risiko einer permanten räumlichen Fehlwahrnehmung besteht. In der Folge könne es nach häufigem 3D-Genuss beispielsweise zu einem Verlust des räumlichen Sehvermögens kommen.

Solche Probleme mit 3D-Displays werden von den Herstellern durchaus diskutiert, auch auf internationaler Ebene forschen viele große Institute in Asien, Europa und den USA daran. Eine Arbeitsgruppe der internationalen Standardorganisation ISO beschäftigt sich im Bereich "Image Safety" ebenfalls mit den potentiellen Gefahren beim Betrachten von 3D-Displays. Konkrete Ergebnisse über mögliche Langzeitfolgen beim Betrachten von 3D wurden hier aber noch nicht benannt.

Samsung ist der erste Hersteller, der hierzulande bereits 3D-Fernseher verkauft, Panasonic und Sony folgen im Mai. Geräte von allen drei Herstellern wurden von c't bereits vorab getestet. Toshiba und Sharp wollen im Spätsommer in Europa 3D-TVs auf den Markt bringen. (jkj)

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