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Wie sag ich's ihm: Selbstfahrende Autos wollen verstanden werden

Autofahrer kommunizieren laufend nonverbal mit anderen Verkehrsteilnehmern. Das vermeidet Unfälle. Gibt es keinen Fahrer mehr, muss das Auto diese Kommunikation übernehmen. Aber wie?

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Herbie

(Bild: Silverije CC-BY-SA 3.0)

Vom vernetzten zum autonomen Auto

Das Auto von morgen soll nicht nur autonom fahren, es soll dabei auch ein akzeptables Sozialverhalten an den Tag legen. Das erfordert die korrekte Interpretation von Körpersprache, Handzeichen und Körperpositionierung von Fußgängern und anderen Verkehrsteilnehmern außerhalb des autonomen Fahrzeugs. Gleichzeitig muss sich auch das Auto verständlich machen. Für Fahrzeugdesigner ist das eine enorme Herausforderung.

Verschiedene Fahrzeugentwickler, darunter auch Google, erforschen derzeit das menschliche Verhalten im Verkehr und experimentieren mit unterschiedlichen Arten, wie Autos den Menschen antworten könnten. Nissan kooperiert dabei mit dem Design Lab der Universität von Kalifornien in San Diego (UCSD). Sie haben Verkehrsteilnehmer in Städten in Brasilien, dem Iran, Südkorea und Kalifornien beobachtet.

Dabei zeigte sich, dass die regionalen Unterschiede enorm sind. Viele Handbewegungen beziehungsweise Körperpositionierungen werden vor Ort verstanden, auch wenn sie nur gering ausgeprägt und sehr kurz sind. Dasselbe Verhalten in einer anderen Region könnte leicht tödlich oder zumindest auf der Polizeiwache enden.

Bisweilen ist sogar Nicht-Bewegung ein Signal, wie Dr. Malte Risto vom Design Lab der UCSD am Dienstag ausführte. heise online traf ihn auf dem Automated Vehicles Symposium 2016 in San Francisco. "Ein Fußgänger kann beispielsweise ruhig dastehen und mit seinem Handy spielen oder in alle Richtungen schauen, nur nicht auf den Autoverkehr. Das bedeutet: 'Ich werde jetzt nicht die Straße überqueren.'", erläuterte Risto. "Schon Paul Watzlawick hat gesagt: 'Man kann nicht nicht kommunizieren.'"

Dr. Malte Risto im Interview

Aus seiner bisherigen Forschung zieht Risto den Schluss, dass zwar das Verhalten der Menschen im Straßenraum regional extrem unterschiedlich ist. Autonome Fahrzeuge aber müssten eine einheitliche "Sprache" sprechen, die nicht von der Fahrzeugmarke abhängen dürfe.

"Wir können nicht fünf verschiedene Signalsysteme durchsetzen", meinte der Forscher, "das würde die Leute verwirren, zu schwerwiegenden Vorfällen führen, und das Vertrauen der Menschen in selbstfahrende Autos untergraben." Daher empfiehlt Risto im Abstract seiner Präsentation, dass Fahrzeughersteller gemeinsam mit Designern und bestehenden Standardisierungsgremien einen gemeinsamen Standard ausarbeiten.

"Wir müssen Fahrzeuge bauen, die sowohl in San Francisco als auch in Teheran fahren können", sagte Maarten Sierhuis von Nissan bei seinem Vortrag auf dem Automated Vehicles Symposium. "Und auch in Amsterdam, wo die Radfahrer die Macht haben." Sierhuis leitet Nissans Forschungslabor im Silicon Valley. Der Fahrzeughersteller experimentiert mit Displays hinter der Windschutzscheibe, die kurze Texte darstellen, etwa "nach Ihnen", was eine höfliche Methode wäre, jemand anderem Vorrang einzuräumen.

Nissans Prototyp eines nach außen gewandten Mitteilungssystems

(Bild: Daniel AJ Sokolov/Nissan)

Dazu kommen Lichtbänder an der Fahrzeugseite, die in verschiedenen Farben Lichtsignale abgeben können. "Gegenwärtig dürfen wir dieses Konzept nicht auf öffentlichen Straßen testen", klagte Sierhuis. "Wir dürfen die Lichtfarben des Fahrzeugs nicht ändern." Das hat auch seinen Grund, denn Farbenblinde könnten laufend veränderliche Farbsignale falsch interpretieren.

Die Lösung ist alles andere als einfach. Textdisplays können nur aus bestimmten Blickrichtungen erkannt werden. Dazu kommt, dass nicht jeder lesen kann oder die eingestellte Sprache versteht. Mercedes-Benz experimentiert daher mit auf die Fahrbahn projizierten Diagrammen, etwa den Umrissen eines Zebrastreifens. Weil die nonverbalen Informationen vielfältig sind, werden sich die Designer noch einige Kniffe einfallen lassen müssen, zumal die Symbole nicht wie Befehle wirken sollen: "Das Auto muss anderen Verkehrsteilnehmern seine Absichten mitteilen, aber ihnen nicht befehlen, was sie zu tun haben", umschrieb Sierhuis das soziale annehmbare Verhalten zukünftiger Fahrzeuge.

Dr. Ristos Poster

(Bild: UCSD)

(ds)

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