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Wikipedia: Härtetests für Qualitätskontrolle

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Die freie Online-Enzyklopädie Wikipedia hat täglich mit Vandalismus, Fehlinformationen und subjektiven Formulierungen zu tun. Die Löschung eines vormals als besonders gut eingestuften Artikels aus der englischsprachigen Wikipedia stellt jetzt die Effektivität der Qualitätskontrolle infrage. Mit den Fans des Satire-Films Borat kann die Wikipedia-Gemeinde jedoch recht gut umgehen.

Der australische Wikipedia-Autor David Still dokumentiert in seinem Weblog den Fall einer Eigenwerbung in der Wikipedia. Der Artikel zur "NPA personality theory" war offenbar vom Erfinder der Theorie selbst erstellt worden – ein Verstoß gegen Wikipedia-Richtlinien. Obwohl die Relevanz dieser Theorie in den Artikeldiskussionen in Zweifel gezogen wurde, blieb der Artikel über Monate nicht nur unbehelligt, er wurde auch als besonders lesenswerter Artikel ausgezeichnet.

Die Kategorie good articles entspricht im Wesentlichen den lesenswerte Artikeln in der deutschsprachigen Wikipedia. Diese Artikel erfüllen nicht alle Qualitätskriterien, die für die Exzellenten Artikel angelegt werden: Zum Beispiel dürfen Teilaspekte eines Themas fehlen, auch über leichte sprachliche Mängel wird hinweggesehen. Trotzdem werden in der Kategorie derzeit nur 1529 von fast 1,5 Millionen Artikeln aufgeführt, in der deutschsprachigen Wikipedia ist der Anteil geringfügig höher.

Still kritisiert, dass der Artikel seit Ende Mai unangefochten in der Kategorie verbleiben konnte, ohne dass es den Wikipedianern aufgefallen wäre. Die Schuld sei aber nicht bei den einzelnen Wikipedianern zu suchen, die sich an der Abstimmung über den Artikel beteiligt haben oder bei den Freiwilligen, die besonders neue Artikel auf Vandalismen und Regelverstöße sichten: "Der Fehler liegt zum Teil in der Struktur der Wikipedia. Die Offenheit der Webseite lässt einen große Menge an Vandalismen zu, die jeden Tag aufs Neue herausgefiltert werden müssen. Das klappt nicht immer innerhalb von Minuten." Die Kontrolleure seien oft auch keine Experten, sondern ganz normale Wikipedia-Nutzer.

Mathias Schindler von Wikimedia Deutschland sieht keinen Grund zur Besorgnis: "Ich schätze, dass die Chance für einen solchen Artikel in der deutschsprachigen Wikipedia denkbar geringer gewesen wäre." Die Einordnung eines Artikels als "exzellent" oder "lesenswert" sollte seiner Meinung nach nicht überbewertet werden. So würden viele Artikel auch wieder von der Liste genommen, wenn sie sich verschlechterten. Die Kriterien für die Artikel-Auszeichnung selbst befänden sich in einem ständigen Fluss.

Mit einfachereren Vandalismen haben es die Wikipedianer im Fall "Borat" zu tun. So nutzten Fans des Films die Offenheit der Wikipedia aus, um die Filmfigur Borat Sagdiyev zum Präsidenten der Republik Kasachstan zu machen, wie britische Medien berichten. Doch diese Art von Vandalismus ist in der Wikipedia relativ schnell unter Kontrolle – der Artikel wurde lediglich für IP-User und frisch angemeldete Nutzer gesperrt, länger registrierte Wikipedia-Autoren können weiterhin an dem Artikel mitarbeiten.

Wenig amüsant fand die deutsche Wikipedia-Gemeinde ein Experiment der Süddeutschen Zeitung. Mitarbeiter der Tageszeitung hatten 17 Falschinformationen in die Wikipedia gestellt, um zu dokumentieren, ob und wann die Fehler korrigiert werden. Immerhin fand die Wikipedia-Gemeinde 12 von 17 Fehlern, bevor der Artikel publiziert wurde. Die Recherchemethode fanden die Wikipedianer jedoch gar nicht angemessen und reagierten verschnupft: Sie sperrten die IP der Süddeutschen Zeitung für die nächsten drei Monate. (Torsten Kleinz) / (Torsten Kleinz) / (jk)

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