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Wikipedia sucht Schiedsrichter

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Wie die freie Online-Enzyklopädie Wikipedia genau funktioniert, ist selbst für Eingeweihte nicht immer leicht nachvollziehen. Um in das kreative Chaos der Mitmach-Enzyklopädie etwas mehr Ordnung zu bringen, sucht die deutsche Wikipedia-Community nun Freiwillige, die als Schiedsrichter in Konflikten entscheiden sollen. In der englischen Wikipedia schwelt unterdessen ein Konflikt um die Verwertung des Pageranks der Wikipedia.

Konfliktlösung in der Wikipedia ist kein einfaches Geschäft. Da jeder Nutzer fast alle Seiten ändern kann, treten Konflikte immer wieder an verschiedenen Stellen auf. Ob es um Sachfragen geht, die in verschiedenen Artikeln eine Rolle spielen oder auch um persönliche Rivalitäten – die teilweise sehr unübersichtliche Struktur der Wikipedia-Diskussionen sorgt dafür, dass Streitigkeiten oft über Monate weitergeführt werden. Selbst wenn ein Admin eingreift, flammen Konflikte schnell an anderer Stelle wieder auf.

Die bisher eingerichteten Vermittlungsausschüsse zeigten sich in der Praxis als wenig erfolgreich – die meisten angestrengten Vermittlungen enden ergebnislos. Das neue Schiedsgericht soll effektiver arbeiten. Nach dem Vorbild des Arbitration Committee der englischsprachigen Wikipedia sollen insgesamt 10 Schiedsrichter in Streitfällen vermitteln und dabei auch Sanktionen verhängen. Die Möglichkeiten reichen von einer Verwarnung bis zur Sperre von Benutzern, das Schiedsgericht soll auch Richtlinien aufheben können, die den Grundprinzipien der Wikipedia widersprechen.

In einer ersten Runde können Wikipedia-Nutzer zum Schiedsrichter nominiert werden: Nur wer 15 Unterstützer vorweisen kann, darf auch für die Wahl kandidieren, die in der kommenden Woche beginnt und am 21. Mai abgeschlossen werden soll. Mit abstimmen dürfen dabei nur registrierte Wikipedia-Autoren, die mindestens 400 Beiträge vorweisen können. In Zukunft soll alle sechs Monate soll eine neue Wahl abgehalten werden.

Da das Schiedsgericht nur von der Wikipedia-Community gewählt wird, hat es keine weitergehenden Rechte. Sollte das Schiedsgericht bestimmen, dass ein Administrator seine Rechte verliert, muss es einen so genannten "Steward" darum bitten, die Entscheidung umzusetzen. In der Regel ist das aber kein Problem, wenn die Arbeitsweise des Gremiums in der Community akzeptiert ist. Oberste Entscheidungsgewalt hat die Wikimedia Foundation mit Sitz in Florida, die den Betrieb der Wikipedia und ihrer Schwesterprojekte finanziert und die Server des Internetprojekts betreibt.

Über die Entscheidungsstrukturen der Wikimedia gibt es zurzeit Streit. So hatte die englische Wikipedia im Januar auf Veranlassung von Wikipedia-Gründer Jimmy Wales eine Nofollow-Policy eingeführt. Seitdem werden externe Links in Wikipedia-Artikeln mit dem Attribut "nofollow" ergänzt. Mit diesem Befehl werden Suchmaschinen angewiesen, den entsprechenden Links nicht zu folgen. Diese Maßnahmen soll Spammer abschrecken, Werbelinks in der Wikipedia zu platzieren, denn mit dem Nofollow-Attribut versehene Links haben keinen Einfluss auf das Suchmaschinen-Ranking der verlinkten Seiten. Ausnahme von der Praxis sind die so genannten Interwiki-Links, die ursprünglich zu einer besseren Vernetzung von Wikis untereinander eingeführt worden waren.

Einigen  Bloggern stößt es nun sauer auf, dass die Links auf Wikis der Firma Wikia zu diesen Ausnahmen gehört: Wikipedia-Links haben also die volle Wirkung auf die Suchmaschinenplatzierung von Wikia-Seiten. "Wenn man wie Wikia hunderte von Wikipedia-Links mit dem Pagerank 8 erhält, bedeutet das eine Steigerung der Werbeeinnahmen um etliche Tausend Dollar" schreiben die Gründer der Firma Valuewiki erbost in ihrem Blog.

Grund der Beschwerde: Valuewiki selbst wurde ohne Angaben von Gründen ein Eintrag auf der Interwiki-Liste verwehrt. Derzeit profitieren cirka 350 Webseiten von dieser Interwiki-Regel. Pikant daran ist, dass die Firma Wikia dem Wikipedia-Gründer Jimmy Wales gehört und dass nur die Wikimedia Foundation selbst diese Praxis ändern kann – die Community kann in solch zentralen Konfigurationsfragen nicht mitentscheiden. Die Wikimedia Foundation scheint jedoch kein Interesse zu haben, diese Interwiki-Praxis zu ändern. In einem entsprechenden Antrag verweist Wikimedia-Chefentwickler Brion Vibber darauf, dass die Interwiki-Links dazu dienen, des Spammens unverdächtige Seiten freizuschalten. (Torsten Kleinz) / (jk)

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