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Wikimania: Wikipedia-Autorenschaft schrumpft, Zahl der Artikel steigt

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Eine gemischte Bilanz präsentierte die Wikimedia Foundation am Wochenende auf der internationalen Konferenz Wikimania in Washington: So gewinnt die freie Enzykloädie Wikipedia zwar immer mehr Leser, verliert aber Autoren. Mit neuen Projekten will die Stiftung das Ruder herumreißen und gleichzeitig aktiv Politik machen. Über 1000 Wikipedianer aus 87 Ländern waren zusammengekommen.

Noch im vergangenen Jahr hatte Geschäftsführerin Sue Gardner zur Priorität erklärt, aktive Autoren zu gewinnen und die Zahl von 90.000 auf 95.000 im Juni dieses Jahres zu steigern. Doch offenbar schlugen die Bemühungen fehl: In Washington gab Gardner bekannt, in allen Projekten gebe es derzeit zirka 80.000 Autoren. Trotzdem wächst die Online-Enzyklopädie weiter. Am Wochenende konnte die englische Wikipedia den viermillionsten Artikel feiern, die chinesische Wikipedia erreichte den Meilenstein von einer halben Million Artikeln.

Als Grund für die schrumpfende Autorenschaft gab Gardner unter anderem die Komplexität der Arbeit in der Wikipedia und mangelnde gegenseitige Unterstützung an. Auch den niedrigen Frauenanteil unter den Autoren von rund 10 Prozent sieht die Wikimedia Foundation als Problem an. Allerdings haben die Wikipedianer bisher keine nachhaltige Lösung dafür gefunden. Laut Wikinews regte Wikimedia-Gründer Jimmy Wales an, dass die Wikipedianer ihre Themen neu überprüfen sollten. So sei es nicht klar, warum ein Artikel über Kate Middletons Hochzeitskleid gelöscht wurde, Artikel über unbekannte Linux-Distributionen hingegen nicht.

Eines der zentralen Projekte zum Senken der Einstiegsschwelle ist der Visual Editor, mit dem Neulinge Wikipedia-Artikel schreiben können, ohne sich mit den komplexen Formatierungsoptionen im Wikitext zu beschäftigen. Eigentlich sollte die Software bereits im Juni in den Probebetrieb gehen, doch wegen technischer Probleme musste das Projekt auf einer anderen Basis neu gestartet werden. Gardner stellte in Washington den Probebetrieb des neuen Editors für Ende 2012 in Aussicht, in den Regelbetrieb soll er 2013 gehen.

Unterdessen diskutiert die Community darüber, ob Wikipedia mit einem Reiseführer ein weiteres Schwesterprojekt bekommen soll. So haben die Verantwortlichen des 2003 gestarteten Projekts Wikitravel und dem Fork Wikivoyage ihre Bereitschaft erklärt, ihre Projekte zukünftig unter dem Dach der Wikimedia Foundation laufen zu lassen. Bei einer Abstimmung zeigte sich starke Zustimmung der Wikipedianer zu diesem Vorschlag. Das letzte Wort hat jedoch der Stiftungsrat der Wikimedia Foundation.

Auch hier gab es Veränderungen. Auf der Wikimania wählte das Gremium die US-Amerikanerin Kate Walsh zur neuen Vorsitzenden. Sie löst damit den in Deutschland lebenden Ting Chen ab, der weiterhin im Stiftungsrat bleibt. Abgelöst wurden die von den Wikimedia-Chaptern gewählten Mitglieder Arne Klempert und Phoebe Ayers. An ihre Stelle treten Alice Wiegand, die zuvor im Vorstand von Wikimedia Deutschland war, und Patricio Lorente, ehemaliger Präsident von Wikimedia Argentinien.

Laut dem Jahresplan will die Wikimedia Foundation ihr Budget wieder steigern. Im Geschäftsjahr 2012/2013 soll die Stiftung insgesamt 42 Millionen Dollar ausgeben. Im Vorjahr plante Wikimedia Ausgaben von 29,5 Millionen. Der Anstieg ist auch Teil der geänderten Finanzpolitik der Foundation: Einnahmen, die bisher über die weltweit verstreuten eigenständigen Chapter abgewickelt wurden, sollen künftig über San Francisco fließen.

Über die Verwendung von 11,4 Millionen Dollar soll ein neues Freiwilligen-Gremium entscheiden, das neu zu bildende "Funds Dissemination Committee". Dieses soll sicherstellen, dass Gelder international am besten eingesetzt werden. Die letzte Entscheidung liegt aber bei der Wikimedia Foundation. Diese Pläne hatten in der internationalen Wikimedia-Community für Streit gesorgt. Zur Wikimania in Washington trat auch die im Gegenzug zum Funds Dissemination Committee gegründete Wikimedia Chapters Association zusammen, die die Interessen der Chapter unabhängig von der Wikimedia Foundation vertreten soll. Beide Gremien sind allerdings erst in einem Anfangsstadium.

Ein anderes kontroverses Kapitel wurde in Washington abgeschlossen: Der vorgeschlagene Bilderfilter gegen kontroverse Inhalte wurde von dem Stiftungsrat offiziell zurückgezogen. "Es ist klar geworden, dass das Thema die Community spaltet und von der Arbeit ablenkt", heißt es in dem Vorstandsbeschluss. Nur Jimmy Wales, der mit der eigenmächtigen Löschung umstrittener Bilder für einen Sturm der Entrüstung gesorgt hatte, stimmte dagegen.

[Update 18.07.2012 10:30]:

Wie der Pressesprecher der Wikimedia Foundation Jay Walsh gegenüber heise online mitteilte, wurde die Ablehnung des Bilderfilters vom Stiftungsrat nun doch einstimmig beschlossen. Wales änderte seine Stimme nachträglich mit Hinweis auf die FAQ zu der Entscheidung. Diese betont die Möglichkeit der Communities, eigene Filterlösungen und Richtlinien zu etablieren. (Torsten Kleinz) / (anw)

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