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Wikipedia schaltet anonyme Editoren wieder frei

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In der Wikipedia werden die Regeln für nicht angemeldete Autoren gelockert. Ab kommender Woche können anonyme Autoren in der englischen Ausgabe der freien Online-Enzyklopädie wieder neue Artikel anlegen. Community und die Wikimedia Foundation bemühen sich derweil, den Streit um die Ausrichtung der Wikipedia zu schlichten.

Fast zwei Jahre lang waren nicht angemeldete Autoren nicht in der Lage, neue Artikel anzulegen, sie konnten nur bestehende Artikel verändern. Im Dezember 2005 hatte Wikipedia-Gründer Jimmy Wales diese Sperre beschlossen, um Image-Schäden nach dem ersten großen Wikipedia-Skandal entgegenzutreten. Damals war bekannt geworden, dass der US-Journalist John Seigenthaler per Wikipedia fälschlicherweise bezichtigt wurde, am Mord an US-Präsident John F. Kennedy beteiligt gewesen zu sein.

Ob die Sperre einen positiven Einfluss zur Einschränkung von Vandalismus in dem Gemeinschaftsprojekt hatte, ist unklar. Jimmy Wales hatte mehrmals berichtet, dass sich die Maßnahme als kontraproduktiv erwiesen habe: Die Vandalen hätten sich öfter einen Wikipedia-Account zugelegt – die Arbeitsbelastung der freiwillig arbeitenden Administratoren sei dadurch sogar gestiegen. Eine kürzlich erschiene Studie zeigt zudem, dass die Qualität anonymer Beiträge in der Wikipedia überwiegend positiv ist.

Die Lockerung der Regeln erfolgt nun auf Bewährung: Sollte der Vandalismus daraufhin wieder zunehmen, soll die Sperre wieder angeschaltet werden. In anderen Sprachversionen war die Einschränkung für anonyme Autoren gar nicht übernommen worden – in der deutschen Wikipedia werden anonyme Autoren aber dazu gezwungen, erst eine Voransicht ihrer Änderungen anzusehen.

Der Fall zeigt wieder die verschlungenen Entscheidungswege innerhalb der Wikipedia-Community. So wurde die Community über die Maßnahme lediglich per Mailingliste informiert, vorausgegangen war offenbar ein informelles Treffen von einigen wenigen Community-Vertretern mit Angestellten der Wikimedia Foundation. Die Wikimedia-Vorsitzende Florence Devouard ist über die Entscheidung überrascht, stimmt ihr aber zu. Die einzelnen Communities sollen im Prinzip über die in ihren Projekten herrschenden Regeln selbst entscheiden – wirklich verbindliche oder feste Entscheidungsprozesse gibt es allerdings nicht.

Unterdessen schlägt der Streit um die Ausrichtung des Projektes hohe Wellen. Kernstreitpunkt ist, welche Artikel in die Wikipedia aufgenommen werden sollen. Während die "Inklusionisten" darauf verweisen, dass Wikipedia als nicht papiergebundenes Medium genügend Platz für Triviales habe, verweisen die "Exklusionisten" darauf, dass es schwer ist, qualitativ hochwertige Informationen in einem Umfeld zu pflegen, das sich durch Beliebigkeit auszeichnet. Der Streit sorgt für kuriose Auswüchse: So wurde auch ein Artikel des Wikipedia-Gründers Jimmy Wales umgehend zur Löschung vorgeschlagen.

Derweil macht sich auch die Wikimedia-Vorsitzende Sorgen um das Betriebsklima. So fragt Devouard in einer Mail über die Weiterentwicklung der Wikipedia und ihrer Schwesterprojekte: "Wieviele Experten wurden von der Aggressivität unserer Mitglieder vertrieben? Wie viele neue Autoren wurden durch die Schwierigkeit entmutigt, Tabellen oder Artikelvorlagen zu ändern? Wie viele Neulinge wurden gesperrt, weil sie nicht schnell genug verstanden haben, wie man eine Diskussionsseite nutzt?" Devouard sagt den Neulingen ihre moralische Unterstützung zu, will aber wohl nicht in das komplizierte Regelwerk der Community eingreifen.

Der Streit um die Ausrichtung der Wikipedia wird mittlerweile auch außerhalb des Projekts ausgetragen. So ruft der Webcomic-Autor Howard Tayler in seinem Weblog dazu auf, den neusten Spendenaufruf der Wikimedia Foundation zu boykottieren, bis die Spielregeln des Projektes geändert werden. Tayler stört sich an der Löschung von zahlreichen Artikeln über Webcomics.

Die Wikipedia-Autoren behelfen sich selbst auf höchst unterschiedliche Weise. So bemühen sich in der deutschen Wikipedia seit einem halben Jahr freiwillige Mentoren darum, Neulingen den Einstieg in die Wikipedia möglichst zu vereinfachen. Eine andere Gruppe von Wikipedianern hat sich unterdessen darangemacht, besonders wertvolle Inhalte in ein separates Projekt namens Veropedia auszulagern. Hier finden sich derzeit 3800 Artikel. Das wikipedia-eigene Qualitätsprogramm tritt derweil auf der Stelle. Zwar können Interessenten schon in einem Test-Wiki ansehen, wie in Zukunft stabile Versionen von Wikipedia-Artikeln erzeugt werden sollen. Wann das Projekt wie mehrfach angekündigt in der deutschsprachigen Wikipedia starten wird, steht aber in den Sternen. (Torsten Kleinz) / (Torsten Kleinz) / (jk)

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