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Wikimedia Deutschland: Streit um strategische Neuausrichtung sorgt für Eklat

Der Verein, der hinter der Online-Enzyklopädie Wikipedia steht, hat in Deutschland den Geschäftsführer Pavel Richter entlassen. Dahinter stehen Konflikte um die weitere Arbeit von Wikimedia Deutschland.

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Pavel Richter, Vorstand von Wikimedia Deutschland, muss gehen: Der gegenwärtige Vorstand tauge nicht für eine Neuausrichtung des Vereins hinter der Wikipedia

(Bild:  Pavel Richter, Lizenz CC BY-SA 3.0 )

In einem überraschenden Schritt hat sich das Präsidium des Vereins Wikimedia Deutschland von dem Vereinsvorstand Pavel Richter getrennt. Der Verein ist offenbar gespalten - so zeigte sich der Präsidiums-Vorsitzende Nikolas Becker mit dem Schritt nicht einverstanden.

In der offiziellen Mitteilung gibt sich der derzeitige Vorsitzende des Präsidiums kryptisch: "Das Präsidium strebt seit längerem eine andere strategische Ausrichtung für Wikimedia Deutschland an, wie auch in dem auf der Mitgliederversammlung vorzustellenden Strategiepapier zum Ausdruck kommt, und ist zu dem Schluss gekommen, dieses nicht mit dem derzeitigen Vorstand umsetzen zu können", heißt es auf der Vereins-Mailingliste. Sprich: Richter soll baldmöglichst ersetzt werden.

Auf der Mailingliste des Vereins distanziert sich Becker gleichzeitig von der Entscheidung, die er als falsch bezeichnet: "Neben der inhaltlichen Dimension bin ich insbesondere auch über die Art und Weise, wie es zu diesem Beschluss kam, zutiefst besorgt." So findet am Samstag in Frankfurt eine ordentliche Mitgliederversammlung statt – eine Abberufung des Vorstands stand dort nicht auf der Tagesordnung.

Der Darstellung Beckers widersprach Sebastian Wallroth, Beisitzer im Präsidium von Wikimedia Deutschland: "Die Abstimmung fiel mit sehr großer Mehrheit ohne Gegenstimmen." Sie sei das Ergebnis eines mehrwöchigen Prozesses. Für die Ablösung Richters gebe es keinen aktuellen Anlass, auch sei an der Leistung Richters nichts auszusetzen. "Das Präsidium strebt seit längerem eine andere strategische Ausrichtung für Wikimedia Deutschland an und ist zu dem Schluss gekommen, dieses nicht mit dem derzeitigen Vorstand umsetzen zu können", erklärte Wallroth gegenüber heise online.

Über die genauen Hintergründe schweigen sich die Beteiligten bisher aus. Aber es gab in der Vergangenheit immer wieder Streit und Zerwürfnisse über die Ausrichtung des Vereins, der 2004 zur Unterstützung der freien Online-Enzyklopädie Wikipedia gegründet wurde.

Zwischen den verschiedenen Akteuren der Wikimedia-Community haben sich in den letzten Jahren tiefe Gräben gebildet. Mitglieder der Freiwilligen-Community misstrauen der Arbeit der Geschäftsstellen, die Ländervereine beklagen Zentralisierungsbestrebungen der Wikimedia Foundation in den USA. Auch die Strukturen von Wikimedia Deutschland sind immer wieder Grund für Streitigkeiten. So steht zur Debatte, wie stark das gewählte Präsidium des Vereins in die Tagesgeschäfte eingreifen kann.

Richter hatte die Geschäftsstelle in Berlin professionalisiert und vergrößert. In den kürzlich bezogenen Büros des Vereins arbeiten mittlerweile über 60 Mitarbeiter. Zu den Aufgaben des Vereins gehören unter anderem die Durchführung der jährlichen Spendenkampagne der Wikimedia, die Unterstützung von Freiwilligen-Projekte und die Arbeit mit Partnerorganisationen.

Doch die Arbeit mit der Community gestaltet sich schwierig: So bietet der Verein zwar ein großes Budget für Community-Projekte an, doch es gelang dem Verein in der Regel nicht genug Freiwillige zu finden, die entsprechende Projekte einreichen. Zu den geförderten Projekten gehören zum Beispiel die Unterstützung von freiwilligen Fotografen, um frei verwendbare Bilder von Künstlern für die Wikipedia zu machen bis zur Anmietung eines Community-Stützpunktes in Köln, in dem Wikipedia-Autoren zusammenarbeiten sollen.

Für Streit sorgte zum Beispiel eine Zusammenarbeit mit dem ZDF, bei der Wikipedianer beim Überprüfen von Wahlkampfaussagen helfen sollten – laut dem Community-Organ Wikipedia:Kurier handelte es sich hierbei um eine "Ressourcenfehlleitung in Reinkultur", da es bei dem Projekt nicht um freies Wissen gegangen sei.

Steffen Prößdorf, Beisitzer im Wikimedia-Präsidium, warf der Geschäftsstelle vor, die Arbeit mit der Community der Arbeit mit anderen Partnern unterzuordnen. "In erster Linie hat Wikimedia Deutschland, allen voran Vorstand und Mitarbeiter der Geschäftsstelle, die Freiwilligen aus den Communitys zu unterstützen. Dem ist alles andere unterzuordnen", schrieb Prößdorf vor kurzem in seinem Blog. (Torsten Kleinz) / (jk)

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