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Wikipedia: Zu gut, um nicht zitiert zu werden?

Ungewohnte Töne in Köln: Auf der diesjährigen WikiCon fordern Verlage und Wissenschaftler von der Wikipedia mehr Selbstbewusstsein.

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Reicht die Qualität der Wikipedia an die hohen Ansprüche von Wissenschaft und Lehre heran? Über Jahre hatte sich gerade der Verein Wikimedia Deutschland bemüht, Wissenschaftler mit Wikipedianern zusammenzubringen – ohne durchschlagende Ergebnisse. Auf der Wikipedia-Konferenz WikiCon in Köln zeigt sich: Wikipedia genießt unter Wissenschaftlern inzwischen viel Wertschätzung.

"Die Wikipedia-Community sollte ihren Standpunkt zur Zitierfähigkeit angesichts ihrer Bedeutung für die Wissenschaft neu definieren", sagte Andreas Kuczera von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz. Während Lehrer und Professoren es ihren Schülern und Studenten immer wieder verbieten, aus Wikipedia-Artikeln zu zitieren, hätten sich mittlerweile viele Wissenschaftler daran gewöhnt, die Wikipedia als Wissensplattform für ihre eigene Arbeit zu nutzen.

Der Historiker hatte bei einer Umfrage in seinem Institut festgestellt, dass zwar nur wenige Seminarteilnehmer Wikipedia-Artikel verfassen, jedoch viele der wissenschaftlichen Mitarbeiter bei dem Online-Lexikon aktiv sind. Angesichts der Bedeutung des wissenschaftlichen Diskurses wünsche er sich, dass die Autoren der Artikel auch prominent genannt werden, so Kuczera.

Der Historiker Andreas Kuczera (ganz rechts) wünscht den Wikipedianern mehr Selbstbewusstsein und namentlich gekennzeichnete Artikel. Wikipedianer wie Debora Weber-Wulff (links) sind jedoch skeptisch.

(Bild: Torsten Kleinz)

Während es für Wissenschaftler selbstverständlich ist, ihre Arbeiten unter dem eigenen Namen zu verbreiten und die Zahl der publizierten Fachaufsätze als Gradmesser für den beruflichen Erfolg gilt, wollen sich Wikipedianer mit ihren Beiträgen eher nicht zitieren lassen. "Es geht nicht darum, dass ich einen Artikel geschrieben habe, sondern es geht um die Sache", sagte Debora Weber-Wulff, Professorin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin und langjährige Wikipedia-Aktivistin. Für ihren Standpunkt bekam Weber-Wulff von den WikiCon-Teilnehmern breite Zustimmung: Da Wikipedia ohnehin originäre Forschung verbiete, sollten Nachnutzer besser die in den Wikipedia-Artikeln angegeben Quellen zitieren – und etwaige Fehler im Artikel gleich korrigieren.

Ein Wikipedia-Autor aus dem Bereich Kunst bekräftigte den Wunsch nach Anonymität: "Ich möchte nicht, dass auf mich Druck ausgeübt wird von Künstlern und Museen". Zudem will er nicht, dass jeder nachschlagen kann, wann er seine Zeit in der Wikipedia verbringt.

Gleichzeitig ist es für Wikipedianer ein Ärgernis, wenn ihre Arbeit ohne Erwähnung der Quelle einfach übernommen wird. So hatte der Verlag C.H.Beck ein Buch zurückziehen müssen, nachdem bekannt geworden war, dass das Werk zweier Wissenschaftler in Strecken von Wikipedia übernommen worden war. Ulrich Nolte, Lektor des Verlags, stellte sich in Köln der Kritik, verwies aber darauf, dass es sehr schwer sei, solche Plagiate komplett zu verhindern: "Wir wollen nicht alle unsere Autoren unter Generalverdacht stellen." Gleichzeitig kritisierte Nolte auch das komplexe Lizenzmodell der Wikipedia -- so habe er Probleme als Lektor die Bedingungen der Creative-Commons-Lizenz zu umzusetzen.

Von Seiten der Wikipedia gab es aber auch harte Kritik an der Arbeit des Verlags: "Wie kann ein Verlag seriös sein, wenn er Plagiate druckt?", fragte Weber-Wulff. Nolte versprach Besserung: So seien die Autorenverträge bereits angepasst worden – derzeit überlege der Verlag, wie er Plagiate effektiv verhindern könne.

Die WikiCon 2014 findet vom 3. bis zum 5. Oktober in Köln statt. Die WikiCon 2015 ist im Herbst 2015 in Straßburg im Elsass geplant. (dwi)

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