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Wikimedia Deutschland stellt sich neu auf

Holpriger Neuanfang: Einen Tag nach der Wahl eines neuen Präsidiums gibt es bereits den ersten Rücktritt im Wikimedia-Förderverein. Die Wikimedia Foundation will die Mittel kürzen.

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Wikimedia Deutschland stellt sich neu auf

(Bild: Wikimedia Foundation)

Der Haussegen bei Wikimedia Deutschland hängt schief. Spätestens seit der fristlosen Absetzung des Vorstands Pavel Richter im Mai und dem darauf folgenden Rücktritt des Vorsitzenden des Präsidiums Nikolaus Becker war der Streit über Ausrichtung und Kontrolle des Vereins offen ausgebrochen. Auf der Mitgliederversammlung am Samstag wurden das ehrenamtlich arbeitende Präsidium abgestraft und größtenteils durch altbekannte Wikimedia-Aktivisten ersetzt.

Eigentlich sollte die Mitgliederversammlung den Grabenkampf innerhalb des Vereins beenden. Die unterschiedlichen Fraktionen hatten sich in Mailinglisten und Foren über Monate gegenseitig beschuldigt, die Vereinsarbeit zu blockieren, Spendengelder unzulässig ausgegeben oder verschwendet zu haben.

Pavel Richter

(Bild: Wikimedia)

Zur Wahl am Samstag ergriffen die Mitglieder eindeutig Partei: Richter wurde entlastet und die meisten Mitglieder des alten Präsidiums wurden durch Kandidaten ersetzt, die sich gegen die Entlassung ausgesprochen hatten. Die Vereinsmitglieder wählten unter anderem den Gründungsvorstand Kurt Jansson, den im Mai zurückgetretenen Nikolas Becker und den ehemaligen Vorsitzenden Sebastian Moleski. Tim Moritz Hector wurde als Vorsitzender bestätigt. Am Sonntag erklärte die stellvertretende Vorsitzende Anja Ebersbach, die auch dem vorausgegangenen Präsidium angehört hatte, ihren Rücktritt.

Schlechte Nachrichten gab es zuletzt aus San Francisco: Das für die Mittelvergabe zuständige Gremium der Wikimedia Foundation will die Zuteilung für den deutschen Verein von den beantragten 1,2 Millionen auf 840.000 Euro kürzen. Insbesondere die Kosten der Entlassung Richters erschienen der Wikimedia Foundation unverhältnismäßig hoch: "Es ist wahrscheinlich, dass das gleiche Ergebnis erzielt worden wäre, wenn man den Vertrag des scheidenden Vorstandes nicht verlängert hätte." So bekam Richter nicht nur eine Abfindung, sondern wurde als Berater weiter beschäftigt. Die Suche nach einem neuen Vorstand zieht sich unterdessen in die Länge: So wurde ein halbes Jahr nach der Entlassung eine Stellenanzeige veröffentlicht, um geeignete Nachfolger zu finden.

Ebenfalls zeigte sich die Wikimedia Foundation unzufrieden mit der Ausrichtung des Vereins, dessen Erfolge in keinem Verhältnis zu den Kosten stünden. Vertreter von Wikimedia Deutschland hingegen sind der Auffassung, dass die Erfolgskriterien, die die Wikimedia Foundation zu Grunde legt, nicht zur Bewertung der eigenen Arbeit geeignet sind.

Wikimedia Deutschland war das erste Chapter der für die Wikipedia zuständigen Wikimedia Foundation. Zwar hat der Verein keinen direkten Einfluss auf die Online-Enzyklopädie, veranstaltet aber Schulungen, Konferenzen und ist für die Entwicklung des Projekts Wikidata verantwortlich. In der derzeit laufenden Spendenkampagne will der Verein in Deutschland 7,8 Millionen Euro an Spenden einsammeln, die großteils direkt an die Wikimedia Foundation überwiesen werden.

Die Zuteilung ist allerdings nicht die einzige Einnahmequelle des Vereins, der derzeit 60 Mitarbeiter beschäftigt. Insgesamt sieht der Jahresplan 2015 Ausgaben von 4,68 Millionen Euro vor. Eine außerordentliche Mitgliederversammlung im Frühjahr soll nun klären, ob und wie Geld eingespart werden soll. Ebenso sollen die Entscheidungsstrukturen in einem "Governance Review" überprüft werden. (Torsten Kleinz) / (anw)

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