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Wikipedia: Kennzeichnungspflicht für PR-Arbeiter

Die neuen Regeln verpflichten bezahlte Wikipedia-Autoren zu Transparenz – öffnen ihnen aber auch ein Stück weit die Tür in die freie Online-Enzyklopädie.

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Die Wikimedia Foundation hat Transparenzpflichten für bezahlte Autoren in die Nutzungsbedingungen der Wikipedia und anderer Projekte aufgenommen. Mit den Änderungen reagiert die Stiftung auf jüngste Skandale um versteckte PR in der Online-Enzyklopädie, öffnet aber gleichzeitig auch die Tür für bezahlte Beiträge.

Mögliche Interessenkonflikte sollen mit den neuen Regeln für die Wikipedia klarer erkennbar sein.

(Bild: dpa)

Die Regeländerungen sollen Mitarbeitern und Community eine Orientierungshilfe für den Umgang mit bezahlten Beiträgen geben, erklärt das Kuratorium der Stiftung in einem offenen Brief. Mit den ab sofort gültigen Regeln werden Autoren verpflichtet, sich in der Wikipedia und ihren Schwesterprojekten zu offenbaren, wenn sie für ihre Arbeit bezahlt werden.

Versteckte PR oder Werbung ist seit Jahren ein Problem der Wikipedia. Da die Online-Enzyklopädie zu den meistgelesenen Webseiten der Welt gehört und routinemäßig in den Medien zitiert wird, sorgen sich besonders Unternehmen und Organisationen um ihre Darstellung in der Wikipedia und versuchen diese in ihrem Interesse zu beeinflussen.

Die Bandbreite der PR reicht dabei von selbstverfassten Artikeln von Schülerbands bis hin zu systematischer Manipulation zahlreicher Artikel. Vielen PR-Arbeitern fehlt dabei jedes Unrechtsbewusstsein. So zeigte sich eine PR-Beraterin in einem Beitrag des ARD-Magazins "Monitor" sichtlich stolz, einen Artikel über ein Produkt ihres Klienten geschrieben zu haben. Nach der Ausstrahlung mussten sie und ihr Kunde feststellen, dass der Artikel von der Wikipedia-Community gelöscht und durch eine allgemeine Informationsseite ersetzt worden war.

Doch die negativen Schlagzeilen nach aufgefallenen Manipulationen sorgen für ein Umdenken in der Branche. So hatten sich elf große PR-Agenturen in der vergangenen Woche verpflichtet, künftig mit offenen Karten zu spielen und sich an die Spielregeln des Freiwilligen-Projekts zu halten. Weitere Agenturen haben sich der Erklärung angeschlossen.

Die neuen Regeln der Wikimedia Foundation sehen nun vor, dass sich bezahlte Autoren innerhalb der Wikipedia offenbaren müssen – entweder in der Zusammenfassung der Änderung, auf der Diskussionsseite des Artikels oder auf der eigenen Autorenseite. Für die Mehrzahl der freiwilligen Mitarbeiter soll diese Regeländerung jedoch keine Folgen haben. Forscher und Mitarbeiter von Museen sollen lediglich dann ihre Arbeitgeber offenbaren müssen, wenn sie explizit im Auftrag Wikipedia-Artikel über diese Institutionen bearbeiten.

Wikimedia-Gründer Jimmy Wales hatte stets eine harte Linie gegen bezahlte PR gefahren. Als im vergangenen Jahr bekannt wurde, dass die Firma Wiki-PR ein Netz aus "Sockenpuppen" genannten Scheinidentitäten aufgebaut hatte, um Artikel zu schreiben, sondern auch in Diskussionen einen Konsens vorzutäuschen, erteilte Wikimedia-Chefin Sue Gardner der Firma ein Hausverbot und drohte mit juristischen Schritten. Eine Angestellte der Stiftung, die auch bezahlte Hilfe beim Schreiben von Wikipedia-Artikeln anbot, wurde entlassen.

Durch die Neuerungen wird bezahltes Editieren nun anerkannte Praxis in der Wikipedia. Die neuen Nutzungsänderungen lassen den einzelnen Wikimedia-Projekten aber die Möglichkeit, eigene Regeln aufzustellen. So gibt es in der deutschen Wikipedia schon lange die Kategorie der verifizierten Benutzer, die besonders von Organisationen und Unternehmen genutzt wird, um Artikel über sich zu korrigieren oder zu aktualisieren. Die Regeln zu Interessenkonflikten raten zwar davon ab, Artikel über sich selbst anzulegen, verbieten es aber nicht ausdrücklich, wenn sich die Autoren an die Vorgaben wie den neutralen Benutzerstandpunkt halten.

Bezahlte oder möglicherweise werblich motivierte Änderungen werden durch die Regeländerung aber nicht automatisch unproblematisch. So hatte das Oberlandesgericht München Ende 2012 einen Unternehmer wegen unerlaubter Werbung verurteilt, weil der Hinweise auf die von ihm importierten Produkte in einen Wikipedia-Artikel eingebaut hatte. Dass er seine geschäftlichen Interessen auf der Diskussionsseite des Artikels offenbart hatte, reichte den Richtern nicht. (Torsten Kleinz) / (vbr)

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