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Technology Review

"Wir alle sind potenzielle Verschwörungstheoretiker"

Was tun, wenn Freunde oder Verwandte Geschichten über finstere Machenschaften verbreiten? Der Psychologe Rob Brotherton hat das Denken von Verschwörungstheoretikern untersucht.

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Area 51, Alien, Verschwörungstheorien

(Bild: mdherren, gemeinfrei (Creative Commons CC0) )

„Wir alle sind potenzielle Verschwörungstheoretiker“, sagt der US-Psychologe Rob Brotherton im Interview mit dem Magazin Technology Review (aktuelle Ausgabe 1/2018 jetzt am Kiosk oder online zu bestellen). „Unser Hirn funktioniert nun mal so, ob wir daran glauben oder nicht. Zum Beispiel neigen wir dazu, hinter Ereignissen eher Absichten als Zufälle zu sehen.“

Rob Brotherton

Für Brotherton ist dies ein gesunder geistiger Mechanismus: „Nur so konnte sich unsere Spezies durch die Evolution erfolgreich entwickeln: Wer sich mit Unwissen abfindet, lernt auch nicht, die Welt besser zu verstehen und sich auf sie einzustellen.“ Außerdem seien Verschwörungstheorien „auf paradoxe Weise beruhigend: Sie sind einerseits zwar beängstigend, weil sie überall böse Kräfte sehen. Auf den anderen Seite sagen sie aber auch, dass es eine einfache Lösung gibt: die Wahrheit zu enthüllen.“ Zudem bedienen sie das Bedürfnis nach Einzigartigkeit: „Als Verschwörungstheoretiker nimmt man eine Minderheitenposition ein, also hebt man sich von der Masse ab.“

Skeptisch werden solle man allerdings spätestens dann, „wenn Verschwörer als ungewöhnlich kompetent beschrieben werden“, meint Brotherton. „In der realen Welt sind die Verschwörungen eher klein und begrenzt, etwa um ein Verbrechen zu vertuschen oder eine Versicherung zu betrügen. In der Welt der Verschwörungstheorien hingegen gibt es diese großen, ausgeklügelten Plots, um globale Ereignisse anzustoßen oder uns alle zu versklaven. Diese großen Pläne werden nahezu perfekt ausgeführt, aber sie hinterlassen trotzdem gerade genug Spuren, dass Verschwörungstheoretiker ihnen auf die Schliche kommen können.“

Wie man nun mit Verwandten oder Freunden umgehen soll, die Verschwörungstheorien verbreiten, auf diese Frage hat Brotherton keine Patentantwort. „Es gibt sehr wenig Forschung darüber. Ich vermute, es ist entscheidend, die Leute einfach ihre Position erklären zu lassen, was sie denken und warum sie es denken. Es ist besser, sie selbst ihr Denken hinterfragen zu lassen, als eine Debatte anzuzetteln. Dann wird es schnell zu einem Wettkampf, wer den anderen überzeugen kann.“

Was als rhetorische Strategie auf jeden Fall nicht funktioniere: „Darauf hinzuweisen, dass es für eine Verschwörungstheorie keine Beweise gibt. Das erwarten Verschwörungstheoretiker ja ohnehin.“

Rob Brotherton ist Wissenschaftsautor und Assistenzprofessor für Psychologie am Barnard College in New York. Er hat die Webseite conspiracypsychology.com ins Leben gerufen, die sich mit der Psychologie von Verschwörungstheorien beschäftigt. In seinem Buch „Suspicious Minds“ hat er die aktuelle Forschung zu diesem Thema zusammengefasst. (grh)

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