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"Wir halten uns für unglaublich schlaue Leute. Warum benehmen wir uns dann nicht auch so?" – zum Tod von Jörg-Olaf Schäfers

Er war Blogger, Netzaktivist und Netzbürger der ersten Stunde. Wie am gestrigen Montag bekannt wurde, ist Jörg-Olaf Schäfers an seinem Wohnort Paderborn im Alter von 38 Jahren gestorben. Mit seiner unermüdlichen Arbeit hat er die deutsche Netzszene und die Netzpolitik mit geprägt.

"Ich mein’, wir halten uns für unglaublich schlaue Leute. Informationselite, mindestens, keine Internetausdrucker und DAUs. Warum benehmen wir uns dann nicht auch so?" schrieb Jörg-Olaf Schäfers noch im April, als der Konflikt um die "Digitale Gesellschaft" hohe Wellen schlug. Im Beitrag hatte er den Werdegang der netzpolitischen Bewegung in Deutschland – und damit auch seinen eigenen Lebenslauf nacherzählt. Von Organisationen wie dem FITUG, dem Kampf gegen die Netzsperren in Nordrhein-Westfalen bis hin zum Scheitern der Novellierung des Jugendmedienschutz-Staatsvertrags – in vielen entscheidenden Kämpfen hatte sich Jörg-Olaf Schäfers engagiert.

Dass die Netzpolitik heute in allen Bundestags-Fraktionen etabliert ist, wird dem Medienwandel, dem Generationswechsel zugeschrieben. Doch die Wahrheit ist eine andere. Hinter den Entwicklungen stecken Leute wie Jörg-Olaf Schäfers. Wenn er sich ein Ziel auserkoren hatte, war er durch fast nichts zu stoppen. Er sammelte Informationen, dokumentierte haarklein Fakten und Argumente. Er beließ es nicht dabei, sich lauthals zu beschweren und überall Verschwörungen zu wittern, sondern arbeitete sich auch in komplizierte Materie ein. Dabei zeigte er beträchtliches Durchhaltevermögen. Wo andere aufgrund der Komplexität oder Aussichtslosigkeit lange aufgegeben hatten, versuchte er weiterzukämpfen. Er sah das Internet nicht als Spielzeug, sondern als ein Mittel zum Wandel und zur gesellschaftlichen Teilhabe. Frustriert war er, wenn die Menschen, denen er Mitsprache einräumen wollte, dann doch wieder in altbekannte Verhaltensmuster verfielen, statt sich der Sache zu widmen.

Mit enormen Zeitaufwand hatte er zum Beispiel die komplizierten Entscheidungsprozesse hinter dem Jugendmedienschutz-Staatsvertrag transparent gemacht. Er stellte Sitzungsprotokolle zusammen, analysierte Änderungsanträge und schrieb im Blog Netzpolitik dutzende Artikel zum Thema. Er wollte sich nicht damit abfinden, dass ein überkommenes System durch politische Gesetzmäßigkeiten immer weitergetragen wurde. Um das zu verhindern, argumentierte und stritt er mit den obersten Vertretern der Staatskanzleien genau so wie mit den Kommentatoren bei Netzpolitik.org. Seine Beiträge waren dabei immer pointiert, wenn auch manchmal mit bissiger Ironie versehen. Dabei behielt er immer im Blick, was durchsetzbar war und welche negativen Folgen Vorschläge aus der Netzgemeinde haben würden. Und er ging keinem Streit aus dem Weg, wenn er etwas für falsch hielt oder nicht der Sache dienlich.

Jörg-Olaf Schäfers arbeitete meist aus der zweiten Reihe. Als andere das Bloggen zum Broterwerb und zum Markenartikel machten, löschte er sein eigenes Blog, das er "yet another media blog" getauft hatte. Stattdessen arbeitete er bei vielen anderen Projekten mit. So war er seit Jahren in der Nominierungskommission des Grimme-Online-Awards, bestückte eine Kolume in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und arbeitete beim "Elektrischen Reporter" mit. Zu öffentlichen Auftritten musste er von Freunden eher genötigt werden. Trotz gesundheitlicher Probleme reiste er aber öfters quer durch Deutschland, um einen Dialog mit Menschen in Gang zu bringen, die – anders als er – das Netz nicht als Lebensraum entdeckt hatten.

Zahlreiche Blogger betrauern den Tod des Netzaktivisten. Felix Schwenzel schreibt: "Jörg-Olaf schwomm nie mit dem Strom, sondern stets mit seinen Überzeugungen. Wir waren nicht immer der gleichen Meinung, aber ich hatte stets das Gefühl, dass seine Überzeugungen oder Argumente fundierter als meine waren." Netzpolitik.org-Gründer Markus Beckedahl würdigt die Arbeit von Jörg-Olaf Schäfers: "Es gibt nur sehr wenig Menschen, die sich über einen so langen Zeitraum engagiert für eine bessere Netzpolitik in Deutschland eingesetzt haben, dabei blieb er stets hochmotiviert, engagiert und voller Tatendrang." (Torsten Kleinz) / (jk)

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