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Windows Phone: A Long Goodbye

What happens in Vegas, stays in Vegas. Leider stimmt das nicht immer. Auch ich bin in Las Vegas fremdgegangen – und stecke jetzt mitten in einer Trennung. Windows Phone und ich haben keine Zukunft. Aber wir hatten eine gute Zeit.

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Windows Phone: A Long Goodbye

Auf der CES 2016: Das Lumia spielt noch die erste Geige.

(Bild: heise online)

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Auf Messen wie der CES (die nächste Ausgabe steht im Januar ins Haus) stimmen wir uns untereinander und mit der Redaktion in Hannover in Hangouts ab. Mit meinem Lumia bin ich da raus: Google hat für seinen Messenger zwar eine iOS-App, Windows Phone jedoch immer die kalte Schulter gezeigt. Also hab ich immer noch ein Zweithandy im Gepäck, meistens ein Android-Smartphone aus unserem Testgerätefundus. In Las Vegas war das ein Nexus 5 von LG.

Doch irgendwas war dieses Mal, Anfang 2016, anders. Nach einer knappen Woche CES dachte ich zum ersten Mal ernsthaft darüber nach, auf Android umzusteigen. Im Laufe dieses Jahres passierte das noch häufiger.

Fünf Jahre Windows Phone (15 Bilder)

Das Line-up zur Einführung von Windows Phone war nicht so inspirierend.
(Bild: Microsoft)

Ich bin nicht der Typ, der hunderte Apps auf seinem Smartphone hat. Die paar wichtigen Anwendungen, die ich brauche, gibt es auch für Windows Phone. Und wenn nicht "offiziell", dann von den zahlreichen engagierten Entwicklern, deren Apps oft besser sind als die Originale. 6tag von Rudy Huyn zum Beispiel ist der Instagram-App weit überlegen (das gilt auch für seine Tinder-App).

Den "App Gap" habe ich deshalb nie wirklich als Nachteil empfunden. Aber wenn Amazon und Paypal abspringen, dann merkt man das. Zudem mehren sich die Anzeichen, dass einige der ohnehin wenigen Anbieter, die Windows Phone unterstützt haben, den Schritt zu Windows 10 Mobile nicht mehr gehen wollen. Und nach der CES-Woche mit Android kann ich auch nicht mehr ignorieren, dass viele Windows-Apps den iOS- und Android-Versionen bei Features und regelmäßigen Updates nicht das Wasser reichen können.

Und das ist verdammt schade. Denn ich halte Windows Phone für die einzige wirkliche Alternative im OS-Einerlei. Android und iOS verfolgen das seit Jahren etablierte Desktop-Prinzip, das wir von den frühen grafischen Nutzeroberflächen kennen. Seit dem Palm Pilot und den ersten Smartphones hat sich da nicht viel geändert. Symbian, Windows Mobile, iOS, Android: Symbole auf dem "Schreibtisch".

Als 2007 das erste iPhone herauskam, bin ich noch mit einem alten Handy rumgelaufen. Das war ein Sony Ericsson W910i, so ein Walkman-Handy. Heute würde man neudeutsch "Feature Phone" dazu sagen. Auf dem Mobile World Congress habe ich dann 2009 das Palm Pre zum ersten Mal gesehen. Palms verzweifelter letzter Versuch wurde mein erstes richtiges Smartphone.

WebOS war toll. Auch wenn es seine Herkunft nicht verhehlen konnte, haben sie bei Palm ein paar Sachen anders gemacht als die anderen. Die Idee mit den Karten war ein echter Usability-Fortschritt. Leider hat man der Hardware angemerkt, dass der Hersteller aus dem letzten Loch pfeift. Lange gehalten hat das Pre dann auch nicht, nach nicht einmal zwei Jahren hat sich das Ding irgendwann einfach verabschiedet.

Besonders geschätzt habe ich am Pre die Tastatur zum Rausschieben. Als Kollege Himmelein dann sein Dell Venue Pro verkaufen will, ist der Ersatz schnell gefunden. Windows Phone? Warum nicht. Mal was anderes. Das war mir sofort klar, als Steve Ballmer auf dem Mobile World Congress 2010 Microsofts neues Smartphone-OS erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt hat. Windows Phone war ein Neuanfang, den man Microsoft nicht unbedingt zugetraut hatte.

Windows Phone 7 war zwar technisch noch nicht ganz ausgereift, doch das Konzept hat mich schnell überzeugt: Die viel geschmähten "Kacheln" transzendieren das Desktop-Prinzip. "Live Tiles" lassen sich nicht nur in Größe und Farbe den Wünschen des Benutzers anpassen, sie zeigen auch aktuelle Inhalte aus den Apps an. Bei Windows Phone wollte Microsoft den Nutzer in den Mittelpunkt stellen, Social-Media-Accounts sind direkt eingebunden. Die "Metro" genannte UI mit vielen typographischen Elementen hatte Microsoft für den Mediaplayer Zune entwickelt.

Aber Microsoft war spät dran mit Windows Phone. Die erste Version wirkte dann auch wie ein Schnellschuss: Die Metro-UI über den alten Windows-Mobile-Kernel gelegt. Zack, fertig, neues Betriebssystem. Mit Windows Phone 8 und dem Wechsel auf einen NT-Kernel blieben auch zahlreiche Unterstützer der ersten Stunde zurück, für deren Smartphones das neue System nicht geeignet war. Für sie gab es als Trostpflaster das Feature-Update auf 7.8, das ein bisschen WP8-Feeling auch auf alte Gurken wie mein Dell brachte.

Original und Fälschung: Mein Lumia 830 und das Nexus mit Kacheln.

(Bild: heise online)

Und dann war da noch das mit Nokia. Zwei Abgehängte unternehmen einen verzweifelten letzten Versuch, den Vorsprung der Anderen noch aufzuholen. Es endet im Desaster: Nokia abgewickelt, Zehntausende entlassen, Milliardenabschreibung. Rückzug in die Nische. Immerhin sind dabei ein paar ansehnliche Smartphones herausgekommen wie das Lumia 830, das ich derzeit noch mit mir rumschleppe.

Die CES 2017 geht dieses Mal für uns besonders früh los. Am 1. Januar steige ich wieder in ein Flugzeug nach Las Vegas. Das Lumia ist zwar auch wieder mit dabei, aber nur als Zweitgerät. Und zum Glück gibt es einen Launcher, der das Windows-Phone-Feeling auf ein Android-Smartphone bringt: Mein Nexus 6P hat jetzt auch Kacheln. (vbr)

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