"Wir leben von Vinyl": LPs und Singles aus Diepholz in die Welt

LPs und Singles sind für viele Musiker und Bands ein Muss und finden auch bei Jüngeren Anklang. Gepresst wird teils auf alten Maschinen.

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(Bild: Morrowind/Shutterstock.com)

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  • Helmut Reuter, dpa

Hagen Günzel ist Experte für Knistern, Knacken und Rauschen. Vor ihm drehen sich die Plattenteller unaufhörlich. Er und seine Kollegen arbeiten mit Kopfhörern an vier Arbeitsplätzen in einem schallgedämpften Kontrollraum in einem der letzten großen Vinyl-Presswerke Europas, der Pallas GmbH im niedersächsischen Diepholz.

Schlager, Pop, Rock, Klassik – auf musikalische Präferenzen kann bei der Laufkontrolle keine Rücksicht genommen werden. "Man muss nehmen, was kommt", sagt Günzel lächelnd. Wird ein Fehler entdeckt oder vermutet, wird der Plattenteller per Hand zurückgedreht, die Stelle noch mal nachgehört. Entsprechend hoch ist der Nadelverschleiß am Plattenspieler.

Wer den stillen Raum betritt, kann die leisen Töne hören, die von den jeweiligen Kopfhörern nach draußen dringen. Weiche Cello-Klänge mischen sich da mit schrillen Heavy-Metall-Wummerschlägen. "Fünf Tage die Woche, in drei Schichten", sagt Dominic Neumann. Er steht in dem Familienunternehmen für die vierte Generation. Sein Urgroßvater Karl gründete das Unternehmen 1948, Großvater Rolf führte es weiter, der Vater Holger Neumann übernahm die Leitung 2002. "Wir leben von Vinyl", sagt der 33-Jährige.

Es gab Rückschläge wie am Ostermontag 2013, als die Fertigungshalle bis auf die Grundmauern abbrannte. Aber schon im Sommer 2014 ging die Arbeit in einer neuen Halle weiter.

Aus Diepholz werden Langspielplatten und Singles in die ganze Welt geliefert. Australien, USA, Asien und Europa. 5 bis 5,5 Millionen Scheiben werden bei Pallas jedes Jahr gepresst. Zu den Kunden gehören Major Labels oder auch kleine Bands, die bei der Erstauflage ab 500 Stück bestellen können. "Bei einer Nachauflage fangen wir auch bei 300 an", sagt Neumann.

Die 12 Pressvollautomaten sind teils aus den 1950er Jahren und im Dauerbetrieb. Vor einigen Jahren gab es aufgrund des Vinyl-Booms weltweite Produktionsengpässe. Die US-Heavy-Metall-Band Metallica sicherte sich deshalb in Diepholz eine Pressmaschine – oder besser gesagt deren Kapazität. Die Band kann bei Pallas immer pressen lassen. "Metallipress" steht auf der Maschine der Band und der deftige Spruch "Vinyl Up Your Ass", der wohl an einen ursprünglich geplanten Album-Titel ("Metal Up Your Ass") erinnern soll.

Ob schwarz, einfarbig, mehrfarbig oder ganz bunt: das 140 Mitarbeiter zählende Unternehmen Pallas presst die 140 oder 180 Gramm schweren Scheiben nach Kundenwunsch. Das Granulat wird entsprechend gemischt, erhitzt, zu einem Massekuchen geformt und dann unter hohem Druck gepresst. Die Etiketten werden direkt mit dem heißen Vinyl verpresst. Danach wird der überstehende Plattenrand geschnitten. Aus ökologischer Sicht ist die Produktion umstritten.

"Eigentlich ist die Platte dann fertig", so Neumann. Die Zahl der Abnehmer für die mit 33 Umdrehungen pro Minute abgespielten LPs steigt kontinuierlich. In Deutschland erreichte der Umsatz bei Vinyl-LPs 2019 ein neues Zehn-Jahreshoch von immerhin 79 Millionen Euro – das waren 13,3 Prozent mehr als 2018, wie aus Zahlen des Bundesverbandes Musikindustrie (BVMI) hervorgeht.

Im ersten Halbjahr 2020 lag das Plus bei 4,6 Prozent, der Gesamtanteil am Musikmarkt weiter bei nur etwa 4,5 Prozent. "Wir sehen über die letzten Jahre in der Nische ein deutliches Wachstum", bilanziert BVMI-Vorstandschef Florian Drücke.

Die Schallplatte habe sich – drei Jahrzehnte, nachdem sie fast vollständig von der CD verdrängt wurde – als Sammelobjekt und auch als Tonträger mit besonderem Klang attraktiv gehalten. "Allerdings muss man auch die Maßstäbe sehen: Letztes Jahr wurden 3,4 Millionen Vinyl-Schallplatten verkauft im Vergleich zu immer noch rund 40 Millionen CDs. Es bleibt eine Nische, aber eine sehr schöne und wertige Nische", so Drücke.

In dieser Nische sind auch Marc Braun und Guido Gulbins unterwegs und zu Hause und zwar seit Jahrzehnten. In ihrem 2019 eröffneten Laden "Black Plastic" in Bremen stehen rund 10.000 Platten. "Als die CD aufkam, hat man ja vermutet, dass nur die Ewiggestrigen weiter auf den Tonträger Vinyl setzen", erinnert sich Braun. "Es ist aber erstaunlich, wie viele junge Menschen heute Vinylplatten kaufen."

Wie ist die bleibende Vinyl-Begeisterung zu erklären? "Das haptische Vergnügen ist einfach viel größer als bei anderen Tonträgern. Man hat nicht nur die Musik, sondern auch etwas zum Angucken und zum Lesen", sagt Braun, der zu Hause mehr als 20.000 Platten hat, und auch schon einen Plattenladen in Portugal hatte. Ein Tabu sind CDs oder Streamingdienste für ihn nicht. "Ich bin Musikliebhaber. Wenn ich aber aussuchen kann, dann nehme ich am liebsten die Schallplatte." (kbe)