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Wikipedia: Streit über die Weisheit der Massen

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Der ehemalige Chefredakteur der Wikipedia, Larry Sanger, bricht wieder Streit über die "Weisheit der Massen" vom Zaun. In einem Essay in der Süddeutschen Zeitung kritisiert er den "Dilettantismus" der freien Online-Enzyklopädie.

Wie ist der korrekte Geburtsname von Bill Clinton? Findige Wikipedianer haben herausgefunden, dass der ehemalige US-Präsident als "William Jefferson Blythe III" geboren wurde, und nicht wie von der Encyclopaedia Britannica verzeichnet "William Jefferson Blythe IV". Diesen und weitere Fehler der wohl angesehensten traditionellen Enzyklopädie sammeln die Wikipedianer auf einer eigens eingerichteten Fehlerseite, auf der natürlich auch auf die korrekten Artikel in der Wikipedia verwiesen wird.

Für Larry Sanger sind solche Beispiele vermeintlicher Überlegenheit des Wikipedia-Modells und der "Weisheit der Massen" nur Augenwischerei. Obwohl er die Beteiligung einer breiten Öffentlichkeit an Enzyklopädien begrüßt, kritisiert er das Wikipedia-Modell heftig: "Sie haben sich ganz dem Dilettantismus verschrieben; damit meine ich ihre Ansicht, niemandem sollte allein aufgrund seines Fachwissens eine Sonderrolle oder besondere Zuständigkeit in einem Content-Creation-System zugestanden werden."

Notwendig sei eine solche Sonderrolle der Experten, da die Fragen innerhalb der Wikipedia komplex sei und die Zusammenarbeit der freiwilligen Autoren alles andere als ideal gestaltet: "Um überhaupt zusammenarbeiten zu können, sind hier Konsens und Kompromisse unabdingbar." Zwar könnten Menschenmassen häufig erstaunlich genau konkrete und komplexe Fragestellungen wie die Einschätzung der Anzahl von Gummibärchen in einem Krug beantworten – dafür müssten die Antworten der einzelnen Gruppenmitglieder allerdings voneinander unabhängig sein. Die Schaffung von komplexen Enzyklopädietexten sei über ein völlig egalitäres System nicht hinreichend zu lösen.

Dem Egalitarismus der Wikipedia setzt Sanger ein meritokratisches Modell entgegen: Experten sollen gemäß ihrer Verdienste und Erfahrungen mehr Einfluss auf die Inhalte der Enzyklopädie haben. Dieses Modell versucht Sanger in seiner eigenen Wiki-Enzyklopädie Citizendium umzusetzen, die Anfang des Jahres offiziell gestartet ist.

Offiziell begrüßen Vertreter der Wikipedia das Gegen-Projekt zwar als willkommene Ergänzung ihrer eigenen Arbeit, doch für die Umsetzung wird Sanger kritisiert. So fasst der Wikipedia-User Ragesoss zusammen, dass die Wachstumszahlen des Citizendiums noch sehr zu wünschen übrig lassen und sich Sanger mit seinen Freiwillligen noch nicht einmal auf eine Lizenz für die dort erstellten Texte geeinigt habe. Andere Wikipedianer werfen Sanger vor, dass er mit der Kritik an Wikipedia lediglich für sein eigenes Projekt werben wolle, ohne wirklich gangbare Alternativen anbieten zu können.

Unterfüttert wird Sangers Kritik allerdings durch die langsame Entwicklung der Qualitätssicherung in der Wikipedia. So sind die vor über einem Jahr angekündigten stabilen Artikelversionen immer noch nicht umgesetzt worden.

Dass Experten- und Laienwissen durchaus eine Symbiose eingehen können, zeigt das Beispiel Clinton. So hat die Enzyklopaedia Britannica zwar den Geburtsnamen des Ex-Präsidenten inzwischen korrigiert. Allerdings mit einem Schönheitsfehler: Der Name von Clintons Vater blieb unkorrigiert.

Weniger theoretisch, sondern ganz praktisch ist die Kritik von Suchmaschinenoptimierern an der freien Enzyklopädie. Die Wikipedia-Artikel tauchen nämlich bemerkenswert oft auf der ersten Ergebnisseite der Suchmaschine Google auf – für die SEOs (Search Engine Optimizers) ist das wertvoller Platz, der nicht für ein nicht-kommerzielles Projekt verschwendet werden sollte. Um diesem Problem ein Ende zu setzen, hat Will Critchlow ein Suchmaschinen-Plug-in für Firefox erstellt, das eine Google-Suche ohne Wikipedia-Ergebnisse ermöglicht. (Torsten Kleinz) / (jk)

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