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Wikipedia auf der Suche nach Stabilität

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Nach Kritik wegen Urheberrechtsverletzungen und falscher Angaben in einer Biographie steht die freie Online-Enzyklopädie derzeit noch immer im Mittelpunkt des medialen Interesses – und die Wikipedia begibt sich auf die Suche nach Stabilität. Mit dem Plan zur Einführung "stabiler Artikelversionen" versucht der Wikipedia-Gründer Jimmy Wales Kritik an der Zuverlässigkeit von Wikipedia-Inhalten zu begegnen und wirbt um die Beteiligung von Wissenschaftlern, die hochqualitative Inhalte beisteuern sollen.

Die Wikipedia kämpft mit einem Umschwung der öffentlichen Wahrnehmung: Statt wie vor den Ereignissen der vergangenen Tage und Wochen an den besten Artikeln, wird das Projekt nun an seinen schlechtesten Artikeln gemessen. Mit der Einführung stabiler Artikelversionen soll das tägliche Hin und Her in der Wikipedia für den unbeteiligten Leser eingeschränkt werden. Hat ein Artikel eine gewisse Qualität erreicht, soll er zur "stabilen Version" erklärt werden. Zwar wird weiterhin eine bearbeitungsfähige Version des Artikels existieren, die Änderungen sollen aber erst nach einer Überprüfung in die stabile Version einfließen.

Wie diese Option letztlich implementiert wird, ist aber noch völlig offen. "Es gibt verschiedene Programmieransätze", erklärt Wikipedia-Sprecher Arne Klempert auf Anfrage von heise online. Bevor ein solches Feature in der Wikipedia freigeschaltet wird, müssen Änderungen in der zu Grunde liegenden Software Mediawiki sorgfältig geplant werden – selbst kleine Neuregelungen können angesichts der Größe der Wikipedia unvorhergesehene Auswirkungen haben. Auch die Frage des Procedere ist noch unbeantwortet: Wer auf welchem Wege die stabilen Artikelversionen bestimmt und neue Versionen überprüft, muss noch geklärt werden. "Ich habe die Hoffnung, dass wir das bis Anfang nächsten Jahres umsetzen können", erklärt Klempert. Garantieren könne man dies aber nicht.

In der Zwischenzeit sind die Richtlinien des englischsprachigen Wikipedia-Projekts um eine weitere Variante erweitert worden: die semi-stabilen Artikelversionen. Statt Artikel für alle Nutzer zu sperren, soll nun auch eine teilweise Sperre für Wikipedia-Neulinge verhängt werden können.

Vor zwei Wochen waren auf Veranlassung von Wales schon alle nicht-angemeldeten Nutzer vom Anlegen neuer Artikel ausgeschlossen worden. Die neue Schutzvorrichtung soll auch Account-Besitzer betreffen, die sich erst kurz zuvor angemeldet haben. Die "halben" Artikelsperren sollen nur bei oft vandalisierten Artikeln angewendet werden – die Rede ist von 20 bis 30 betroffenen Artikeln, wie zum Beispiel der über den US-Präsidenten George W. Bush. Zwar wurde diese neue Richtlinie bei einer Abstimmung unter 110 Wikipedianern mit nur vier Gegenstimmen angenommen und auch von Jimmy Wales begrüßt – ob und wann sie tatsächlich umgesetzt wird, ist jedoch noch offen.

Unterdessen gerät Jimmy Wales selbst in die Kritik, weil er den Wikipedia-Artikel über sich selbst editiert hatte. Wales selbst hatte vorher ein solches Verhalten als "social faux pas" bezeichnet. Das Editieren von Artikeln durch die Betroffenen wird von vielen Wikipedianern kritisch gesehen, da viele Personen eine sehr eigene Sicht über sich in die Wikipedia einbringen – jüngstes prominentes Beispiel waren die bekannt gewordenen Änderungen des Podcasters Adam Curry, der Links auf Seiten von Konkurrenten gelöscht hatte.

In der Artikeldiskussion um Jimmy Wales meldet sich nun Wikipedia-Mitbegründer Larry Sanger zu Wort und wirft Wales vor, die Geschichte der Wikipedia umzuschreiben. Sanger hatte sich von dem Projekt Wikipedia getrennt und arbeitet nun mit an einer Wikipedia-Alternative: Das Projekt Digital Universe setzt wie der Wikipedia-Vorläufer Nupedia auf eine Überprüfung der Inhalte durch Experten und soll Anfang 2006 gestartet werden. (Torsten Kleinz) / (jk)

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