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Wikipedia-Community regelt Rechtsverstöße erfolgreich selbst

Die Selbstreinigungskräfte der Wikipedia funktionieren, sagt der aktuelle Transparenzbericht der Wikimedia Foundation. Der überwiegende Teil der ohnehin seltenen Behördenanfragen zu Nutzerdaten und Löschungen würden ins Leere laufen.

Wikipedia

(Bild: dpa, Jens Büttner/Archiv)

Die Wikimedia Foundation als Trägerin des internationalen Wikipedia-Projekts wird vergleichsweise selten aufgefordert, Nutzerdaten gegenüber Behörden offen zu legen. Ersuchen, Inhalte zu ändern oder zu löschen sind selten. Ihnen wird auch so gut wie nie stattgegeben. Das geht aus dem halbjährlich veröffentlichten Transparenzbericht für den Zeitraum Juli bis Dezember 2017 hervor.

"Die große Mehrheit der inhaltlichen Konflikte wird von den Nutzern selbst gelöst", schreibt die US-amerikanische Wikimedia Foundation in ihrem aktuellen Transparenzbericht. Sämtliche Rechtsersuchen gehen direkt an die Rechtsabteilung der Wikimedia Foundation in den USA, der Betreiberin der Wikipedia. Jan Apel, Sprecher der Wikimedia Deutschland erklärt: "Auch wenn bei Wikimedia Deutschland diese Anfragen eingehen, leiten wir diese weiter. Der Grund dafür ist, dass es bei den DMCA-Anfragen um US-Recht geht."

Wie der Transparenzbericht der jüngsten Halbjahre seit 2013 zeigt, fährt Wikimedia bei diesen rechtlichen Ersuchen generell eine harte Linie: 343 rechtliche Ersuchen, Inhalte zu ändern oder vom Netz zu nehmen, gingen beispielsweise im letzten Halbjahr ein, die von der Rechtsabteilung in den USA geprüft wurden. Diese gab keinem einzigen dieser Ersuchen statt. 33 Ersuchen kamen aus Deutschland, womit Deutschland an zweiter Stelle hinter Spitzenreiter USA mit 78 Ersuchen steht. Die deutsche Wikipedia erhielt 24 Rechtsersuchen, die englische Wikipedia 146. Auf Wikimedia Commons bezogen sich 40 Ersuchen. Was das Recht auf Vergessen anbelangt, so wurde ein einziges Ersuchen eingereicht, dem aber nicht stattgegeben wurde.

Die Wikimedia Foundation erhielt außerdem 12 DMCA-Ersuchen, wobei zwei Ersuchen nachgegeben wurde. Die Nutzer sind gehalten, sich an die Wikipedia-Regeln zu halten, die unter anderem Rechtskonformität einfordern. Nur in extremen Fällen erhält daher die Wikimedia Foundation rechtliche Ersuchen, Inhalte zu ändern oder zu löschen. Als beispielhaft nennt sie den Fall einer Filmproduktionsfirma aus dem Nahen Osten, die sich gegen die Veröffentlichung des Inhalts einer noch auszustrahlenden Fernsehsendung wehrte. In diesem Fall reagierten die freiwilligen Mitarbeiter von Wikipedia schneller als die Wikimedia Foundation und löschten die betreffenden Informationen.

Die Anzahl der eingehenden Anfragen bei der Wikipedia sind im Vergleich zu sozialen Netzwerken sehr gering.

(Bild: Wikimedia Foundation (Screenshot))

Die Wikimedia Foundation erhält seitens Regierungen, Unternehmen und einzelner Personen außerdem Anfragen, die Identität bestimmter Nutzer offenzulegen. Im letzten Halbjahr erhielt sie 15 solche Ersuchen, von denen 20 Nutzerkonten möglicherweise, aber nur zwei Nutzerkonten tatsächlich betroffen waren. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum erhielt Twitter 6448, Google 48.947 und Facebook 78.890 derartige Ersuchen.

Da Wikimedia nur sehr wenige nicht-öffentliche Informationen über die Nutzer sammelt, liegen diese oftmals nicht vor. Überdies werden solche Informationen nur für eine kurze Zeit vorgehalten. Falls dennoch Daten vorliegen, werden die Ersuchen auf Herausgabe der Nutzerdaten sorgfältig überprüft. Falls das Ersuchen rechtmäßig erfolgt und die Wikimedia Foundation rechtlich und organisatorisch dazu in der Lage ist, diesem nachzukommen, wird der betroffene Nutzer vor der Preisgabe seiner Daten informiert. Falls es sich aus Sicht der Wikimedia Foundation um unrechtmäßige Ersuchen handelt, vermittelt sie den betroffenen Nutzern kompetenten Rechtsbeistand.

Die Zahl der Rechtsersuchen bei Wikimedia ist im Vergleich zu anderen Inhalte-Plattformen sehr niedrig. "Das zeigt, wie gut Communities tatsächlich funktionieren", meint John Weitzmann, Leiter Politik und Recht bei Wikimedia Deutschland, und erklärt, dass zum einen viele Rechtsverletzungen bereinigt werden, noch bevor eine Beschwerde eingeht. Zum anderen würden schlecht fundierte Änderungsaufforderungen von den Communities "aufgrund jahrelanger Erfahrung auch sehr gut begründet zurückgewiesen, womit die Angelegenheiten dann meist vom Tisch sind und nicht mehr bei der Wikimedia Foundation landen." Bei der Wikimedia Foundation in den USA landeten damit "nur die wenigen, die nicht bereits vorab bereinigt wurden und bei denen die Communities unsicher oder die Request-Führenden besonders verbohrt sind." (Christiane Schulzki-Haddouti) / (olb)

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