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WikiCon: Schlagabtausch über Bilder-Filter

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Der von der Wikimedia Foundation geplante Filter für kontroverse Inhalte stößt auf heftigen Widerstand aus der Wikipedia-Community. Auf der Community-Konferenz WikiCon in Nürnberg kam es zur offenen Konfrontation. Wikimedia-Foundation-Vorstand Ting Chen will trotz heftiger Einsprüche an dem Vorhaben festhalten.

"Wir müssen eine Lösung finden, mit der wir unseren bisherigen Prinzipien treu bleiben, aber auch die Enzyklopädie für neue Kulturen öffnen", verteidigte Ting Chen das Vorhaben. In der Berichterstattung um den Filter sei vorrangig über pornografische Bilder diskutiert worden. Diese seien aber nur ein Randaspekt. Es gebe viele kontroverse Inhalte, die die Verbreitung der Wikipedia in anderen Kulturräumen behinderten. So hätten beispielsweise die drei Administratoren der Wikipedia-Ausgabe der indonesischen Provinz Aceh einen Boykottaufruf gegen die Wikipedia veröffentlicht, weil in anderen Sprachausgaben ein historisches Bild des Propheten Mohammed zu finden sei.

Beim Publikum der WikiCon kamen diese Argumente nicht gut an. "Sollen wir vielleicht alle Personenbilder löschen, nur weil irgendeine Extremisten-Gruppe daran Anstoß nimmt?", fragte ein Teilnehmer. Andere befürchten den Aufbau einer Zensur-Infrastruktur. Um den Bilderfilter umzusetzen, müsste ein Gruppe etabliert werden, die sämtliche Bilder in der Wikimedia Commons nach ihren Interessen aussortiert. Ständig neue Streitfälle seien die Folge. Zudem sehen einige Wikipedia-Autoren in dem Einknicken vor bestimmten Gruppen einen Abkehr von dem Ziel der Aufklärung in der freien Online-Enzyklopädie. Die Wikipedia müsse sich schon immer über Vorbehalte hinwegsetzen. Zum Beispiel stehe der Vorwurf des Völkermords an Armeniern in der Türkei unter Strafe, dennoch schildere die Wikipedia das Thema.

Wikimedia Deutschland-Geschäftsführer Pavel Richter nahm das Vorhaben in Schutz. So sei keineswegs ein Filter für Fakten geplant, alleine die Emotionen ansprechenden Bilder sollen gefiltert werden. "Die Wikipedia hat das Ziel, das gesamte Wissen der Welt zu sammeln. Aber der zweite Teil der Mission ist es, dieses Wissen der ganzen Welt zu Verfügung zu stellen." Hier gebe es Nachhobedarf. Richter verwies darauf, dass in Wikipedia-Artikeln über die Phobie vor Spinnen Bilder von großen, haarigen Spinnen eingebunden sind. Für Betroffene seien die Artikel deshalb unlesbar, da sie von den Bildern abgeschreckt würden. In der deutschsprachigen Wikipedia wurde ein entsprechendes Bild inzwischen aus dem Artikel entfernt, in anderen Sprachausgaben bestehe das Problem aber weiter.

Richter betonte, dass die Nutzer selbst entscheiden sollten, ob sie einen Filter einsetzen. So sei nach der kontroversen Diskussion über die Wikipedia-Relevanzkriterien vorgeschlagen worden, eine Wikipedia zu schaffen, in der die Nutzer selbst entscheiden könnten, was für sie relevant ist. Wer diesen Vorschlag befürwortet habe, könne den Bilder-Filter nicht gut als Zensur bezeichnen. Dem Vorwurf, dass die Wikipedia mit einem "Prinzip der geringsten Überraschung", das die Wikimedia Foundation als Leitsatz für die Filterbemühungen erkoren hatte, das Ziel der Aufklärung aufgebe, wies Richter zurück. Es gehe lediglich darum, schockierende Inhalte auszublenden. Zudem werde Wikipedia bereits heute zum Beispiel durch die Relevanzkriterien gefiltert. Gleichwohl bezeichnete auch Richter den Filter als Fehler, weil versucht werde ein soziales Problem mit Technik zu lösen.

Für erheblichen Missmut hat bei der Community die Durchführung eines Referendums zum geplanten Filter geführt, das den Teilnehmern die Möglichkeit vorenthielt, gegen das Vorhaben zu stimmen. In der deutschsprachigen Wikipedia wurde inzwischen ein Meinungsbild angelegt, in dem sich die meisten Nutzer gegen den Filter aussprechen. Sollte die Wikimedia Foundation ihre Maßnahme dennoch umsetzen, drohen einige Nutzer mit einem Boykott. "Für das Meinungsbild ist es jetzt zu spät", sagte Cheng, die Entscheidung sei bereits gefallen. Wie die Foundation auf eine widerstreitende Entscheidung der zweitgrößten Wikipedia-Community reagieren werde, ließ Cheng offen.

Cheng zeigte sich überrascht, dass die Community sich übergangen fühlte. So sei die Diskussion um den Umgang mit kontroversen Inhalten seit über einem Jahr offen geführt worden. Zudem stehe die deutsche Community in gutem Kontakt mit dem Wikimedia-Büro in San Francisco. Wikipedianer Christian Kaul wollte dies aber nicht gelten lassen: "Warum wurde nicht der Versuch unternommen, die Diskussion in die Communities zu tragen?" So seien deutlich weniger kontroverse Lösungen für das Problem möglich. Arachnophobiker könnten auf einen redaktionell gesetzten Warnhinweis zum Beispiel sämtliche Bilder deaktivieren. (Torsten Kleinz) / (jk)

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