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Wikipedia wirbt um Wissenschaftler

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Auf der Konferenz Wikipedia Academy in Frankfurt (Main) wirbt der Verein Wikimedia Deutschland derzeit um die Beteiligung von Wissenschaftlern an der freien Online-Enzyklopädie. Denn obwohl viele der freiwilligen Autoren selbst einen Hochschulabschluss haben, findet die Wikipedia in der akademischen Welt nur schwer Anerkennung und Mitstreiter.

David Ludwig vom Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik schlägt vor, den Spieß herumzudrehen. Die Bemühungen, Wissenschaftlern die Wikipedia als Publikationsplattform schmackhaft zu machen, seien zum Scheitern verurteilt, da die Online-Enzyklopädie die wesentlichen Mechanismen des akademischen Reputationsmechanismus unterlaufe: "Je exklusiver ein Journal ist, desto mehr Reputation hat es für die Autoren", erklärt Ludwig – die Wikipedia hingegen kann aufgrund ihrer prinzipiellen Offenheit keinerlei Exklusivität bieten.

Für die Wikipedia gilt das strategische Ziel, dass in zehn Jahren rund 20 Prozent aller Autoren Wissenschaftler sein sollen, die sich an Artikeln zu ihrem Fachbereich beteiligen. Heute ist die Wikipedia davon noch weit entfernt: Auch wenn eine Umfrage aus dem Jahr 2009 ergeben hat, dass 57 Prozent der befragten Wikipedianer über einen akademischen Abschluss verfügen, hat die Online-Enzyklopädie als Medium für Wissenschaftler eine geringe Bedeutung.

Um die akademische Gemeinschaft zum Mitmachen zu bewegen, plädiert Ludwig dafür, die Enzyklopädie als Medium für Wissenschaftskommunikation zu etablieren. "Als Teil der Gesellschaft muss die Wissenschaft ihre Ergebnisse und Methoden kommunizieren", sagt Ludwig. Mit diesem Argument sollten nicht nur einzelne Wissenschaftler, sondern Forschungsinstitutionen zur Mitarbeit gewonnen werden. Professionelle Wissenschaftsautoren könnten die neusten Forschungsergebnisse in die Wikipedia einbringen. Bei den Wikipedianern stieß das nicht auf ungeteilte Zustimmung – die Grenze zwischen PR und Wissenschaftskommunikation sei in manchen Bereichen nur schwer zu ziehen. Zudem würde die Einbindung von bezahlten Wikipedia-Autoren in der Community zu einigen Spannungen führen.

Dabei könnte die Wikipedia die Mitarbeit von Wissenschaftlern gut gebrauchen, erläuterte Achim Raschka, der im Vorstand von Wikimedia Deutschland für Qualitätsinitiativen zuständig ist. "Gerade die Grundlagenartikel wurden oft in den Anfangsjahren der Wikipedia geschrieben und seitdem nicht mehr fundiert überarbeitet", sagt Raschka und teilt damit die Kritik, die auch andere Wissenschaftler angebracht haben.

Um die Qualität der Wikipedia nachhaltig zu steigern, hat Wikimedia Deutschland verschiedenste Initiativen gestartet – von einem Literaturstipendium für engagierte Autoren bis zu Schreibwettbewerben. Darüber hinaus sollen Leser möglichst schnell die Qualität eines Artikels einschätzen können. Automatisierte Verfahren wie bei Wikibu.ch oder Wiki-Watch seien hierzu kaum in der Lage. "Um die Qualität zu beurteilen, muss man sich die Artikel tatsächlich ansehen", sagte Raschka.

Ludwig warnt aber davor, die Wikipedia mit erhöhten Zugangsschranken an die heutige akademischen Gewohnheiten anzupassen, in dem man zum Beispiel die Autoren eines Artikels prominent publiziert oder den Artikelzustand einfriert und somit Laien von Änderungen ausschließt. "Ein moderater Elitismus wird nicht funktionieren", sagt Ludwig. So hatte es zum Beispiel Wikipedia-Mitgründer Larry Sanger mit seinem Projekt Citizendium versucht – derzeit steht das Portal jedoch wegen finanzieller Schwierigkeiten kurz vor dem Scheitern. (Torsten Kleinz) / (vbr)

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