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Wikipedia-Gegenentwurf Citizendium öffnet seine Pforten

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Als Gegenentwurf zur freien Online-Enzyklopädie Wikipedia hatte Larry Sanger das Projekt angekündigt, jetzt hat das Citizendium seine Pforten für die Öffentlichkeit geöffnet. Ein erster Blick offenbart: Der Weg zur Experten-Wikipedia ist steiniger, als geplant.

Larry Sanger war Mitbegründer und erster Chefredakteur der Wikipedia, schied jedoch bereits 2002 aus dem Projekt aus. Im September vergangenen Jahres kündigte er auf der Wizard of OS 4 in Berlin das Citizendium an. Mit einem mehr expertenorientierten Projekt will er den in Wikipedia anzutreffenden Vandalismus ausschließen und statt wild gewachsener Artikel nur fundiertes Wissen von Experten aufnehmen. Bei der Umsetzung stieß Sanger jedoch auf Schwierigkeiten. Zwar berichtet er in seinem Blog von vielen Autoren, die sich dem Projekt angeschlossen hätten, doch die Ergebnisse ließen zunächst zu wünschen übrig. Sanger hatte zuerst angekündigt, Wikipedia-Artikel als Ausgangsmaterial für seine verbesserte Enzyklopädie zu nehmen. Doch in der vergangenen Woche löschte er die unbearbeiteten Wikipedia-Artikel wieder aus dem Citizendium, um Autoren zu eigenständiger Arbeit zu motivieren.

Sanger unterteilt die Mitarbeiter seines Projekts in "Autoren" und "Redakteure". Die erste Gruppe soll wie beim Vorbild Wikipedia frei an Artikeln mitarbeiten können, verbindliche Entscheidungen sollen jedoch nur von den Redakteuren getroffen werden können. Die Redakteure können auch Versionen als "überprüft" markieren und sollen so für die Korrektheit des Artikels bürgen. Damit ähnelt Sangers Entwurf den stabilen Artikelversionen, die Wikipedia-Gründer Jimmy Wales schon im vergangenen Jahr angekündigt hatte. Immerhin einen überprüften Artikel kann Sanger schon vorweisen: Ein zwölfseitiger Artikel über die Biologie steht auf der Homepage zur Ansicht bereit (PDF).

Während der Pilotphase sind Artikel nur für angemeldete Nutzer lesbar. Um an dem Projekt aktiv mitzuwirken, mussten sich angehende Autoren bisher bei Sanger bewerben. Jetzt ist die Anmeldung freigegeben, und prompt hat das Citizendium mit Problemen zu kämpfen. Obwohl Autoren ausschließlich unter Realnamen auftreten sollen, konnten sich Vandalen problemlos anmelden und die Hauptseite des Wikis überschreiben. Zwar wird bei der Anmeldung Realname und Mailadresse verlangt, eine genaue Überprüfung findet derzeit aber wohl noch nicht statt.

Wie die Wikipedia basiert auch das Citizendium auf der Wiki-Software MediaWiki. Die bis jetzt vorhandenen Inhalte stammen größtenteils aus der Wikipedia. Allerdings hat Sanger die Lizenzbestimmungen zur Übernahme der Texte nicht erfüllt. In vielen Artikeln ist lediglich ein kleiner Hinweis auf den Ursprungsartikel, in anderen fehlt er ganz. Auch die Versionsgeschichte der Wikipedia-Artikel fehlt. Damit entspricht die Nutzung der Texte derzeit nicht den Bedingungen der freien Dokumentationslizenz GFDL, unter der die Wikipedia-Artikel stehen.

Sangers Projekt soll von Sponsoren finanziert werden, die allerdings keinen direkten Einfluss auf die Artikel haben sollen. Um dem Projekt eine erste finanzielle Grundlage zu geben, ruft Sanger zu Spenden für das Projekt auf. Eine Organisation, die das Projekt tragen soll, wurde aber noch nicht gegründet. (vbr)

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